Brüder Bouroullec : Kern des Designs ist das Gefühl

Erwan und Ronan Bouroullec sind Frankreichs beste Designer. Sie treten immer gemeinsam auf, beim Interview spricht in der Regel nur einer.

Chris Meplon
Erwan (links) und Ronan Bouroullec in ihrem Studio.
Erwan (links) und Ronan Bouroullec in ihrem Studio.Foto: Studio Bouroullec

Vor zwei Jahren wurde ihr Gesamtwerk im neuen Centre Pompidou in Metz ausgestellt. Gerade lief im Pariser Museum Les Arts Décoratifs die prestigeträchtige Ausstellung Momentané, die ihrer 15-jährigen Karriere gewidmet war. Im Alter von 42, beziehungsweise 37 Jahren sind die Brüder Bouroullec die meist gefeierten französischen Designhelden. Sie gehören zudem zu den einflussreichsten und erfolgreichsten Designern der Welt.

 Ende der 90er Jahre wurden sie bekannt und machten sich rasend schnell einen Namen. Eine lange Liste führender Auftraggeber können sie vorlegen wie etwa Cappellini, Issey Miyake, Vitra, Magis, Kartell, Ligne Roset, Kvadrat, Flos, Mattiazzi und Hay. Auch auf der jüngsten Möbelmesse in Mailand im April waren sie allgegenwärtig. Unter anderem mit einer überraschenden Installation von Traumkarrussells im Auftrag von BMWi (der jungen Untermarke von BMW, die sich der Nachhaltigkeit und elektrischen Konzeptautos widmet).

 Wir treffen Ronan Bouroullec, den ältesten der beiden (geboren in Quoimper, 1971) in Mailand während der Salone Ufficio, wo ihre neue Workbay Office für Vitra vorgestellt wurde. Ihre besondere Verbindung und erfolgreiche Zusammenarbeit mit Vitra begann im Jahr 2002. Die Designer kreierten für die Marke innovative Bürosysteme wie Joyn und unkonventionelle Produkte wie Algues, ein Bausatz für einen sich organisch windenden Raumteiler oder L’Oiseau, einen Spielzeugvogel.

Auf Fotos scheinen sie unzertrennlich, aber bei Interviews sind sehr selten beide zugleich anwesend. Das heißt nicht, dass sie nicht alle ihre Entwürfe noch immer mit beider Namen signieren, wobei niemals der spezifische Anteil des einen oder anderen kommuniziert wird. Den permanenten Dialog und den Austausch in ihrem Designstudio in Paris bezeichnen sie als wesentlich für all ihre kreative Arbeit.

 

Wie sind Sie zum Designer geworden? Und, gefällt Ihnen der Beruf noch immer, nach all den Jahren?

 Es gibt Dinge, die einem zusagen und Dinge, die einem weniger gefallen. Ich beginne mit dem Positiven. Ich empfand schon in sehr jungen Jahren eine Leidenschaft für Objekte. Ich weiß nicht genau, wie es dazu gekommen ist, aber ich habe immer gewusst, dass ich damit gerne etwas tun würde. Meine Familie war überhaupt nicht auf Kunst und Design hin orientiert. Mein Vater arbeitete in der Gesundheitsverwaltung und meine Mutter war Krankenpflegerin. Wir wurden auf dem Land geboren, in der Bretagne. Dort existiert alles andere als eine städtische Kultur.

 

Dennoch haben Ihre Eltern sie nicht gezwungen, einen traditionellen Beruf zu wählen?

 Die Schule war für mich ein Alptraum. Ich hatte großes Glück, dass ich mit 15 Jahren in einen Studiengang mit einem Mix von klassischen Studien und angewandten Künsten landete. Dadurch konnte ich Fotografie, grafische Formgebung und Objekte kennenlernen. Von dieser Periode an sehe ich eine klare Linie in meinem Leben: Ich habe das Gefühl, dass ich schon seit meinem 15. Lebensjahr konsequent mit dem beschäftigt bin, was nun noch immer tue. Und ich hatte das Glück, dass ich damit ziemlich erfolgreich war.

Korrektheit, Finesse und Eleganz: Die Entwürfe der Bouroullec-Brüder
Motive aus der Natur spielen für Erwan und Ronan Bouroullec eine große Rolle, wie auch bei dem Stecksystem "Algue", das sich zu Wanddekorationen oder Raumteiler verdichten lässt (Vitra, 2004).Alle Bilder anzeigen
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26.11.2013 15:54Motive aus der Natur spielen für Erwan und Ronan Bouroullec eine große Rolle, wie auch bei dem Stecksystem "Algue", das sich zu...

 

Wussten Sie schon mit 15 Jahren, was ein Designer ist?

 Natürlich nicht, ich hatte keine Ahnung davon. Es existiert eine Doppeldeutigkeit rund um diesen Begriff. Vor allem in Frankreich, wo das Publikum vielleicht noch schlechter über Design informiert ist als in anderen Ländern. Design ist für das große Publikum eine Art Adjektiv: Sie sprechen über einen Designstuhl, ein Designglas, als ob es um einen Stil geht, als ob Design automatisch auf das ein oder andere bizarre Ding in transparentem Plastik verweist, das man im Museumsshop oder in fürchterlichen Geschäften kaufen kann. Ich finde das grauenhaft. Es ist genau das Gegenteil von dem, was Design für mich ist, nämlich ein einfaches Fachgebiet. Design ist für mich nicht in erster Linie verbunden mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts, sondern mit Objekten,  von denen wir seit Jahrtausenden umgeben sind. Der Unterschied zwischen handwerklich und industriell tut dabei nichts zur Sache. Was sind as für Objekte? Wie entstehen sie? Wie werden sie gefertigt? Was ist ihre Beziehung zu unserer Welt? Darüber denkt man als Designer nach. Und damit basta.

 

Wie sehen Sie bei Objekten die Bedeutung von Originalität gegenüber der Tradition?

 Für mich dreht sich alles viel mehr um Korrektheit als um Tradition oder Erneuerung. Es gibt eine Menge innovativer Objekte, die ich total absurd finde. Was will das schon sagen – Innovation? Natürlich ist es wichtig, innovative Lösungen zu finden, aber in erster Linie will ich Korrektheit, eine gewisse Finesse, Delikatesse, Eleganz. Nehmen wir an, ich entwerfe einen Massivholzhocker mit vier Beinen. Das ist nicht innovativ. Außerdem scheint es mir praktisch zu sein, Maße zu verwenden, die schon seit Jahrhunderten verwendet werden. Oder wir entwerfen einen Teppich unter Verwendung der alten Kelim-Technik. Es gibt da keine technische Innovation und dennoch bekommt dieser Teppich einen eigenen Charakter.

Ich vergleiche das gerne mit Kochen. Man kann mit den besten Zutaten alles richtig tun, aber wenn man am Ende zuviel Salz hinzugibt, ist alles verdorben. Beim Design ist das genauso. Es ist sehr gut möglich, dass man eine interessante Idee hat, eine schöne, passende Form, aber wenn der Komfort zu wünschen übrig lässt, ist das Ganze missglückt. Es kommt beim Design darauf an, eine ganze Menge unterschiedlicher Faktoren zu einem Ganzen zu vereinigen, in dem "die Musik steckt", in sehr divergierenden Kontexten.

Nennen Sie bitte ein Beispiel!

Bei Projektmobiliar für Vitra spielen Faktoren wie Preis, Montage- und Produktionsgeschwindigkeit eine große Rolle. Aber um diesen Teppich zu fertigen, sind 100 Arbeitstage notwendig. In dieser Hinsicht hat Design auch mit Einfühlungsvermögen zu tun. So wie ein guter Schauspieler den einen Tag eine komödiantische und den anderen Tag eine tiefsinnige, tragische Rolle spielen können muss, so muss auch ein guter Designer über eine breite Ideenpalette verfügen und jeweils die passende Antwort finden, ob das nun für Vitra ist oder für pakistanische Handwerker, die in einem Kriegsgebiet leben.

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