Gaspreise : Nur in eine Richtung

2008 stiegen die Gaspreise kräftig. Jetzt haben viele Versorger die Tarife gesenkt – zu spät, sagen Kritiker. Der Winter ist fast vorbei.

Kevin P. Hoffmann
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Der Winter ist dieser Tage zurückgekehrt. Da kommt diese Nachricht gerade recht: Die Gasag senkt die Preise. Zum gestrigen 1. Februar fielen sie um 0,3 Cent je Kilowattstunde, was knapp vier Prozent Ersparnis entspricht. Und in zwei Monaten, zum 1. April 2009, werden die Tarife nochmals um 0,48 Cent sinken; das sind noch mal rund sechs Prozent weniger.

Wurde auch langsam Zeit, sagen sich die Kunden des großen Regionalversorgers, der einen Marktanteil von rund 90 Prozent in Berlin hat. Denn im vergangenen Jahr kannten die Preise fast nur eine Richtung: aufwärts. Das war in der Tendenz auch bei den Konkurrenten wie Nuon, E-Primo und Tel-Da-Fax so. Insgesamt stiegen die Gaspreise im Jahr 2008 bundesweit um 9,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das macht im Schnitt rund 56 Euro Mehrbelastung für jeden mit Gas versorgten Haushalt aus. In Einzelfällen waren es mehrere hundert Euro. Im Dezember war der Höhepunkt erreicht. Zum Februar haben jetzt insgesamt 145 Gasversorger in Deutschland die Tarife gesenkt – darunter auch Nuon, der sein „Wakker Gas“ verbilligte.

WARUM SCHWANKEN DIE PREISE SO?

Grund ist die Wirtschaftskrise. Normalerweise sind die Entwicklungen auf den internationalen Rohstoffmärkten für Privatkunden kaum zu spüren. Kleine Schwankungen gleichen die Gasgesellschaften meist aus. Im vergangenen Jahr aber herrschte auf den Weltmärkten Chaos. Das sah man am Ölpreis, der im vergangenen Sommer ein Allzeithoch erreichte. Seither ist er um zwei Drittel gefallen, weil die Händler an den Rohstoffbörsen glauben, dass die Industrie in der Krise kaum noch Öl braucht.

Der Preis für Gas hängt direkt vom Ölpreis ab und folgt ihm mit drei bis sechs Monaten Verzögerung. Dafür gibt es keinen gesetzlichen Grund; die Importeure und Gasproduzentenländer hatten sich in den 60er Jahren darauf geeinigt, um eine Preisorientierung für diesen Rohstoff zu haben, den man – anders als Öl – schwerer frei handeln kann, da er durch Pipelines strömt. Als Öl im Herbst und Winter schon längst wieder billig war wie seit Jahren nicht, kletterten die Gaspreise hoch und spiegelten den Ölpreisrekord vom Sommer – ausgerechnet zum Beginn der Heizperiode im Winter. Jetzt gehen sie langsam wieder herunter.

REICHEN DIE PREISSENKUNGEN?

Bundesnetzagentur und Verbraucherverbände halten die Gaspreise immer noch für zu hoch: „Die Preissenkungen kommen immer zum Ende oder nach der Heizperiode“, sagte Aribert Peters, Vorsitzender des Bundes der Energieverbraucher, vor wenigen Tagen. „Das können wir nicht als Zufall ansehen.“ Auch Experten wie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung fordern: „Der Gaspreis sollte sich am Markt frei entwickeln. Wir wollen ja mehr Wettbewerb. Deswegen sollten wir diese Ölpreisbindung aufheben.“ In Zeiten der Krise aber stehen die Argumente auf dem Kopf. Denn derzeit profitieren Verbraucher sogar von dem undurchsichtigen Mechanismus der Ölpreisbindung. Zuletzt schlug sogar der russische Monopolist Gasprom vor, die Preisbindung aufzuheben, damit er mehr Geld fürs Gas verlangen kann.

WIE STEHT ES UM DEN WETTBEWERB?

Die Gaspreise haben sich seit der ersten Liberalisierungswelle auf dem Energiemarkt vor zehn Jahren mehr als verdoppelt. Das liegt zum einen an den steigen Weltmarktpreisen, zum anderen konnten die großen Versorger in vielen Städten lange weiter als Fast-Monopolisten auftreten und ihre Preise fast nach Belieben gestalten. Neue Konkurrenten wurden lange klein gehalten, indem die Platzhirsche ihnen hohe Gebühren für die Nutzung ihrer Netze in Rechnung stellten. Das hat sich etwas geändert: Berlin ist als Markt mittlerweile relativ hart umkämpft. Entsprechend viel Druck lastet auf den Hauptversorgern Gasag (Gas) und Vattenfall (Strom), die Preise zu senken. Die Folge: Ein durchschnittlicher Berliner Haushalt muss derzeit mit knapp 2400 Euro Energiekosten im Jahr rechnen – so wenig wie in keinem anderen Bundesland. Im Saarland zahlen Verbraucher 350 Euro mehr für Energie. Kunden können von dem wachsenden Wettbewerb profitieren und den Druck auf alle Versorger erhöhen, indem sie wechseln

WAS PASSIERT BEIM WECHSEL?

Der Wechsel des Versorgers ist meist unkompliziert, es fallen für den Endkunden keine Gebühren an (siehe Kasten). Es muss auch niemand fürchten, dass während der Wechselperiode die Küche plötzlich kalt bleibt: Der regionale Hauptversorger ist gesetzlich verpflichtet, die Versorgung in jedem Fall aufrechtzuerhalten. Grundsätzlich gilt: Der Haushaltskunde kann seinen Grundversorgungsvertrag mit einer Frist von einem Monat zum Monatsende kündigen. Bei einem Umzug verkürzt sich die Kündigungsfrist auf zwei Wochen zum Monatsende. Der Haushaltskunde muss die Kündigung des Grundversorgungsvertrages schriftlich vornehmen. Der Grundversorger muss dann die Kündigung innerhalb von zwei Wochen nach Eingang schriftlich bestätigen. In der Praxis kann der Wechsel dennoch sechs Wochen oder länger dauern.

WO LAUERN VERTRAGSFALLEN?

Wegen der vielen Anbieter hat der Kunde die Qual der Wahl. Die Tarifrechner im Internet bieten eine gute Orientierung, verleiten aber zu einem schnellen Vertragsabschluss. Der billigste Tarif muss nicht der beste sein. Manche Versorger bieten so viele unterschiedliche Tarife an, dass sie damit die Listen der Tarifrechner „verstopfen“. Daher lohnt es sich immer auch, die Tarife auf den hinteren Rängen zu prüfen, die teils nur wenige Euro teuerer sind, aber mitunter bessere Konditionen bieten. Es winken Ermäßigungen, wenn man Gebühren im Voraus bezahlt. In dem Fall sollte man sich überlegen, ob man das kann und will. Zudem hat der Kunde auch mit dem billigsten Tarif wenig Freude, wenn die Vertragslaufzeit extrem lang ist.

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