Nationalmannschaft : Jagd auf den Ball

Bundestrainer Joachim Löw erwartet von seiner Mannschaft, dass sie während der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien lernt, in der Verteidigung noch mutiger zu agieren.

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Entspannt ohne Ball? Das soll es nach dem Geschmack von Bundestrainer Joachim Löw im Spiel seiner Mannschaft künftig nicht mehr geben
Entspannt ohne Ball? Das soll es nach dem Geschmack von Bundestrainer Joachim Löw im Spiel seiner Mannschaft künftig nicht mehr...Foto: dapd

Zu den Begleiterscheinungen, die das Amt des Bundestrainers mit sich bringt, gehören all die guten Tipps und gut gemeinten Ratschlägen, vor denen man sich kaum schützen kann. Joachim Löw macht in solchen Fällen das einzig Richtige. Er misst den Wortmeldungen von außen keine große Bedeutung bei. Selten war das einfacher als bei Hans-Joachim Watzke, dem Geschäftsführer des Deutschen Meisters Borussia Dortmund, der den Bundestrainer gerade, quasi prophylaktisch, darauf hingewiesen hat, dass eine Nationalmannschaft mit lauter Bayern-Spielern keinen Dortmund-Fußball spielen könne. Danke für den Hinweis, schien Löw zu denken, aber „ich orientiere mich nicht an anderen Mannschaften. Wir haben unseren eigenen Spielstil entwickelt.“

Offensiv, mutig, zielgerichtet – so sieht der Stil aus, mit dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft lange gut gefahren ist. Doch weil Stillstand Rückschritt bedeutet, muss auch das Bewährte immer wieder angepasst und neu justiert werden – damit es wieder nach vorne geht. Und das buchstäblich. „Wo wir uns verbessern müssen, das ist das Spiel gegen den Ball“, sagt Löw.

Wenn am Freitag in Hannover mit dem Spiel gegen die Färöer die Qualifikation für die WM 2014 beginnt, ist das auch der Start eines neuen Turnierzyklus. Die Vergangenheit ist endgültig vergangen, eine öffentliche Fehleranalyse der Halbfinalniederlage gegen Italien wird es von Löw nicht mehr geben. Der neue Schwerpunkt „Spiel gegen den Ball“ ist aber zumindest ein Indiz dafür, dass es nicht einfach so weitergehen soll wie bisher.

„Wir müssen uns noch mehr belohnen, wenn wir den Ball früh erobert haben“, sagt Löw. „Wir haben das nicht immer konsequent zu Ende gespielt.“ Das war auch Ende Juni gegen Italien so, hat der Bundestrainer bei der Aufarbeitung der Europameisterschaft festgestellt. „Da haben wir einige Probleme entdeckt“, sagt Löw. Beide Tore der Italiener wären zu verhindern gewesen, wenn das Spiel gegen den Ball besser funktioniert hätte, wenn das defensive Denken schon weit vorne begonnen hätte.

Wenn der Bundestrainer vor dem Spiel gegen die Färöer, die Nummer 154 der Welt, „eine bessere Defensivleistung“ seiner Mannschaft erwartet, ist das nur auf den ersten Blick widersinnig. Die Außenseiter von den Schafsinseln werden sich vermutlich vor dem eigenen Strafraum verschanzen; wichtiger als die Defensive scheint da eine kluge und entschlossene Offensivleistung zu sein. Löw aber verlangt von seinem Team „ein Defensivverhalten in den ersten Aktionen“. Das heißt, die Angreifer sollen möglichst früh attackieren, um in Ballbesitz zu kommen und dem Gegner dadurch gar nicht erst die Chance zu geben, defensiv zu spielen.

Der modifizierte Stil der Nationalmannschaft ist eine Abkehr von einer der scheinbar ewigen Wahrheiten des Fußballs, die jeder Hobbykicker kennt. Wenn man den Ball verliert, muss man sich schnell zurückziehen. In der Kreisliga brüllt der dicke Libero dann aus der letzten Reihe: „Komm zurück, du kannst dich hinten ausruhen!“ Nein, sagt Löw, wir müssen all das vergessen, „was wir früher gelernt haben: Wir haben den Ball, dann sind wir aktiv. Wir haben nicht den Ball, dann können wir uns ein bisschen erholen.“ Inzwischen sei es genau umgekehrt: „Ich muss gerade dann, wenn ich den Ball nicht habe, die größte Aktivität zeigen, um schnell in Ballbesitz zu kommen.“ Schon die Defensive ist sozusagen offensiv ausgerichtet; allerdings setzt die perfekte Beherrschung des Gegenpressings eine intensive Schulung voraus; für Löw ist dies „mit das Schwierigste im Fußball“.

Es ist kein Zufall, dass niemand das Thema so gut beherrscht wie die Spanier. Im Grunde ist ihr Spiel gegen den Ball inzwischen sogar aufregender als das mit dem Ball, dieses ewige Kreiseln und scheinbar ziellose Passen. Fahrt nehmen die Spanier erst auf, wenn sie Jagd auf den Ball machen: Dann hetzen sie den Gegner und zwingen ihn zu Fehlern. Sie sind dabei so unwiderstehlich, dass sogar Joachim Löw sich an ihrem Beispiel orientiert.

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