horgenglarus : Kantonstil

horgenglarus, die älteste Stuhl- und Tischmanufaktur der Schweiz, passt mit ihren schlichten Entwürfen zum Revival der „Neuen Einfachheit“.

Claudia Schmid
Im alten Gotthard-Hospiz, das auf der Liste des europäischen Kulturerbes steht, wird der Klassiker von horgenglarus verwendet: der Moser 1-250 aus dem Jahr 1931 von Werner Max Moser.
Im alten Gotthard-Hospiz, das auf der Liste des europäischen Kulturerbes steht, wird der Klassiker von horgenglarus verwendet: der...Foto: Ruedi Walti

Mitten im schweizerischen Glarus, dem Hauptort des gleichnamigen Kantons gelegen, steht eingebettet zwischen den Bergen das Fabrikgebäude mit rotem Kamin. In den Produktionshallen knarren die Holzböden, im Gang hängen hunderte alter Stuhlschablonen, da und dort vergilbte Kalender, Fotos vergessener Schweizer Skistars und alte Werbetafeln mit Sprüchen wie „horgenglarus – die Nummer eins fürs Sitzvergnügen.“ Die Fabrik von horgenglarus ist eine wie aus dem Bilderbuch – und wird von Designjournalisten aus der ganzen Welt aufgesucht.

90 Stühle aus stabilem Holz aus dem Jura, die mittels Bugholztechnik hergestellt werden, verlassen täglich das Werk. „Zumindest in der Schweiz gibt es wohl niemand, der nie auf einem horgenglarus-Stuhl gesessen ist“, sagt Marco Wenger, der 30-jährige Chef und gelernte Schreiner, der seit anderthalb Jahren an der Spitze der Firma steht. Ob in Schulen, im Bundeshaus, in Theater-und Opernhäusern, Cafes oder Museen: Die horgenglarus-Stühle sind allgegenwärtig im öffentlichen Raum.

Die 1880 in Horgen bei Zürich gegründete und 1902 um den Werkstandort Glarus erweiterte Firma ist die älteste helvetische Stuhl- und Tischmanufaktur. Dieses Jahr, 100 Jahre nach der Gründung des Schweizerischen Werkbundes, ist die „Neue Einfachheit“, die horgenglarus mit seinen Möbeln propagierte, aktueller denn je. Nicht nur, weil sich Holzmöbel eines Comebacks erfreuen. Sondern auch, weil Schlichtheit wieder gefragt ist.

Schon von Beginn an arbeitete horgenglarus mit namhaften, auf Purismus spezialisierten Gestalter zusammen. Etwa mit den Architekten und Möbelgestaltern Max Ernst Haefeli, Werner Max Moser oder Max Bill. Le Corbusier präsentierte 1925 für den Pariser „Pavillon de l' Esprit Nouveau“ horgenglarus-Stühle als Beispiele für eine zeitgemäße Auffassung von Wohnkultur. Die Werkbund-Galerie in Berlin zeigt nun in einer Ausstellung sieben Stühle aus der Glarner Manufaktur – und zwar nicht nur ältere Entwürfe von Moser oder Haefeli (die bis heute im Programm sind), sondern auch aktuelle.

Zürich hegt eine besondere Liebe für horgenglarus

Zur neuen Generation zählen etwa die Modelle des Zürcher Studios Hannes Wettstein, das den „Classic“-Holzstuhl von 1918 überarbeitet und dieses Jahr als „Icon“ neu lanciert hat. Max Dudler, Schweizer Architekt mit Sitz in Berlin und Zürich, hat mit horgenglarus für die neue Bibliothek der Folkwang Universität in Essen die Möbelserie „Black Monday“ entwickelt. Sie besteht aus Beistell- und Esstischen, sowie einem Stuhl mit Polster und runder Sitzfläche. Es ist die Weiterentwicklung eines Stuhls, den er in den Achtzigern für das Schwarze Café in Frankfurt am Main entworfen hat.

"Black Monday" in der Bibliothek der Folkwang Universität der Künste.
"Black Monday" in der Bibliothek der Folkwang Universität der Künste.Foto: Stefan Müller

Als Ergänzung der Stuhlserie realisierte er ein rechtwinkliges, stapelbares Modell mit einer Einbuchtung in der Lehne. Auf letzterem speisen jetzt Banker und Studenten im Neubauquartier Europaallee gleich beim Zürcher Hauptbahnhof: Die rechtwinkligen „Black Monday“-Stühle stehen in der Kantine der neuen UBS-Büros und gegenüber in der Kantine der Pädagogischen Hochschule, die Dudler gebaut hat.

Gerade Zürich hegt eine besondere Liebe für horgenglarus. So ist die angesagte Atelier-Bar im Bankenviertel mit alten, zusammengewürfelten Stühlen der Manufaktur eingerichtet; an den Wänden hängen Bilder alter Kataloge. Das alternative Szenecafé Z am Park, ebenfalls mit horgenglarus-Möbeln ausgestattet, organisiert sogar regelmäßig die Auktion „Take A Seat“. Dort kommen von Schweizer Künstlern und Designern „verfremdete“ Stühle der Glarner Manufaktur unter den Hammer. Würden Werner Max Moser oder Le Corbusier noch leben – sie hätten wohl bei der Auktion mitgemacht.

„horgenglarus-Stühle von Wettstein, Moser, Haefeli, Dudler“, Werkbund Galerie, Goethestraße 13, Berlin-Charlottenburg.Bis 15.10.

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