Paralympische Spiele Rio 2016 : Die Klasse macht den Unterschied

Wie funktioniert die die Einteilung der Athelten in "Wettkampfklassen" und welche Folgen kann das für einzelne Sportler haben? Wir erklären die "Klassifizierung".

Hannah Hofer
Ein Radrennfahrer des neuseeländischen Paralympics-Teams beim Training Anfang September im Velodrom in Rio, wo die Spiele in diesem Jahr ausgetragen werden.
Ein Radrennfahrer des neuseeländischen Paralympics-Teams beim Training Anfang September im Velodrom in Rio, wo die Spiele in...Foto: dpa

Gold bei den Paralympics in London 2012, Weltrekordhalter seit 2013, aber keine Chance bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro? So geht es dem jamaikanischen Speerwerfer Alphanso Cunningham, der die Titel in der Wettkampfklasse F53 gewann. Bei den Paralympics 2016 in Rio, wird diese mit der nächst höheren Klasse F54 zusammengelegt.

Der Sportdirektor Frank-Thomas Hartleb, des Deutschen Behinderten Sportbund (DBS), nennt einen einfachen Grund dafür. „Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) kann 528 Wettkämpfe auf 23 Sportarten verteilen. Klassen mit wenigen Teilnehmern in der Weltrangliste, können nicht starten. Schließlich sollen spannende Wettkämpfe auf hohem Niveau geboten werden.“

Damit ist das Zusammenlegen der Klassen nur ein organisatorischer Schachzug um möglichste viele Wettkämpfe zu gewährleisten. Diese Entscheidung hat aber weitreichende Folgen. „Ich könnte meinen Weltrekord brechen, und würde trotzdem keine Medaille gewinnen.“ sagt Cunningham, der Weltrekordhalter im Speerwurf der Klasse F53. Er warf eine Weite von 24,30 Metern für seinen Weltrekord. In der Klasse darüber liegt der Weltrekord jedoch bei 29,91 Meter.

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Jede Sportart hat ihr eigenes Klassifizierungssystem

Aus diesem Grund ist die Einteilung der paralympischen Athleten in Wettkampfklassen, „Klassifizierung“ genannt, so wichtig. Durch Leistungstest und medizinische Untersuchungen werden alle paralympischen Athleten einer Klasse zugeordnet, die bezeichnet, inwieweit die Athleten ihre Sportart ausüben können. Jede Sportart hat ein eigenes Klassifizierungssystem, da die verschiedenen Einschränkungen sich in den diversen Sportarten unterschiedlich auswirken. Eine geringere Armfunktion hat zum Beispiel für einen Schwimmer stärkere Konsequenzen als für einen Läufer, da der Schwimmer direkt mit den Armen Vortrieb erzeugt.

Die Klassen werden durch einen Code aus Buchstaben und Zahlen beschrieben, der auf den ersten Blick verwirrend scheinen kann. Den Code zu knacken, ist aber gar nicht so schwer, wenn man weiß, dass der Buchstabe die Sportart und die Zahl den Grad der Einschränkung beschreibt. So steht „F“ zum Bespiel für das englische Wort „Field“ und beschreibt alle technischen Disziplinen auf dem Feld in der Leichtathletik. Die Klassen 51-58 sind in der Leichtathletik die von Menschen mit Rückenmarksverletzung. Je niedriger die Zahl, desto höher die Einschränkung, ein System was universell auf die Klassifizierung in jeder Sportart übertragbar ist.

Ebenfalls universell ist der Zweck der Klassifizierung. Sie dient in jeder Sportart dazu, dass nur Konkurrenten mit gleichen Voraussetzungen gemeinsam an den Start gehen. Dadurch hat im Grunde jeder eine realistische Chance auf den Sieg.

In Cunninghams Klasse F53 bedeutet das zum Beispiel, dass nur Athleten gegeneinander antreten, die keine Rumpf- und Beinfunktion und eine leicht eingeschränkte Oberkörperfunktion haben. Athleten der Klasse darüber, F54, haben dagegen eine uneingeschränkte Oberkörperfunktion. Dadurch können sie mehr Kraft aufbauen als Athleten der niedrigeren Klasse und den Speer weiter werfen.  „Das motiviert mich, nicht anzutreten", sagt Cunningham. Deshalb startet er in Rio über 100 Meter und 400 Meter Renn-Rollstuhl. „Wenn ich für die Paralympics im Sprint qualifiziert bin und keine Medaille gewinne, dann ist das nicht so schlimm. Es ist viel schlimmer keine Medaille in dem Event zu gewinnen, für das ich mein Leben lang trainiert habe.“

"Sie müssen in Kauf nehmen, dass sie ihren Gegnern gegebenenfalls leicht unterlegen sind"

In früheren Jahren machten einige Athleten ähnliche Erfahrungen. Oftmals fand die finale Zuordnung zu einer Klasse erst am Austragungsort der Spiele statt. Dabei kam es dazu, dass Athleten eine Klasse hochgestuft wurden. In der Konsequenz hatten sie keine Chance mehr, um Medaillen mitzukämpfen, da der Grad ihrer Einschränkung höher war als der der Medaillenkandidaten dieser Klasse. Um das zu verhindern, überarbeitet das IPC das Klassifizierungssytem ständig.  „Eine große Verbesserung stellt die „Zero Classification Policy“ dar. Sie besagt, dass keine Klassifizierung mehr bei den Spielen stattfinden soll. In London 2012 konnte dies zum Teil schon eingehalten werden, in Rio soll nur noch im Rugby und sehr vereinzelt in anderen Sportarten klassifiziert werden“, sagt der DBS Sportdirektor Hartleb. Damit nennt er ein Beispiel für einen großen Fortschritt in Sachen Klassifizierung. Dennoch gibt es immer noch einige Athleten, die in ihrem Event nicht starten können, weil es ihre Klasse - genau wie die von Cunningham - bei den Paralympics 2016 in Rio nicht gibt. Die Europameisterin im Paratriathlon, Nora Hansel, ist deshalb bei den Paralympics 2016 in Rio nicht dabei. Schwimmerin Emely Telle wählte einen anderen Weg und startet über 400 Meter Freistil in der nächst höheren Klasse. „Die Athleten geben auf ihrem Meldebogen an, in welcher Klasse sie starten möchten. Sie müssen dann aber in Kauf nehmen, dass sie ihren Gegnern - basierend auf ihren Voraussetzungen - gegebenenfalls leicht unterlegen sind“, sagt Sportdirektor Hartleb. Für Telle bedeutet das, gegen ihre Freundin Elena Krawzow zu schwimmen. Krawzow sieht das jedoch entspannt: „Zu Beginn war es zwar komisch plötzlich in Konkurrenz zu stehen, aber im Becken muss man das trennen und sich auf sein Rennen konzentrieren.“

So findet jeder Athlet seinen eigenen Weg mit der Wettkampfsituation umzugehen. Am Ende sind jedoch alle Athleten optimistisch und wollen ihr Bestes geben. Auch Cunningham schätzt seine Chancen in seiner neuen Disziplin Renn-Rollstuhl gar nicht so schlecht ein und sagt: „Ich könnte eine Medaille gewinnen oder vielleicht sogar einen Weltrekord aufstellen.“ So wird vielleicht der chancenlose Weltrekordhalter der einen Disziplin, Weltrekordler in einer ganz anderen.

 

 

 

 

Rio 2016: Porträts der Redakteure

Porträts Wer berichtet für den Tagesspiegel von den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro? Die Porträts der Redakteure finden Sie hier.

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