Welt : Achtlings-Drama: Zwei der Frühgeborenen sind tot, die anderen sind gefährdet

Werner Raith

Es sind keine guten Nachrichten aus der Entbindungsklinik von Niguarda di Milano: zwei der Achtlinge der Familie Pirrera, deren Geburt die Nation bereits seit zwei Wochen entgegenfiebert, sind am Sonntag und Montag kurz nach der per Kaiserschnitt durchgeführten Geburt gestorben, Angelo und Cristina. Aber auch die anderen sechs, Rosa Maria, Girolamo, Marta, Connie und die bereits vor vier beziehungsweise zwei Tagen auf natürliche Weise zur Welt gekommenen Margherita und Michele müssen noch erhebliches Glück haben, um durchzukommen: mit 25 Wochen und zwei Tagen ist diese Schwangerschaft, zumindest für Mehrlinge, nach Angabe der Ärzte, bisher Kürze-Rekord: Deshalb hatten die Ärzte sich nach der Geburt des ersten Babys auch entschlossen, nicht gleich alle auf einmal ans Licht zu holen, um die unterentwickelten Körper so lange wie möglich durch den Mutterleib ernähren zu lassen. Doch am Sonntagabend war nichts mehr zu machen: obwohl fast alle in einer eigenen "Abteilung" der Fruchtblase lagen, musste die Gesamtgeburt durchgeführt werden. Nicht einmal ein Pfund wiegt das schwerste der Kinder, das leichteste gerade mal 270 Gramm. Nach Angaben der Klinik werden die Babys noch mindestens drei Wochen in höchster Lebensgefahr schweben.

Für die Familie Pirriera aus dem sizilianischen Trapani westlich von Palermo begann mit der Schwangerschaft zunächst eine regelrechte Odyssee, seit sich herausgestellt hatte, dass es zu einer mächtigen Mehrlingsgeburt kommen würde: die sizilianischen Kliniken lehnten die Aufnahme allesamt ab, weil sie für eine derart komplizierte Schwangerschaft nicht gerüstet sind; das Krankenhaus von Perugia, das an sich für derlei Fälle eingerichtet ist, ließ wissen, dass sie die 31-jährige Mariella Mazzara Pirrera nicht aufnehmen könne, weil man sich bei der ebenfalls landesweit beachteten Sechslingsgeburt im Januar dieses Jahres total verausgabt hatte. Schließlich erklärte sich die Mailänder Geburtsklinik bereit, musste dafür allerdings auch erst Personal zusammenholen - hundert Ärzte, Assistenen, Schwestern und weiteres Personal waren am Schluss versammelt.

In den Medien wird das Ereignis eigentlich nur noch durch die Medaillengewinne bei den Olympischen Spielen übertroffen: Seit Tagen bringen alle großen Tageszeitungen detaillierte Zeichnungen, wie die Babies im Mutterleib liegen und auf welchen Wegen die Geburtshelfer der Sache Herr zu werden versuchen; Fotos vom Kreißsaal und von der bereits vorbereiteten Wärmebettchen ergänzen die Informationen, und als vorige Woche das erste Kind zur Welt kam, ließ es sich kein Blatt nehmen, die Mutter mit dem glücklichen Vater am Kindbett auf der ersten Seite zu zeigen. Der "Corriere della sera" nahm die Entbindung gar als Aufmacher: "Dramatische Geburt" der Achtlinge; "la Repubblica" titelte "Angst um die Achtlinge". Ausführlich werden die Hilfen für das so unversehens mit einem möglichen regelrechten Kindersegen versehene Paar schon seit Wochen diskutiert - zu dieser Zeit allerdings noch eher unter der Voraussetzung des "Weltrekords" acht überlebender Kinder.

Seit die ersten beiden Babys gestorben sind, kehrt sich freilich das Blatt etwas: da Frau Pirrera seit sechs Jahren immer wirkungsvollere Empfängnis-Förderungs-Mittel eingenommen hat, stellen Kommentatoren nun die Frage nach dem Sinn solcher Kuren, wenn andererseits danach Mehrlingsgeburten immer wahrscheinlicher werden und eine derartige Schwangerschaft als solche nicht hinreichend sicher zu beherrschen ist. In Italien, das seit Jahrzehnten besonders eifrig an Fruchtbarkeitstherapien arbeitet, haben in den letzten Jahren die Schwangerschaften mit mehr als fünf Babys deutlich zugenommen: Alleine in den 90er Jahren wurden fünfzehn Fälle bis zur Geburt ausgetragen. Eine Vielzahl von Frauen entschied sich für die Abtreibung, wenn die Ärzte im Bauch mehr als zwei Föten feststellten.

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