Wohnen : Geklebt fürs Leben

Möbel aus Pappe und Papier sind günstig, umweltschonend und mobil.

Judith Jenner
Fotos: Vitra / Hans Hansen, Nendo, Moroso
Fotos: Vitra / Hans Hansen, Nendo, Moroso

Aus einem Pappkarton einen „Fernseher“, ein Puppenhaus oder eine Höhle zu basteln, das haben schon viele ausprobiert. Um aus Pappe und Papier aber ganz reale Möbel mit einer langen Haltbarkeit herzustellen, dafür braucht es etwas mehr Tüftlergeist.

Den beweist Produktdesigner Nicolas Haeberli vom Label Everythings aus Zürich. Er hat in drei Jahren die BlockBox entwickelt, ein vielseitig einsetzbares Regal. Es besteht aus neun variabel miteinander kombinierbaren Würfelelementen und wird in einem handlichen, elf Kilo schweren Koffer geliefert. Bei einem Umzug lässt es sich also theoretisch sogar auf dem Fahrrad transportieren.

„Die BlockBox ist aus einer stabilen Verbundplatte aus Recycling-Karton und nur wenig Leim hergestellt. Sie besteht inklusive Koffer zu 98 Prozent aus Kraftpapier, ein letztendlich nachwachsender und rezyklierbarer Rohstoff“, sagt Nicola Haeberli. Das macht das Pappmöbel umweltfreundlich. Denn zum Ende seiner Lebenszeit kann man es im Altpapier entsorgen.

Nachhaltigkeit ist eines der wichtigsten Argumente für Möbel aus Pappe. Doch wie sieht es mit der Haltbarkeit aus? Bedeutet ein umgekipptes Wasserglas automatisch das Ende eines Papptischchens? Nein, wenn die Flüssigkeit schnell aufgewischt wird. Auch Staubwischen mit einem gut ausgewrungenen, leicht feuchten Tuch ist laut dem Pappmöbelshop der Firma Stage Design kein Problem. Dort können Kunden Betten, Bilderrahmen, Regale, Hocker und Tischchen aus Pappe bestellen.

Ein weiterer Pluspunkt von Möbeln aus Pappe sind die günstigen Herstellungskosten. Das brachte Designer Peter Raake bereits im Jahr 1968 dazu, den Sessel „Otto“ als „Möbel für Besitzlose“ zu entwerfen. Eine Reedition ist auf www.pulpo-shop.de erhältlich.

Frank O. Gehrys geschwungener Pappsessel „Wiggle“ (Vitra) aus dem Jahr 1972 ist längst ein echter Klassiker. Er entstammt der „Easy Edges“-Kollektion, deren Anspruch es ist, alltäglichen Materialien neue ästhetische Dimensionen zu verleihen. „Ich schaute eines Tages in meinem Büro auf einen Stapel Wellpappe – das Material aus dem ich Architekturmodelle zu bauen pflegte – und ich begann damit zu spielen, es zusammenzukleben und es mit einer Handsäge und einem Taschenmesser in Formen zu schneiden“, wird Gehry zitiert. Später zeigte er sich jedoch unzufrieden damit, dass seine Möbel für Höchstpreise verkauft werden. Er wandte sich vom Produktdesign ab und arbeitete nur noch als Architekt.

Der Offenbacher Jungdesigner Sebastian Herkner (siehe Seite 22-23) lernte Papier als Grundstoff für Möbel in Spanien kennen. Dort besuchte er eine Firma, die Fäden aus Papier spann. Das Material war für ihn der Ausgangspunkt seiner „Bask“-Kollektion für Moroso. „Zusammen mit Moroso und der Papierfirma entwickelte ich ein spezielles Papier und eine Technik, mit der das Garn für dreidimensionale Objekte verwendet werden kann“, sagt Sebastian Herkner. Ein Metallgitter unterstützt die Form der Körbe und Schalen. Sie dienen einerseits als Aufbewahrungselemente, andererseits können sie umgedreht als Beistelltische benutzt werden.

Ein Abfallprodukt ist der Grundstoff des „Cabbage Chair“ des japanischen Designbüros Nendo. Modedesigner Issey Miyake bat Gründer Oki Sato für eine Ausstellung ein Produkt aus Papier zu entwerfen, das bei der Herstellung von Faltenstoffen übrig bleibt. Oki Satos Lösung sah so aus: „Wir transformierten eine Rolle gefaltetes Papier in einen kleinen Stuhl. Das wirkt ganz natürlich, wenn man die äußeren Schichten der Rolle Stück für Stück abschält.“

Leim, der bereits während des Produktionsprozesses hinzugefügt wird, gibt dem Material Stabilität und macht es formbar, die Falten geben Elastizität. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussehen mag, ist dabei ein bequemes Sitzmöbel herausgekommen. Oki Sato kann sich vorstellen, dass man den Stuhl, der keine innere Struktur hat, als Papierrolle ausliefert und das Abpulen der Papierstreifen dem Endkunden überlässt. „Das einfache Design des Stuhls wirkt sich positiv auf die Herstellungs- und Versandkosten aus und macht ihn besonders umweltverträglich“, sagt Oki Sato. Bei einem Umzug lässt sich der Stuhl einfach wieder zusammenrollen.

Eine ganze Büroeinrichtung aus Pappe hat das niederländische Architekturbüro RO&AD architecten für das 200 Quadratmeter große Büro der Grafikdesignagentur Scherpontwerp und des Verlags De Boekenmakers im Zentrum von Eindhoven entworfen. Dabei ging es nach einem Vorbild aus der Stadtplanung vor: Das Konzept des New Yorker Central Parks, einen freien Raum inmitten bebauter Umgebung zu lassen, wurde auf die Inneneinrichtung übertragen.

Das Besondere: Stellwände, Schreibtische, Bücherregale, Schränke, Garderobe und Sofas sind aus Pappe. Ein Vorteil des Materials, das mit einer Beschichtung feuerfest gemacht wurde, ist seine schalldämmende Wirkung. Außerdem findet Architekt Ro Koster sein Konzept nur konsequent: „Der Kunde arbeitet mit Papier, verdient sein Geld mit Papier und arbeitet nun auch zwischen Papier.“

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