Pflegestützpunkte : Einer für alle

In Berlin wurden soeben die ersten 24 Pflegestützpunkte eröffnet – was taugt das neue Angebot wirklich?

Moritz Honert
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Bange Frage: Was passiert, wenn ich nicht mehr allein klarkomme? Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist einer der schwersten Schritte des Lebens: Der Auszug aus der eigenen Wohnung und der Einzug ins Pflegeheim. Vieles aus dem alten Leben muss zurückbleiben und jeder weiß: Dies ist wohl die letzte Station. Rund 290 stationäre Pflegeeinrichtungen gibt es in Berlin. Doch welche ist gut? Woher weiß ich, welche die richtige für mich oder meine Angehörigen ist? Wo finde ich Hilfe und Ansprechpartner?

DIE NEUEN ANLAUFSTELLEN

Vergangene Woche wurden in Berlin die ersten 24 Pflegestützpunkte offiziell eröffnet (siehe Karte). Bis Ende des Jahres soll es 26 dieser zentralen Anlaufstellen geben, bis 2010 schließlich 36 – drei in jedem Bezirk. Die Pflegestützpunkte lösen die bisherigen Koordinierungsstellen „Rund ums Alter“ ab. Hier informieren Sozialarbeiter und Kassenangestellte über alle Bereiche der Pflege. Sie helfen bei der Beantragung von Pflegestufen oder der Suche nach einer Kurzzeitpflege und leisten auch psychosoziale Betreuung. „Das Ziel ist, dass die Betroffenen nicht mehr von Pontius zu Pilatus geschickt werden, sondern Ansprechpartner zu allen Fragen an einem Ort finden“, sagte die inzwischen verabschiedete Senatorin für Soziales, Heidi Knake-Werner, bei der Eröffnung. 1,6 Millionen Euro jährlich zahlt der Senat – so viel wie vorher die Koordinierungsstellen erhalten haben. Den Rest übernehmen Pflege- und Krankenkassen.

Wie erfolgreich die Pflegestützpunkte arbeiten, muss sich nun zeigen, sagt Harald Möhlmann, Beauftragter des Vorstandes der AOK, in deren Neuköllner Zentrale ein Pflegestützpunkt untergebracht ist. Er hat eine wachsende Nachfrage registriert. 150 bis 200 Besucher kämen jede Woche, in der gleichen Zeit führten seine Mitarbeiter noch bis zu 20 Hausbesuche durch.

Der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek gerät angesichts der gesetzlich vorgeschriebenen Pflegestützpunkte nicht in Euphorie. „Prinzipiell wird jetzt das gemacht, was auch in den Jahren zuvor schon hätte gemacht werden sollen“, sagt er. Jede Beratungsstelle hätte bereits früher eine übergreifende Beratung bieten müssen. Eine Chance sieht Fussek aber doch. „Da die Stützpunkte lokal organisiert sind, kann durch ihre Arbeit auffallen, wenn bestimmte Angebote wie häusliche Pflege in einem Bezirk fehlen“, sagt er. So könnten Defizite beseitigt werden.

Seine Berliner Kollegin Gabriele Tammen-Parr von der Beratungsstelle „Pflege in Not“ hingegen lobt das nun erweiterte Angebot – Koordinierungsstellen gab es früher in jedem Bezirk nur eine. Außerdem sei der Fokus erweitert worden. Die Pflegestützpunkte berieten bei jeder Form von Pflege: vom behinderten, pflegebedürftigen Baby bis zum Greis.



DAS RICHTIGE HEIM

Das ideale Pflegeheim zu finden, ist schwierig. Auch weil nicht selten nur wenig Zeit bleibt. Viele werden überraschend zum Pflegefall – durch einen Schlaganfall oder durch einen Unfall. Zuerst sollte bei der Heimsuche eine Vorauswahl getroffen werden. „Wer noch mobil ist, will wahrscheinlich in seinem Kiez bleiben, um den Kontakt zu Freunden nicht zu verlieren“ sagt Gabriele Tammen-Parr. Geht es um Wachkomapatienten oder Demenzerkrankte, ist Geografie weniger entscheidend als Ausstattung. Nicht ganz unerheblich ist natürlich auch der finanzielle Eigenanteil, der für einen Platz aufgebracht werden muss. Die Pflegekasse übernimmt nur einen Teil der Kosten. „Teuer heißt jedoch nicht automatisch gut“, sagt Tammen-Parr. Auskunft über die Arbeit des Heims geben auch die Prüfberichte des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK).

DIE PRÜFBERICHTE

Seit Juli 2009 werden alle Pflegeheime und ambulanten Pflegedienste einmal im Jahr vom MDK inspiziert. Das regelt das im Mai 2008 verabschiedete „Gesetz zur strukturellen Weiterentwicklung der Pflegeversicherung“. Den Anstoß dazu lieferten Berichte über wundgelegene und unterernährte Heimbewohner.

Überprüft werden vom MDK unter anderem Wohnsituation und hygienische Zustände, aber auch Alltagsgestaltung oder Speisepläne. Die Ergebnisse, die mit Noten von eins (sehr gut) bis fünf (mangelhaft) bewertet werden, sind in den Einrichtungen und im Internet einzusehen (siehe Kasten). Kritiker wenden jedoch ein, dass das System noch nicht wirklich ausgereift ist. So könnten zum Beispiel schlechte Noten im Bereich Druckgeschwürprophylaxe durch gute Noten in einem anderen Bereich – etwa Freizeitangebote – ausgeglichen werden.

„Trotzdem ist erst mal positiv, dass die Berichte jetzt öffentlich sind“, sagt Gabriele Tammen-Parr. Sie empfiehlt jedoch, nicht auf die Gesamtnote, sondern auf die Einzelergebnisse zu gucken. Wer noch mobil ist, für den sind andere Dinge wichtig als für einen Demenzerkrankten. Prüfberichte ersetzen nicht einen persönlichen Besuch des Hauses. „Gehen Sie ruhig mehrmals“, sagt Tammen-Parr. Denn ob ein Mensch sich in seinem neuen Zuhause wohlfühlt, das läge nicht zuletzt an der Atmosphäre. Die Frage ist: „Wird hier gelebt oder verwahrt?“

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