Finanzgeschäfte im Internet : Gemeinsam sparen

Im Dutzend billiger: Versicherungen oder Kredite kann man günstig übers Internet bekommen, wenn man sich mit anderen zusammen schließt

von und Jana Gioia Baurmann
Je mehr mitmachen, desto mehr kann man sparen
Je mehr mitmachen, desto mehr kann man sparenMontage: Thomas Mika

Catherine Le Corre brauchte Geld. 2010 hatte die 47-Jährige die Idee, ein Café aufzumachen. Einiges hatte sie schon gespart, 10 000 Euro fehlten ihr noch. Über einen Freund erfuhr sie von Smava.de, einem Portal, das Kreditnehmer und Anleger zusammenführt. Verbraucher können ihren Kreditwunsch zwischen 1000 und 50 000 Euro online einstellen, Anleger zwischen 250 und 100 000 Euro in geprüfte Privatkredite aus Deutschland investieren. „Ich hatte zuvor noch nie einen Kredit beantragt“, sagt Le Corre. „Den Banken traue ich nicht.“ Anonymen Geldgebern im Internet hingegen schon. Jetzt ist sie eine von 30 000 Kunden, die das Marktplatzprinzip von Smava nutzen.

FRIENDSURANCE

Die Idee breitet sich aus. Menschen schließen sich im Netz zusammen, im Schwarm sparen sie Geld. So auch bei dem Berliner Start-up Friendsurance, einer Internetplattform, die Kontakte zwischen Verbrauchern und Versicherern herstellt – und das Versichertsein günstiger macht. „Wir haben uns überlegt, wie man Versicherungen und soziale Netzwerke zusammen bekommt“, sagt Janis Meyer-Plath. Vor Friendsurance hat er bei Shell und im Online-Marketing gearbeitet. Zusammen mit einem Ex-Unternehmensberater, einem früheren Berater der Finanzaufsicht Bafin und einem Software-Entwickler gründete er im Frühjahr 2011 Friendsurance. Doch um „Freundesversicherung“, wie der Name suggeriert, geht es nicht, sondern ums Sparen. Dadurch, dass sich Verbraucher zu Gruppen zusammenschließen, kostet ihre Police weniger. Und je mehr Mitglieder eine Gruppe hat, desto weniger zahlt der Einzelne.

SATTE RABATTE

Bei der Hausratversicherung liegt die Ersparnis bei mehr als 40 Prozent, bei der Haftpflicht sind es 50, beim Rechtsschutz mehr als 60 Prozent. Vor allem junge Familien sind über Friendsurance versichert. Doch auch für die Gegenseite, die Versicherungen, ist Friendsurance attraktiv. So liegt die Betrugsquote im Haftpflichtbereich normalerweise bei über 20 Prozent. Mit Friendsurance passiert das nicht so leicht, ist doch eine Gemeinschaft da, die sich gegenseitig hilft – und kontrolliert. Will man, dass eine Person aus der gemeinsamen Versichertengruppe austritt, ist dies möglich. „Bisher kam das aber noch nicht vor“, sagt Meyer-Plath. Demoliert jemand eine Scheibe, erfährt die Gruppe nur, dass eines ihrer Mitglieder einen Schaden verursacht hat. Namen werden keine genannt. Im Schadenfall wird jedem Gruppenmitglied ein Teil seines Bonus abgezogen. Der Versicherungsbeitrag steigt dann. Doch auch wenn es mehrere Schadensfälle innerhalb der Gruppe gibt, kann der Beitrag nur bis zu einem gedeckelten Basispreis steigen.

LAIEN WERBEN LAIEN

Die Idee scheint anzukommen. Zahlen zu Umsatz und Mitgliedern möchte Meyer-Plath nicht nennen, „es läuft gut“, sagt er. Inzwischen hat das Unternehmen 30 Mitarbeiter. Diese Entwicklung sieht Hajo Köster vom Bund der Versicherten mit Sorge. Wer seinen Nachbarn von den Vorteilen von Friendsurance zu überzeugen versucht, gibt Versicherungsberatung, ohne die nötigen Fachkenntnisse zu besitzen. „Wir empfehlen so etwas nicht. Ob ein Produkt wirklich passt, kann nur ein Experte beurteilen“, sagt Köster.

WAS ALS NÄCHSTES KOMMT

Friendsurance plant, noch in diesem Jahr eine Smartphone- und Handyversicherung auf den Markt zu bringen. „Prozentual gesehen wird die Ersparnis auch hier im oberen Bereich liegen“, sagt Meyer-Plath. Mit fünf Versicherungen hat Friendsurance bereits feste Kooperationen. „Wir könnten mehr machen“, sagt er. „Aber wir wollen, dass das Preis- und Leistungsverhältnis stimmt.“ So kommt jeder auf seine Kosten, auch die Vermittler. Friendsurance erhält eine Courtage auf die laufenden Versicherungsbeiträge, Smava verdient einmalig 1,35 Prozent pro Anleger sowie 2,5 bis drei Prozent pro Kreditnehmer, je nachdem, wie viele Monate der Kredit läuft.

SMAVA

Catherine Le Corre musste nicht lange auf ihren Kredit warten. Bei Smava reichte sie ihre Geschäftsidee ein, die Prüfung dauerte zwei Monate. Als Smava grünes Licht gab, hatte Le Corre binnen 48 Stunden das Geld zusammen, wenig später eröffnete sie das „Melt Caramel“ in der Grünberger Straße in Berlin. „Eat Crêpes, no crap“ (Iss Crêpes, keinen Schrott) ist der Slogan, das Café ist gut besucht. Ihre Finanziers kennt Le Corre bis heute nicht. Alexander Artopé, Mitgründer von Smava, wundert sich, dass nicht schon andere vor ihm auf die Idee gekommen sind. „Ich habe mir überlegt, weshalb Menschen neun bis zehn Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld brauchen“, sagt er. „Und nur zwei Prozent bekommen, wenn sie es bei einer Bank anlegen.“ Smava arbeitet mit der Bank für Investments und Wertpapiere (biw AG) zusammen. Kreditnehmer zahlen bei Smava weniger Zinsen und können den Kredit jederzeit kostenfrei ablösen. „Trotzdem sollte man vorher immer noch seiner Hausbank einen Besuch abstatten“, rät Michael Sittig von Finanztest. „Vielleicht hat die Hausbank doch ein besseres Angebot“, sagt er.

Die Anleger bei Smava profitieren von einer höheren Rendite, „im Durchschnitt liegt die immer bei mehr als fünf Prozent.“ Für den Schutz des Kapitaleinsatzes gibt es Anlegerpools, die als gemeinschaftliche Absicherung gegen einen Kreditausfall funktionieren. Fällt etwa in einem Pool von 100 Anlegern der Kredit eines Anlegers aus, wird der Verlust von den anderen 99 anteilig ausgeglichen. „Man sollte sich aber genau informieren, für welchen Pool man sich entscheidet“, sagt Finanzexperte Sittig. Denn die Pools haben unterschiedliche Einstufungen in Bezug auf die Kreditwürdigkeit ihrer Kreditnehmer. Mitarbeit: Inga Höltmann

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