Shakespeares Werk : Schillernde Helden, finstere Schurken

Die Shakespeare- Gesellschaft tagt unter Leitung ihrer neuen Präsidentin Claudia Olk an der Freien Universität Berlin.

Nora Lessing
Shakespeares Werke gehören an deutschen Theatern zum festen Repertoire. Bilder und Musik der besonderen Art zeigt die Inszenierung seiner Sonette von Robert Wilson und Rufus Wainwright am Berliner Ensemble.
Shakespeares Werke gehören an deutschen Theatern zum festen Repertoire. Bilder und Musik der besonderen Art zeigt die Inszenierung...Foto: Promo/Lesley Leslie-Spinks

Unterhaltung und Gesellschaftskritik gehen in seinen Stücken Hand in Hand: William Shakespeares Dramen und Gedichte faszinieren auch heute noch. Neben dem hohen Unterhaltungswert der Stücke überzeugen die Protagonisten Hamlet, Kleopatra und Co. durch ihre Vielschichtigkeit und die analytische Präzision der Charakterzeichnung.

„Shakespeares Werk weist einen unheimlichen Reichtum auf“, sagt Claudia Olk, Präsidentin der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft und Professorin am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität. „Das zeigt sich unter anderem auch an den shakespeareschen Figuren. Die fundamentalen Ambivalenzen des Heldischen werden auf eindrucksvolle Weise deutlich“, betont Claudia Olk.

Die Komparatistin mit dem Schwerpunkt Anglistik beschäftigt sich bereits seit ihrer frühen Studienzeit intensiv mit dem 1564 im englischen Stratford-upon-Avon geborenen Dramatiker. Dabei fasziniert sie vor allem der thematische Reichtum seines Werkes, das zugleich unterhalte, Historisches verarbeite und scharfzüngige Gesellschaftskritik mit amüsanten Wortspielen verknüpfe: „Shakespeares Stücke sind zeitlos, was sie so besonders macht, lässt sich kaum auf einen Nenner bringen. Jedes für sich ist etwas ganz Besonderes.“

Heutige Debatten können mit Shakespeares Tiefe kaum Schritt halten

Ein Merkmal des shakespeareschen Werkes sei, dass der Autor bei aller analytischen Schärfe keine seiner Figuren der Lächerlichkeit preisgebe, sagt Olk. So zeige sich etwa in der Thematisierung von gesellschaftlicher Ausgrenzung in der um 1600 veröffentlichten Komödie „Der Kaufmann von Venedig“ ein großes Bewusstsein für die gesellschaftlichen Probleme der damaligen Zeit.

„Shakespeares Stücke zeigen gesellschaftliche und persönliche Konflikte auf und setzen sich mit diesen auseinander. Mit der inhaltlichen Tiefe dieser Auseinandersetzung können selbst heutige Debatten mitunter nicht Schritt halten.“ Insofern seien seine Werke viel mehr als nur Klassiker, die gepflegt werden müssten.

Dem Werk Shakespeares widmet sich Olk forschend wie lehrend: als Professorin an der Freien Universität und im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Präsidentin der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. Sie ist die erste Frau, die dem 1864 gegründeten, weltweit ältesten Verein seiner Art vorsteht.

Die Zielsetzung des Vereins ist es, die Rezeption von Shakespeares Werken zu fördern. Unter den Mitgliedern sind Literatur- und Theaterfreunde ebenso wie Lehrer, Autoren und Wissenschaftler. „Wir pflegen den Austausch mit herausragenden Wissenschaftlern, Kulturschaffenden und interessierten Laien gleichermaßen. Publikum und Vortragende sind also nicht nur akademisch fokussiert.“

Intrigant, blutdurstig: Den gottähnlichen Heros sucht man vergeblich

Die Hauptursache dafür, dass uns Shakespeares Dramen heute noch faszinieren, sieht Claudia Olk in deren Komplexität und universaler Bedeutung. „Sie weisen über ihren Entstehungskontext und den Horizont der Epoche hinaus.“ Gleiches soll für das Thema der Tagung gelten, das Claudia Olk und ihr Team gewählt haben – es lautet „Helden und Heldinnen bei Shakespeare“. Das Motiv dränge sich bei den rund 40 überlieferten Bühnenstücken mit starken Charakteren geradezu auf, sagt die Wissenschaftlerin: „Shakespeare hat einige der schillerndsten literarischen Heldenfiguren geschaffen und unsterblich gemacht. Das Ideal eines Hamlet wird nicht so schnell erreicht werden.“

Besonders das Zwiespältige mache die Figuren so erinnerungswürdig: „Das gilt für Shakespeares Helden und Antihelden gleichermaßen. Richard der Dritte etwa ist ein interessanter Charakter, gerade weil – und nicht obwohl – er so intrigant und blutdurstig ist“, sagt die Wissenschaftlerin. „Den gottähnlichen Heros findet man bei diesem Autor nicht.“ Stattdessen verarbeite Shakespeare die griechischen und christlichen Vorbilder und stelle sie infrage.

Für die Tagung, die vom 23. bis 26. April stattfindet, konnte Olk zahlreiche renommierte Gastredner und Kollegen von der Freien Universität gewinnen. „Ich freue mich, die Tradition der Shakespeare-Rezeption an der Freien Universität fortzusetzen“, sagt die Literaturwissenschaftlerin. Nach der Tagung ist vor dem Großereignis: Die Planungen der Shakespeare-Gesellschaft für Veranstaltungen zum 500. Todestag des Dramatikers im kommenden Jahr laufen bereits – dann mit einem Schwerpunkt zum Thema „Shakespeares Gärten“.

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