• Neue Beziehungen: Die Liebe schlägt ein, zwischen zwei Menschen, sie ist ausschließlich - oder?

Neue Beziehungen : Die Liebe schlägt ein, zwischen zwei Menschen, sie ist ausschließlich - oder?

Die Kolleginnen heiraten, sich einen Bruder aussuchen, eine Ehe öffnen: Endlich können wir die Beziehungen führen, die zu uns passen. Das macht glücklich. Aber anstrengend ist es auch.

Laura Naumann
Fotos: Daniel Hofer
Fotos: Daniel Hofer

Mein Bruder ruft mich an, um bisschen zu plaudern. Neue Crossmaschine. Und ein neues Mädchen, vielleicht. Er wisse nicht genau, ob das eine Beziehung werde, ob er das wolle. Die beiden kennen sich seit kurzem, beide sind 16. „Was heißt denn Beziehung“, will ich wissen. „Na, Beziehung halt“, sagt er. „Ja, aber was soll das sein?“ Nachdruck in meiner Stimme. „Be-zie-hung“, sagt er, meinen Ton imitierend, „zusammen sein halt“. Und ich: „Aber was bedeutet das?“ Dann er: „Also, wenn ich hier Beziehung sag, dann wissen alle, was ich meine. Nur, weil du das da anders machst in Berlin, heißt das nicht, dass sich das alle fragen. Hier ist Beziehung Beziehung. Zwei Leute, man gehört zusammen, fertig, aus.“

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der mein Freundeskreis fast ausschließlich aus Paaren bestand. Wir waren immer zu sechst in der WG, statt zu dritt, weil wir immer alle unsere Schmusis da hatten. Oft kamen Freund*innen vorbei und die hatten auch ihre Schmusis dabei. Oder die Schmusis kamen noch nach. Oder die Schmusis kamen ihre Schmusis abholen. Es wurde viel Hand in Hand gegangen und in Bars auf einanders Schoß gesessen und das Auto hatte immer einen Platz zu wenig. Paare waren füreinander gebucht, zuständig und hauptverantwortlich. Große Irritationen dann, wenn Dings mit Dings gesehen wurde oder Dings nicht wusste, wo Dings ist, weil: Warum weißt du nicht, wo deine Freundin ist, seid ihr nicht mehr zusammen?

Be-zie-hung, ey

Man macht es, wie man es kennt. Man macht es, wie die anderen es machen, wie man es beobachtet hat, bei den Eltern, den Freund*innen der Eltern, den Leuten in Filmen, in Büchern, bei Jay-Z und Beyoncé. Die Liebe schlägt ein. Sie findet statt zwischen zwei Menschen. Sie ist ausschließlich. Sie muss beteuert, bewiesen und zur Aufführung gebracht werden. In Form einer Be-zie-hung. Unser*e Liebespartner*in erfüllt darin all unsere Bedürfnisse: nach Zärtlichkeit, nach Nähe, nach Sex, nach Event, nach Gespräch, nach Sicherheit, nach leckerem Essen, nach Ritual, nach Abenteuer. Diese Liebe wird zum Zentrum des Lebens. Bestenfalls mündet sie in die Ehe, zu zweit wird für die Ewigkeit eingetütet. Bestenfalls erwächst aus ihr ein Kind (#keimzelledergesellschaft).

Warum ist so viel Nähe erstrebenswert?

„Zwischen uns passt kein Blatt Papier“, lautet ein Sprichwort, das einen glücklichen Zustand beschreiben soll. Mit jemandem so einig, so nah und so verbunden sein, dass kein Blatt dazwischen passt. Kein. Fucking. Blatt. Um jemanden so nah zu haben, dass kein Blatt zwischen den eigenen Körper und den der anderen Person passt, muss man diese so fest an sich drücken, oder sie einen an sich, dass es auf jeden Fall weh tun muss, mindestens eine von beiden keine Luft bekommt und beide insgesamt sehr unbeweglich sind. Und schwitzen. Warum ist das erstrebenswert?

Die Liebe regiert. Nur die Staatsform wird überprüft. Foto: Daniel Hofer
Die Liebe regiert. Nur die Staatsform wird überprüft.Foto: Daniel Hofer

„Lebe, wie ich denke, dass ich es will, oder wollen sollte, statt mich ernsthaft zu fragen, wie ich wirklich leben will. Nicht aus Blödheit. Sondern aus Gewohnheit.“, schreibe ich irgendwann 2012 in mein Notizbuch. Dann kommt der Sommer, in dem T mit mir schimpft, weil ich Eva Illouz' „Warum Liebe weh tut“ mit in den Urlaub gebracht habe, und damit droht, es ins Meer zu werfen. Dann kommt der Winter, in dem immer „Diamonds In The Sky“ von Rihanna läuft. Dann kommt der Sommer, in dem ich Simone de Beauvoirs Briefe an Sartre lese. Dann kommt der Winter, in dem Amazon Prime die Serie „Transparent“ herausbringt. Dann kommt der Sommer, in dem ich mit S zusammen bin, die in einer langjährigen Partnerschaft mit G ist und es ist kein Geheimnis. Dann kommt der Winter, in dem die zweite Staffel von „Transparent“ rauskommt. Dann kommt der Sommer, in dem mein Date auf einer poshen Hochzeit einen Jute-Beutel mit der Aufschrift „FUCK MARRIAGE“ trägt; die Wedding-Planerin nickt nervös grinsend. Dann kommt der Winter, in dem mein Bruder anruft und sagt: Be-zie-hung, ey.

Die Liebe regiert. Aber die Staatsform wird überprüft

Das ist jetzt. Nicht nur mein Bruder, sondern auch ich und mein Freundeskreis haben sich verändert. Wo früher alle ordentlich zu Paarsocken zusammengebunden waren, leben alte und neue Menschen jetzt als Einzelpersonen, Duos, Gruppen und Teams. Paar oder Kein-Paar sind nicht mehr die primären Ordnungssysteme. Und das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass alle sich aus dem Love-Business zurückgezogen hätten. Im Gegenteil, alle küssen nach wie vor sehr gern und haben weiterhin ein großes Interesse daran, die Liebe regieren zu lassen.

Aber die Staatsform wird überprüft. Die Vorstellung von der romantischen Liebe in Form der monogamen (heteronormativen) Zweierbeziehung, die wir als Anfang-20-Jährige als Maxime des Erwachsenenlebens noch gekauft haben, immer wieder rein in den Korb und zieh durch die Karte, hat sich als Allheilmittel und Hort des Friedens und der Fröhlichkeit und des everlasting orgasm nicht bewährt.

Aha. Und stattdessen? Wie ist es also jetzt?

Zwei Leute, man gehört zusammen, fertig, aus. Foto: Daniel Hofer
Zwei Leute, man gehört zusammen, fertig, aus.Foto: Daniel Hofer

Zum Beispiel: Mit meinem Theaterkollektiv Henrike Iglesias auf Gastspiel in Leipzig, Ausflug in den Botanischen Garten. Wir reden über den One-Night-Stand der einen und die anstehenden Proben für unsere nächste Produktion, ich hab ein Eis in der Hand, wir haben alle Jogginghosen an und eine macht ein Foto von den Sukkulenten und ich schreib in mein Notizbuch: viel näher dran an wie ich leben will als 2012.

Vor zwei Jahren haben wir geheiratet. Unsere Hochzeit fand in einer Hinterzimmer-Kapelle in der Kantine der Berliner Sophiensaele statt. Ein schöner Mann mit Rauschebart in einem Hochzeitskleid eskortierte uns zum Ritual. Die Trauung wurde vollzogen durch das Schlager-Duo Xiroi. Es gab Ringe, Gesänge („Unter den Palmen der Liebe“) und Tränen - wie bei einer echten Hochzeit. Viele Menschen wurden an diesem Abend in Zweier-, Dreier-, Vierer-, Fünfer-Konstellationen getraut, während im ganzen Haus ein rauschendes Fest gefeiert wurde.

Drei Frauen als Lebenspartnerinnen

Diese drei Frauen sind meine Lebenspartnerinnen, meine Wahlfamilie. Sie kennen meine Brüste, meine Eltern, meine Ängste. Sie kennen mich mit Clown gefrühstückt und kurz vorm Nervenzusammenbruch. Wenn ich einen Witz mache, der auch von meinem Vater sein könnte, nennen sie mich Papi. Wir teilen nicht die Ansichten über Monogamie in romantisch-erotischen Beziehungen, wir haben unterschiedliche Nahrungsmittelvorlieben, manche von uns lieben Yoga, manche lehnen es ab. Unsere Beziehung hatte zu keinem Zeitpunkt eine erotische Ebene - romantisch kann es allerdings schon mal werden: unsere Hochzeitsnacht endete in einem 24-Stunden-Burger-Laden. Kurz nach der Hochzeit haben wir eine GbR gegründet, ein gemeinsames Konto eröffnet und uns beim Finanzamt gemeldet.

Das Open-Office-Dokument, in dem ich diesen Text schreibe, trägt den Titel „LEBEN - BUT HOW“, weil mich von jedem Punkt in meinem Arbeitszimmer der pinke Rücken des Aktenordners mit dieser Aufschrift anleuchtet. Eine lebenspraktische Sammlung, die ich angelegt habe, als ich mein Studium beendet habe und in die Selbstständigkeit gestartet bin. Der Ordner ist, bis auf einen Leitfaden zur Steuererklärung für Selbstständige im Kulturbetrieb, leer geblieben. Dabei ist es, mit wem auch immer ich mich unterhalte dieser Tage, die Frage der Stunde.

Beruflich ist vieles erreicht - was kommt jetzt?

Zu Besuch bei den Eltern: Wie wollen wir leben, die Kinder fast verabschiedet? Eine Freundin auf einer Hochzeit: Ich hab zum zweiten Mal den Brautstrauß gefangen, aber nicht mit mir, Freunde, nicht mit mir! In der Küche einer Loverin: Jetzt, wo ich beruflich erreicht habe, was ich erreichen wollte, womit fülle ich mein Leben sonst so? Eine Bekannte, frisch getrennt: Das Problem ist doch: Man macht Schluss und dann steht man da, hat alle Freund*innen vernachlässigt und weiß nicht mal mehr, wo das Waschmittel bei Rewe steht, weil das hat G immer gekauft. Mit einer anderen Freundin auf dem Tempelhofer Feld: Wovon es abhängig machen, an welchem Ort ich lebe? Ich könnte mit meinem Pass fast überall auf der Erde leben. Warum ausgerechnet hier? Im Internet: Was ist das für 1 life? Auf dem Balkon eines Freundes: Ich will kein Leben ohne Verbindlichkeiten führen, aber ich will entscheiden, welche Verbindlichkeiten ich eingehe und welche nicht.

Zusammen durch den Monsun eiern

Konservative und Reaktionäre fürchten das Ende der Familie durch Feminist*innen, Hedonist*innen und Sexualpädagog*innen. Alle anderen fürchten einen Backlash in die 1960er. „Generation Beziehungsunfähig“ ist zum Begriff geworden. Die Gesellschaft altert, aber ob Reproduktion überhaupt eine gute Idee ist, in Anbetracht des Zustands der Welt, ist eine weitere Frage.

Ein günstiger Moment, eigentlich, um die Strukturen unseres Zusammenlebens zu hinterfragen, anzupassen, zu verändern, neu zu erschaffen, wie sie uns individuell passen und im Großen wie im Kleinen zu fragen: Wie wollen wir zusammenleben, verantwortungsvoll und möglichst friedlich? Wie können wir aktiv die Systeme gestalten, von denen wir uns wünschen, dass sie uns auffangen und in denen wir andere auffangen? Wie soll sie aussehen, die Familie meiner Träume? Muss sie zwei Erwachsene haben und ein bis drei Kinder? Kann sie nicht vielleicht auch fünf Erwachsene haben und ein bis drei Kinder? Oder fünf Erwachsene und keine Kinder? Können wir uns miteinander verbinden, aufeinander zählen, einander halten, schützen und unterstützen, füreinander sorgen, ja: einander verpflichtet sein in guten wie in schlechten Zeiten, durch den Monsun eiern und ein Auto teilen, ein Konto, eine Vision für eine gemeinsame Zukunft, eine Rente, aber nicht ein Bett, eine Stadt, einen Hund?

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