Berliner Design : "Porzellan ist eine Zicke"

KPM-Chefdesigner Thomas Wenzel hält mit neuen Produktlinien die Balance zwischen Tradition und Zukunft der Porzellanmanufaktur. Ein Atelierbesuch.

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Thomas Wenzel leitet seit 1993 die künstlerische Entwicklungsabteilung der KPM.
Thomas Wenzel leitet seit 1993 die künstlerische Entwicklungsabteilung der KPM.Foto: Mike Wolff

Thomas Wenzel fängt dort an, wo andere aufgeben. Der Chefdesigner der Königlichen Porzellan-Manufaktur KPM sucht die Herausforderung. "Wenn jemand sagt, etwas gehe nicht oder sei zu kompliziert, dann werde ich neugierig", sagt er. So gesehen ist ein nicht so einfach zu verarbeitendes Material wie Porzellan genau das Richtige für ihn. Es fasziniert ihn. Er ist davon überzeugt, dass es ein lebendiger Werkstoff ist, dass es eine Seele hat: "Porzellan ist eine Zicke." Verhalte sich wie eine Diva. Sie verzeihe keine Fehler, und man könne sich nicht alles mit ihr erlauben. Er spricht über Porzellan, als sei es ein Wesen, das immer wieder für eine Überraschung gut ist.

Sein Atelier befindet sich – etwas versteckt – in einem Zwischengeschoss der Manufaktur, drüber sitzen die Porzellanmaler, drunter die Geschäftsführung und die Auszubildenden. Es ist hell und licht, gerade wurde eine Wand durchbrochen, damit er mehr Platz hat für seine Entwürfe, die er mit einer Assistentin und einer Praktikantin erarbeitet. Wenzel spricht lieber im Stehen, läuft herum, lehnt sich an die Tischkante und nimmt seine neuesten Aufzeichnungen in die Hand.

Eigentlich sollte die KPM nur eine Zwischenstation werden

Aktuell arbeitet er an seiner Serie "LAB Berlin", einer Kollektion von Stücken mit klaren Linien und Formen, inspiriert von den Laborporzellanen aus vergangenen Zeiten, die sich noch in der Manufaktur befinden. Er interpretiert diese neu, passt sie an eine zeitgemäße Tischkultur an, entwirft auch Produkte für die Küche wie den Mörser mit schwerem Stößel oder eine ­Zitronenpresse, die aussieht wie eine Skulptur und an der er wohl noch längere Zeit tüfteln wird, bis sie produziert werden kann.

Entwurf und Wirklichkeit: Der Mörser aus schwerem dickwandigem Porzellan wird demnächst auf den Markt kommen.
Entwurf und Wirklichkeit: Der Mörser aus schwerem dickwandigem Porzellan wird demnächst auf den Markt kommen.Foto: Mike Wolff

Wenzel kam 1963 in Gera zur Welt, besuchte in den 1970er Jahren die Fachhochschule für Angewandte Kunst in Schneeberg und absolvierte anschließend seine Ausbildung zum Porzellanmaler. 1989 kam er nach Berlin zur KPM, davor war er bei Meissen beschäftigt. Inzwischen ­arbeitet der 54-Jährige bereits mehr als die Hälfte des Lebens bei der KPM. Er avancierte vom Porzellan- zum Meistermaler und wurde 1998 schließlich Chefdesigner. Eigentlich sollte die KPM für ihn nur eine Zwischenstation werden, aber dann sei er hängengeblieben, »weil es hier so unendlich viel zu machen gab«, erinnert er sich an die ersten Jahre. Damals gab es keine hauseigene Entwicklung. Mit Thomas Wenzel sollte sich das ändern, seit 1993 leitet er die künstlerische Entwicklungsabteilung der KPM. In dieser Zeit kam auch der international renommierte Designer Enzo Mari für fünf Jahre in die Manufaktur. Für Thomas Wenzel eine gute und auch lehrreiche Zeit, in der er zusammen mit Mari beispielsweise die Form "Berlin" – später mit dem iF Design Award ausgezeichnet – auf den Markt brachte.

Neben der berühmten Currywurstschale mit Kurland-Relief und dem Kurland-Müsli-Set geht auch das Kurland-Service "Blanc Nouveau" auf seine Entwicklungsarbeit zurück. Er hat es anlässlich des 250-jährigen KPM-Jubiläums entworfen. Das war 2013. Bei solchen Neuerungen gab es immer auch Widerstand von Stammkunden, die sich zum Beispiel mit dem Latte-Macchiato-Becher in Kurland-Optik schwer taten. Wenzel stört das nicht: "Die besten Produkte sind die, die am meisten diskutiert werden."

Seit einigen Jahren bewegt sich etwas in der Porzellanmanufaktur

Seine Arbeitsweise nennt er selbst "lösungsorientiert", zum Beispiel bei der Idee, farbige Massen herzustellen. Vor circa vier Jahren fiel ihm auf, dass "Pastellfarben ein sehr schönes Thema sind". Er hat lange getüftelt und nachgedacht über Methoden und Grenzen des Werkstoffes, bis er den Doppelmasseguss mit weißem und mintfarbenem Porzellan umsetzen konnte. Das Porzellan wird dabei nicht farbig glasiert, sondern in gefärbtem Porzellan gebrannt und anschließend glasiert. Mit diesem sogenannten Bicolor-Verfahren, das er gerne bei der "LAB Serie" einsetzt, gelingt ihm zweierlei: Die Hochwertigkeit und den Anspruch an KPM-Porzellan zu erhalten und gleichzeitig ein weiteres Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Produktpalette zu erreichen. Darüber hinaus ließ er sich noch eine Neuerung einfallen: Das markante KPM-Label mit dem blauen Zepter nicht mehr am Boden der Tassen, Kannen oder Teller zu verstecken, sondern sichtbar zu machen und als Gestaltungselement gezielt in Szene zu setzen. 

Thomas Wenzel arbeitet kaum am Computer. Wenn ihm etwas einfällt, dann zeichnet er am schnellsten mit der Hand, zunächst eine grobe Skizze, danach genauere Detailzeichnungen. So entstand auch der doppelwandige Thermo-Kaffeefilter, der 2016 mit dem international begehrten iF Gold Award in der Kategorie "Product" ausgezeichnet wurde. Das hat ihn selbst überrascht. "Mit so einer Wertschätzung habe ich nicht gerechnet", sagt er. Das funktionelle und optische Gesamtkonzept von Thomas Wenzel hat die Jury überzeugt. In ihrer Begründung heißt es: "Es ist großartig zu sehen, dass die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin wieder im Spiel ist – mit einer komplett neuen und innovativen Perspektive auf ein Low-tech-Produkt wie dem Kaffeefilter."

Und tatsächlich, die KPM ist wieder im Spiel. Seit einigen Jahren bewegt sich etwas in der Porzellanmanufaktur, die auf eine mehr als 250 Jahre lange Tradition zurückblicken kann und in der Vergangenheit doch immer sehr darum bemüht war, das Alte zu bewahren und fortzuführen, vom klassizistischen Service Kurland bis zu vom Bauhaus inspirierten Formen wie Urbino oder Arkadia. Doch nun gibt es erste Anzeichen einer Loslösung von der preußischen Strenge, hin zu zeitgemäßen Formen, die ins 21. Jahrhundert passen. Das liegt zum einen an Jörg Woltmann, der die KPM vor gut zehn Jahren vor der Insolvenz gerettet hat, zum anderen aber auch an Thomas Wenzel, der Woltmanns Vertrauen genießt und es versteht, den schmalen Grat zwischen dem Erbe der Vergangenheit und dem Weg in die Zukunft auszubalancieren. Der eben dort anfängt, wo andere aufgeben.

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