Volkspark am Weinberg : Hanglage Almblick

Einst standen hier die Dealer. Heute ist der Volkspark am Weinberg ein Hort der Ruhe mitten in Mitte. Die zehnte Folge unserer Serie über Parks in Berlin.

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Algen, Tang und Seerosenpracht. Der Teich im Weinbergspark.
Algen, Tang und Seerosenpracht. Der Teich im Weinbergspark.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Beste ist natürlich die Wiese. Voll, satt, grün, wie ein pastoses Gemälde liegt sie da, leicht ansteigend, baumumstanden, eine Wohltat für Augen und Ohren. Man erwartet sie nicht, diese plötzliche Öffnung ins Weite, nach der Enge und dem Lärm der Brunnenstraße. Der Volkspark am Weinberg ist eine kleine Mitte-Oase, ein Ort zum Entspannen, Abhängen, Auftanken.

Gut, über den Seerosenteich am Fuß des Hangs reden wir noch mal: Schmutzig und ziemlich veralgt, hätte er Monet wohl kaum als Vorlage gedient. Aber da ist ja die Wiese: Locker hingestreut verteilen sich Besuchergrüppchen, viele sind mit Fahrrädern gekommen, manche haben Bier dabei, eine Frau macht Streckübungen, ein älterer Herr, er sieht aus wie Günter Wallraff, hat sein Hemd ausgezogen und tippt auf einem Laptop. Stille Momente, in denen das Großstadtleben mal Pause macht und dabei erst so richtig zu sich kommt. Was auffällt: Hunde ja, aber nicht zu viel. Und kaum Kinder. Die toben sich weiter oben aus, auf dem Spielplatz. Eine angenehme Unaufgeregtheit liegt über allem. Der Volkspark am Weinberg taugt als Alternative für diejenigen, die den Mauerpark nicht aushalten.

Die Topografie allerdings, die ist – für hiesige Verhältnisse – schon aufregend. Der Park lebt von seiner Hanglage. In Berlin heißt ja, mangels Alternativen, alles „Berg“, was eigentlich nur durch eine Delle in der Landschaft entstanden ist. Die Delle trägt den Namen Urstromtal, vor zehntausenden von Jahren floss hier das Schmelzwasser der Eiszeitgletscher fort, geblieben sind zwei Hochebenen: Der Teltow (am deutlichsten im Viktoriapark, dem „Kreuzberg“) und der Barnim (in Friedrichshain und Mitte). An diesen beiden Hängen ist die gründerzeitliche Stadt auf reizvolle Weise emporgewachsen. Die Wiese im Volkspark am Weinberg ist Teil des Barnimhangs, der gleich hinter dem Park mit der Zionskirche seinen höchsten Punkt (52 Meter) auf Berliner Stadtgebiet erreicht. Unterhalb vom Spielplatz gibt es steile Treppen, sie vermitteln einen Hauch von Montmartre, vom Burgviertel in Budapest, von Lissabon oder Lausanne – Orte, wo sich Natur und Städtebau auf spektakulärere Weise verbinden durften als in Berlin.

Aber die Vielfalt an Laub- und Nadelbäumen im Park ist beeindruckend. Mitarbeiter des Gartenbauamtes jäten gerade ein Areal, es sieht aus wie ein Kräutergarten. Hier im mittleren Teil wird am deutlichsten, dass der Volkspark als Aufbauprojekt der DDR in den fünfziger Jahren entstand. Da ist das Fries mit Arbeitermotiven, der Laubengang – und die Skulptur von Heinrich Heine, deren Sockel den großen Ironiker mal überraschend ernsthaft zitiert: „Wir ergreifen keine Idee, sondern die Idee ergreift uns“. Geschaffen hat sie Waldemar Grzimek, eigentlich war sie für das Kastanienwäldchen an der Neuen Wache gedacht. Doch die DDR- Funktionäre fanden sie zu wenig monumental, zu menschlich. So bekam sie ihren Platz hier im Park, abseits vom Zentrum. 2002 hat man dann doch eine Kopie neben der Neuen Wache aufgestellt.

Eingebettet ist der Park in pralle Urbanität. Der Rosenthaler Platz hat sich zum Epizentrum des Hostel-Booms entwickelt. Regisseur Hendrik Müller, der in der Nähe wohnt, wurden von dem Hype, den die Touristen um Berlin veranstalten, unlängst zu „Berliner Leben“, einer Neufassung von Offenbachs Operette „Pariser Leben“, an der Neuköllner Oper inspiriert. Auch Lothar Zagrosek, bis vor kurzem Chefdirigent des Konzerthausorchesters, ist hier heimisch geworden, sein Blick geht auf den Park. Nach München möchte er nicht zurück, sagt er: „München ist satt.“ An der Veteranenstraße hält das Acud der allgegenwärtigen Gentrifizierung tapfer stand, anders als das Haus Brunnenstraße 183, das 2009 geräumt wurde und jetzt immer noch mit seltsam toten Fenstern auf den Park starrt, das unvermeidliche „Wir bleiben alle“ prangt an der Fassade, es wirkt wie ein Grabspruch.

Ja, die Gentrifizierung. In diesem kleinen Volkspark wurde sie auf ihre Weise ausgefochten. Vor zehn Jahren machten Dealer Schlagzeilen. Leute, die einfach nur entspannen wollten, hatten hier im Prinzip nichts verloren – anders als in der Hasenheide in Neukölln, wo Dealer und Parkbesucher bis heute in einer fragilen Balance miteinander auskommen. Wahrscheinlich, weil die Hasenheide größer ist und Neuköllner und Kreuzberger sowieso ein dickeres Fell haben. Irgendwann holten sich die Mütter den Volkspark zurück. Büsche und Sträucher, die Verstecke boten, wurden gerodet, neue Beleuchtung aufgestellt. Die wichtigste Maßnahme war der Bau des riesigen Spielplatzes ganz oben. Rund eine Million Euro hat der Bezirk investiert. Ganz glatt ging das dennoch nicht ab. Es kursierten Flyer mit dem Motto „Mach’ meinen Dealer nicht an“, die „autoritäre Lust an der Verfolgung“ wurde kritisiert. Der Bedarf für den Stoff war offenbar da, vermutlich haben ihn viele Kreative aus der Umgebung als Initialzündung gebraucht. Inzwischen dürften sie selbst Kinder haben und manches anders sehen. Die Drogenszene jedenfalls hat sich in die U 8 verlagert.

Ein anderer Stoff hat die Geschichte des Geländes ebenso geprägt. Zwar bringt man Berlin gerne mit Bier in Verbindung, aber die Stadt hat auch eine Weingeschichte, der Name „Weinbergsweg“ sagt es. Hier wuchsen Reben, und sie tun es heute noch – vor der Terrasse des Nola’s. Das Schweizer Restaurant ist das eigentliche Zentrum des Parks, als solches schon in den Fünfzigern geplant, damals noch ein Tanzlokal. Nach der Wende wurde ein abgerockter Club draus, 2002 eröffnete das Nola’s. Und an dieser Stelle ist eine kleine Korrektur angebracht: Wahrscheinlich ist das Beste an dem Park doch nicht die Wiese, sondern die Terrasse vom Nola’s. Ein Ort, um die Gedanken in sommerlicher Weite schweifen zu lassen. Immer ist hier Platz, nie gibt es Gedränge, ein Freiraum für Körper und Seele. Die Karte bietet „Chäs-Suppä“, Tessiner Röschti und natürlich Rivella. Wo sonst könnte diese Gaststätte stehen als in den Berliner Bergen? Man muss ja wirklich hinaufsteigen, um hierher zu gelangen – da stellt sich sofort Alm-Feeling ein. Fehlen nur noch Kühe. Aber in Berlin will man ja wieder gleich alles haben.

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