Vater-Kind-Kur : Auch Männer können erschöpft sein

Andreas Goosses ist Psychologe, Therapeut und Männerberater. Er sprach mit uns über Vater-Kind Kuren und über mehr Gleichberechtigung in der Erziehungsarbeit.

Anna Ilin
Andreas Goosses ist Psychologe, Therapeut und Männerberater
Andreas Goosses ist Psychologe, Therapeut und MännerberaterMarie Rövekamp

Herr Goossens, wie anerkannt ist die Rolle „Vater“ für einen Mann heute?

Es gibt neue Entwicklungen im Rollenverständnis von Vätern. Zum Beispiel nutzen viel mehr Männer heute die Elternzeit. Anfangs waren es nur etwa drei Prozent, heute sind wir immerhin bei einem Drittel und die Zahlen steigen stetig. Die zwei Extra-Monate Elternzeit, auf die man nur dann ein Recht hat, wenn auch der Partner seine Arbeit reduziert, werden ja auch umgangssprachlich Vätermonate genannt. In diesem Fall hat die Politik wirklich eine aktive Rolle übernommen, die Rollenverteilung in der Familie mitzugestalten.

Vater zu sein ist ja nicht immer ein Vergnügen. Welche Probleme können mit einer Vaterschaft verbunden sein?

Es gibt viele Väter, die nicht mehr nur die Rolle des Ernährers spielen wollen. Stattdessen haben viele den Wunsch, auch in der Erziehung und Betreuung des Kindes mitzuwirken. Genauso wie bei den Müttern kommt es dabei allerdings auch bei den Vätern teilweise zu Erschöpfungszuständen durch die mehrfache Belastung.

Seit Frühjahr 2014 vergibt das Müttergenesungswerk Zertifikate speziell für Vater-Kind Kuren. Wurden Väter bisher vernachlässigt?

Die Schwelle für Männer, eine Vater-Kind Kur zu beantragen, ist höher. Auch statistisch ist es so, dass die Männer, die dann letztendlich so eine Kur machen, im Schnitt schwerer erkrankt sind, als die Frauen, die dort hinkommen. Anscheinend warten Männer länger ab, bis sie sich überwinden, also bis zu einem Punkt, wo es offensichtlich nicht mehr anders geht.

Woran liegt das?

Ich glaube zum Teil an der Ansprache. So wie die Kur-Angebote dargestellt werden, ist es für einen Mann schwer, sich damit zu identifizieren. Ganz oft werden sie auch nur unter „Mutter-Kind-Kur“ beworben, selbst der Träger heißt Müttergenesungswerk. Auch die Art, wie der Aufenthalt dort oft beschrieben wird, nämlich als Wohlfühl-Wellness-Selbsterfahrungsprogramm, ist sehr auf die Zielgruppe der Frauen ausgerichtet. Als Mann muss man erstmal auf die Idee kommen, dass man selbst auch dieses Angebot nutzen könnte – also auch damit gemeint sein könnte.

Was wäre denn eine männergerechte Ansprache?

Nach meiner Erfahrung wollen viele Männer vor allem tatsächlich konkret wissen: Was bringt mir so eine Kur? Was kann ich dort für mich mitnehmen? Ich denke Frauen sind eher bereit, es einfach auszuprobieren, wenn allgemein von einer schönen Umgebung und einer umsorgenden Atmosphäre gesprochen wird.

Was wäre Ihrer Meinung nach ein wichtiger Bestandteil einer Vater-Kind-Kur?

Ich glaube, ein ganz wichtiger Teil des Angebots sollte sein, dass sich Männer erarbeiten, was für ein Typ Vater sie sein wollen. Gruppengespräche können zum Beispiel neue Perspektiven öffnen. Dabei kann man erfahren, wie andere Väter mit ähnlichen Lebenssituationen umgehen. Das also eine Reflektion darüber stattfindet, was für Rollenmustern man glaubt gerecht werden zu müssen und wo man aber eigentlich hin möchte.

Wie schätzen Sie die jetzige Lage für Väter ein?

Bisher ist das Angebot für Väter noch sehr klein. Nicht nur was den Kurbereich betrifft, sondern das Beratungsangebot allgemein. Ich würde mir wünschen, dass Väter wirklich als ernstzunehmende Akteure in der Kindererziehung betrachtet werden. Da liegt die Verantwortung sowohl in der Politik, als auch bei den Anbietern, die sich genau überlegen sollten, mit welchem Angebot sie welche Zielgruppe wirklich erreichen.

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