• Startup-Millionär: "Jetzt kannst du mir ja mal sagen, was ich mit meinem Leben anfangen soll"

Startup-Millionär : "Jetzt kannst du mir ja mal sagen, was ich mit meinem Leben anfangen soll"

Flix ist Mitte dreißig, er hat ein Startup aufgebaut und ist ausgestiegen - als reicher Mann. Jetzt findet er es überraschend schwer, nur noch machen zu müssen, was er will. Eine Geschichte von sehr viel Geld und zu viel Freiheit.

Dita Zipfel Finn-Ole Heinrich
Illustration: Frank Höhne

Wir treffen uns im Nieselregen und drehen Runde um Runde um den Teich im Park vor seiner Tür. Er hat den Kinderwagen dabei, ich zwei Bier. Wir stoßen an. Er sagt: Jo, und jetzt kannst du mir ja mal sagen, was ich mit meinem Leben anfangen soll.

Kannst ja endlich Bundeskanzler werden, sage ich. Weil das schon immer meine Idee für ihn war. Er hat eine echt seltene Mischung von Eigenschaften: Er ist uneitel und selbstbewusst. Er trägt gern Verantwortung, trifft gern Entscheidungen, aber muss nicht im Mittelpunkt stehen. Herausforderungen nimmt er spielerisch. Er hat immer Lust aufs nächste Level.

Also jetzt?

Er zuckt die Schultern. Keine Ahnung.

Wir latschen um den Teich, Runde um Runde, bis die Biere alle sind und wir klitschnass. Und ich kapiere erst nach und nach: Flix ist echt auf der Suche. Wie vielleicht noch nie in seinem Leben. Er wird ziemlich sicher nie wieder in seinem Leben finanzielle Sorgen haben - und genau das macht alles so schwierig.

Wir schütteln uns und treffen eine Abmachung: Nächsten Monat fahren wir zusammen in Urlaub, irgendwohin, wo es nicht regnet, Mallorca vielleicht. Feiern seinen Geburtstag und nehmen uns Zeit, um über seine Situation zusammen nachzudenken.

Flix und Finn. Finn und Flix. Zwei Männer, die sich schon kannten, als sie noch Jungs waren. Sie haben dabei zugeguckt, wie der andere einen Bart bekam, sind gemeinsam an Dreadlocks und der Liebe verzweifelt. Und immer schon hatten sie Ideen: Mit fünfzehn planten sie einen Kiosk im Carport von Flix‘ Eltern, mit sechzehn kauften sie sich einen CD-Brenner, als die Dinger noch unerschwinglich waren, und verdienten sich damit sechs Wochen Sommerurlaub mit Dosenbier zu viert im Dreimannzelt. Mit dreißig kauften sie zusammen ein Haus und ließen alle wichtigen Freunde einziehen.

Flix heißt nicht wirklich Flix, aber der Name passt eigentlich fast besser zu ihm als der, den seine Eltern ihm gegeben haben.

Der eine mischt sich ein beim anderen, seit die beiden sich kennen. Sie sind Freunde. Sie waren das erste Mal zusammen im Internet, da war es nur ein halber Scherz, wenn man sagte: Dieses Internetz, schon mal gehört? Nach zehn Minuten und einem gescheiterten Versuch zu chatten, beschlossen sie, dass das Internet nichts taugt. Finn schrieb seinen ersten Roman, während Flix im gleichen Zimmer für fünf Mark die Computer aller Eltern und Nachbarn reparierte. Ein halbes Jahr später beschloss Flix zusammen mit einem Schulfreund, dass das Internet doch etwas taugt, und die beiden gründeten ein Startup, auch wenn das damals noch nicht so hieß.

"Ich wollte einfach immer, dass was passiert. Das ist so geblieben, auch wenn die Dimensionen sich verändert haben. Ich will was machen, am besten zusammen mit anderen. Was aufbauen, beim Wachsen zusehen, zusammen den Erfolg genießen. Dabei ist Geld an sich nicht die Motivation, sondern nur das Messinstrument für den Erfolg. Ein Mittel, mit dem man das, was man macht, nach vorne bringen kann. Geld war für mich nie was, was gespart werden sollte. Kein Geld zu verdienen, war nur deswegen keine Option, weil man Geld braucht, um was zu machen. Das ist doch das Coole an Geld: dass es einem Möglichkeiten gibt."

Es war logisch, dass Flix eine Firma gründet. Schon mit zwölf hat er semiprofessionell mit Überraschungseierfiguren gehandelt. Im Familienurlaub in Dänemark hat er im Supermarkt so ein Angebot entdeckt: Ü-Eier im Dreierpack für umgerechnet drei Mark, Besonderheit: In jedem Dreierpack war mindestens eine Figur. Flix wusste, dass er die Figuren auf dem Flohmarkt für fünf Mark loswird, damals hat so ziemlich jeder die blöden Dinger gesammelt. Also hat er seine Eltern überredet, ihm zweihundert Mark zu leihen. Die fanden es zwar bescheuert, aber Flix konnte schon damals sehr überzeugend sein. Er hat alle Supermärkte abgeklappert und auf dem nächsten Flohmarkt die zweihundert Piepen knapp verdreifacht. Ich glaube wirklich: Für ihn war das ein Spiel. Die Kohle war zweitrangig.

Hier könnte man eine coole Erfolgsgeschichte aus dem westeuropäischen Startup-Kapitalismus des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts erzählen. Aber so wie Flix nicht Flix heißt und es darum auch nicht geht, können an dieser Stelle leider auch keine Details über dieses Startup stehen. Es ist aber auch nicht wichtig. Wesentlich ist: Flix hat ein Unternehmen gegründet, das Unternehmen ist durch die Decke gegangen und heute, keine zwanzig Jahre später, ist dieses Unternehmen Schätzungen zufolge mehr wert, als mehrere Generationen von Finns und Flix‘ Familie zusammengenommen jemals verdient haben.

Man muss sich das mal vorstellen: Flix hat diese Firma gegründet und aufgebaut, sie sich komplett ausgedacht. Ziemlich genau sein halbes Leben lang, ziemlich genau sein komplettes Erwachsenendasein hat er sich ungefähr jeden Tag damit beschäftigt, hat es ihn gefordert, angetrieben, sind seine Gedanken um diese Firma gekreist. Er hat Teams aufgebaut, Kommunikationsstrukturen geschaffen, eine Firmenphilosophie und das Produkt entwickelt. Ich war oft zu Besuch in der Firma, jedes Mal war sie größer und schöner. Diese Büro-Etagen sind herrlich. Es gibt eine Kantine, es gibt Kaffee-Ecken, Rückzugsräume, Duschen, eine Dachterrasse, Betten für den Mittagsschlaf, es sind überall Hunde unterwegs, die Leute lachen und sind freundlich und manchmal beschießen sie sich mit Schaumstoffpistolen. Und dann ist das alles, sein Ding, sein Baby, von einem Tag auf den anderen nicht mehr der Mittelpunkt seines Lebens. Ich stelle mir das vor wie das Ende einer ewig langen Beziehung, wie den Verlust des Glaubens. Das hinkt, ich weiß, aber: Flix hat sein halbes Leben lang immer eine übergeordnete Aufgabe gehabt. Und dann, von jetzt auf gleich, frei.

"Vielleicht denken Leute, meine jetzige Situation wäre perfekt: Mitte dreißig, erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, ausgestiegen, ausgesorgt. Aber das Ziel war nie, zu arbeiten, um nie wieder arbeiten zu müssen. Meine beiden Partner und ich haben uns den Arsch aufgerissen für unsere Idee, im Grunde seit ich 15 bin. Aber ich hatte eine super Zeit, hat tierisch Spaß gemacht. Dass so viel Geld dabei rumgekommen ist, ist einfach Glück. Wir haben zur richtigen Zeit am richtigen Ort das Richtige gemacht. Das Wunder ist ausnahmsweise mal passiert. Aber ich bin nicht am Ziel. Weil das nie mein Ziel war. Jetzt steh ich wirklich vor der Frage, was ich mit meinem Leben anfangen will."

Illustration: Frank Höhne

Ein paar Wochen später, zwischen Nieselregenrunde um den Teich und dem Urlaub auf Mallorca, treffen wir uns auf einem Spielplatz und ich frage, wie es geht. Flix sagt, er geht sich selber auf den Sack. Er hat so wenig zu tun, dass er sich über Sachen aufregt, die ihm früher scheißegal waren. Irgendwer hat ihm den Spiegel abgefahren in der Nacht. Vor einem halben Jahr hätte er gar keine Zeit dafür gehabt, sich irgendwelche Gedanken dazu zu machen. Er hätte den Wagen bei der Werkstatt abgestellt und nach der Arbeit wieder abgeholt. Jetzt, sagt er und klopft sich auf die Schläfe, denk ich da immer noch dran und jedem, der mich fragt, wie's mir geht, erzähl ich von dem Scheiß. Ich brauch mal was in den Kopf.

Und genau das meine ich. Wenn das Leben plötzlich kleiner wird. Flix ist knapp zwanzig Jahre lang super hochtourig gelaufen, er hat eine Menge Energie, er hat Kapazitäten, davon träumen die meisten. Und jetzt? Wohin damit? Wenn er nichts zu tun hat, wenn er sich selbst nichts zu tun gibt, dann beschäftigt sich sein Hirn mit Kleinscheiß. Und das nervt ihn. Er hat eine Krise. Eine kleine. Einfach, weil Flix kein Typ für große Krisen ist.

"Einfach mal überhaupt keine Verantwortung mehr zu haben, fand ich schon 'ne geile Vorstellung. Dass es mal niemanden interessiert, ob ich bis mittags im Bett bleibe, danach 17 Spiele durchzocke, aufhöre, mich zu rasieren, und mich mit Dosenbier volllaufen lasse. Ging leider nicht, hab ja Familie. Betrunken in die Kita war keine Option. So hab ich dann eben viel Zeit mit meiner kleinen Tochter verbracht. Auch ein Luxus: wenn der Kita-Winter mit den dauernden Erkältungen keinen Stress bedeutet."

Direkt nach dem Abi haben wir zusammen in einer WG gewohnt und Flix brachte jeden Abend neue Worte aus dem Büro an unseren Küchentisch: Controlling, CEO, board meeting. Er sprach von Investoren und Softskills und synchronisierte seine Kalender. Da draußen war er ein Chef, traf Entscheidungen, stellte Menschen ein, die doppelt so alt waren wie er, manchmal musste er sogar welche entlassen.

Mit fünfundzwanzig war ich Student in Hannover und mein bester Freund unterschrieb Mietverträge über 10.000 Quadratmeter Bürofläche. Investoren stiegen ein, schalteten Fernsehwerbung. Ich hatte damals Angst, was das mit ihm macht. Mit uns. Dass dieser Reichtum, diese fremde Businesswelt ihm irgendwie den Kopf verdrehen könnten. Dass er ein neureicher Schnösel werden könnte. Koks und Casino, würde Flix sagen.

"Im Grunde mache ich mir nichts aus Geld. Und Leute, die mich hofieren, weil ich scheißviel davon habe, interessieren mich nicht, deswegen interessieren solche Leute sich auch nicht für mich. Leute, die sich mit Leuten schmücken wollen, ziehen Leute an, die sich mit Leuten schmücken wollen. Das ist so eine Art Deal, den man dann eingeht, glaube ich.Natürlich ist es nicht angemessen, wie viel Geld ich habe. Nur sind die Summen in diesem System gar nicht mal übertrieben. Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht und ich fühle mich auch nicht zu Dank verpflichtet, weil ich so viel habe."

Geld ist ein Magnet für Geld. Für alle, die kein Geld haben, bedeutet das, dass ihr kleiner Anteil am Gesamtvermögen immer kleiner wird. Das Vermögen der Millionäre auf der Welt hat sich seit 1996 vervierfacht. Seit 2016 besitzt das eine reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr als die Hälfte des Gesamtwohlstandes. Auch in Deutschland ist die Zahl der Millionäre im vergangenen Jahr überdurchschnittlich stark gewachsen, um gut eine Million. Flix ist einer von ihnen. Zumindest faktisch. Wahrscheinlich ist er nicht der typische Superreiche, aber er gibt uns die Chance, ihn kennenzulernen und einen Blick in diese kaum erforschte, fast unsichtbare Gruppe der Reichen in Deutschland zu werfen.

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