Verbraucher : Die Luft wird dünn

Der Dax steigt und steigt: Wie riskant der Höhenflug ist und was für eine baldige Korrektur spricht

Veronika Csizi

Der Dax steigt. Und steigt. Und ...? Seit er mit 5408 Punkten ins Jahr 2006 ging, hat der Deutsche Aktienindex 17,2 Prozent gewonnen. Seit März 2003 dauert der Kursanstieg nun an, von 2188 Punkten hat es der Index auf aktuell 6340 geschafft. Das sind 190 Prozent. Glaubt man den Optimisten, ist damit das Ende der Gewinnstrecke noch nicht erreicht. Doch die Warnungen vor einer Überhitzung des Marktes werden lauter.

Für Claus Vogt, Leiter von Research und Vermögensverwaltung bei der Berliner Effektenbank/Quirin Bank, ist es glasklar: „Wir stehen vor einer Rezession in den USA und einer Baisse an den Aktienmärkten.“ Die aktuellen Kursgewinne, unkt Vogt, seien der letzte Versuch einer „Top-Bildung“, bevor es massiv abwärts gehe. Liege der Abschwung im statistischen Mittel der vergangenen Dekaden, so sei mit einem 36-prozentigen Minus im Dow Jones und 19 Monaten Abschwung zu rechnen. Vogt: „Im Dax kann es da auch noch Überraschungen nach unten geben.“ Selbst eine Baisse wie die letzte zwischen 2000 und 2003, als sich der Dax mehr als halbierte, sei denkbar.

DIE US-WIRTSCHAFT LANDET

Hauptargumente für den Analysten sind die „Blase am US-Immobilienmarkt“ und die sogenannte inverse Zinsstruktur in den USA. Dass für Dreimonatsgelder 5,1 Prozent, für zehnjährige Staatsanleihen aber nur 4,7 Prozent Zinsen gezahlt würden, sei ein klarer Hinweis auf baldige massive Zinssenkungen und somit auf eine starke konjunkturelle Abkühlung. Auf Phasen inverser Zinsen, sagt Vogt, seien in der Vergangenheit immer Rezessionen gefolgt. Und Rezessionen, also Rückgänge beim Bruttoinlandsprodukt, gingen immer mit einer Baisse an den Aktienmärkten einher. Dass die US-Wirtschaft, wie von der Mehrheit der Analysten vorhergesagt, mit einer „sanften Landung“, also nur einer Abschwächung der Dynamik gebremst wird, glaubt Vogt nicht. Sein Rat daher: Raus aus Aktien, rein in Geldmarkt, Gold und Renten – zumindest für einige Monate.

SCHLUSSSPURT 2006

Solche „Weltuntergangsmodelle“ kann Kai Stefani nicht nachvollziehen. Zwar seien die ökonomischen Unsicherheitsfaktoren derzeit unübersehbar, räumt der Volkswirt und Kapitalmarktanalyst beim Deutschen Investment-Trust (Dit), der Fondstochter der Dresdner Bank, ein. So kündigten gesunkene Ölpreise wirtschaftliche Bremsmanöver an, auch kühle sich der US-Hausmarkt nach fünfjährigem Boom ab. Ein durchweg negatives Bild der Weltkonjunktur zu zeichnen, sei trotzdem schwer, ist Stefani sicher. Denn die gesunkenen Energiepreise sorgten gleichzeitig für Entspannung bei der Inflation, so dass die US-Notenbank tatsächlich bald mehr Spielraum haben werde, die Zinssätze zu senken. Dies jedoch werde der Wirtschaft wieder Dynamik verleihen und den Aktienmärkten Mut machen. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17 sei der US-Markt, ablesbar am sehr breiten Markt-Index MSCI Nordamerika, zudem nicht teuer. Zum Vergleich: Das Mittel der letzten Jahre lag bei 23.

Stefani glaubt deshalb an eine Jahresend-Rallye in den USA, aber auch in Europa: „Es lohnt sich, im Markt zu bleiben und den Aktienanteil sogar auszubauen.“ Auch 2007 werde der Anleger mit „Aktien besser fahren als mit Renten“. Allerdings seien im kommenden Jahr etwas schwächere Kurszuwächse zu erwarten. Zwischenkorrekturen seien durchaus möglich, allerdings nur in Form kleinerer Kursdellen.

15 PROZENT RISIKO

Das immer noch verbreitete Vertrauen der Investoren hält Winfried Walter, Vorstand und Portfolio-Manager bei der Vermögensverwaltung Albrecht & Cie, für fahrlässig. „Wir sind am Ende einer Aufschwungphase angelangt, jetzt droht ein Rückschlag”, glaubt Walter. Allerdings: Eine Baisse wie zwischen 2000 bis 2003 sei auf keinen Fall zu erwarten – vor allem, weil Unternehmen und Konzerne, anders als vor dem letzten Absturz, fast durchweg „gut im Saft stehen“. Auch seien die Bewertungen nicht übertrieben. Das Risiko liege beim Dax etwa bei 15 Prozent oder rund 1000 Punkten abwärts, sodass es nun Sinn mache, ein paar Schäfchen ins Trockene zu bringen und Gewinne wenigstens teilweise zu realisieren. Die US-Wirtschaft, so Walters Argumentation, sei sehr lange sehr gut gelaufen: „Da ist nun nicht mehr viel draufzupacken.” Wachstumsraten wie in den vergangenen Quartalen seien eher nicht mehr zu erwarten. Zudem werde der Wahlerfolg der Demokraten an der Börse zunächst zu einem „belastenden Nachdenkprozess“ führen.

KASSE MACHEN UND ABWARTEN

Walters Rat: etwas Kasse machen und Finanzpolster aufbauen, erstklassige Werte mit sauberer Bilanz und gutem Management aber im Depot lassen. „Ein paar Aktien muss man immer haben.“ Zudem könne der Markt noch ein paar Prozente steigen, sodass allzu hektische Verkäufe und Rückkäufe nur Kosten verursachten. Wer verkauft, sagt Walter, solle abwarten, bis sich Analysten mit immer niedrigeren Kurszielen unterbieten: „Dann muss man wieder voll investiert sein.“

Ungemach wittern auch drei US-Analysten, die im Jahr 2000 sehr früh das Ende der Hausse prophezeit hatten: Richard Bernstein, Douglas Cligott und Byron Wien. Die renommierten US-Spezialisten halten das Kurspotenzial an der Wall Street für ausgereizt. In die Riege der Crashpropheten lassen jedoch auch sie sich nicht einreihen. Bernstein und Wien glauben eher an ein Jahr holpriger Seitwärtsfahrt, Cligott hält eine zehnprozentige Korrektur für denkbar.

Doch wann? Laut Statistik kletterte der marktbreite amerikanische S&P 500-Index im Mittel der acht Haussen in den vergangenen 50 Jahren erst um 137 Prozent, bevor der Aufwärtstrend nachhaltig brach. Erreicht wäre dieses Ziel bei exakt 1841 Punkten. Aktuell steht der Index bei 1383. Da fehlen noch 33 Prozent.

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