Welt : Agaven-Mangel: Sieben magere Jahre

Sigrun Rottmann

Dieser Vorschlag geht Isaac Riviera gehörig gegen den Strich. Jetzt, da ihm die Tequila-Brennereien seine Agaven aus den Händen reißen, gerade jetzt soll er mit dem Preis runtergehen? Der Bauer aus Tequila im westmexikanischen Bundesstaat Jalisco lacht und wischt sich mit dem Ärmel seines Overalls den Schweiß aus dem Gesicht. "Das hätten die Tequileros natürlich gerne". Riviera kommt gerade von der "Jima", der Agavenernte, und auf der Ladefläche des Kleinlasters türmen sich wie riesige grün-weiße Ananas-Früchte die bis zu 80 Kilogramm schweren Agavenkerne.

Die werde er jetzt für 13 Pesos (umgerechnet etwa 2,60 Mark) das Kilo verkaufen, und dieser Preis sei nun mal das Ergebnis von Angebot und Nachfrage und außerdem gerecht. Vor ein paar Jahren nämlich, als die Bauern das Kilo Agave für 30 Centavos und weniger absetzen mussten, habe sich die Tequila-Industrie "ordentlich auf unsere Kosten bereichert."

Wie Riviera denken viele Campesinos in Jalisco - sehr zum Unmut der Destillerien, die den Landwirten Preistreiberei vorwerfen. In der Heimat des Tequila kracht es zwischen Agaveros und Tequileros, seit eine Rohstoffknappheit das Wachstum der Branche ausbremst. Die hatte infolge eines Tequila-Booms in Mexiko, den USA und Europa ihren Ausstoß von 1995 bis Ende 1999 fast verdoppeln können.

Bestehende Destillerien bauten aus, und auch Branchenfremde ergriff der Tequila-Rausch: Die Zahl der Brennereien in den traditionellen Produktionsregionen Tequila und Los Altos stieg innerhalb von fünf Jahren von 35 auf 72. Sie stellen rund 600 Tequila-Marken her und füllten 1999 insgesamt mehr als 190 Millionen Liter in Flaschen und Fässer, davon die Hälfte für den Export. In Europa waren die Deutschen mit 4,5 Millionen eingeführten Litern die zweitgrößten Abnehmer nach den Niederländern.

Weil für solche Mengen in diesem Jahr die Agaven nicht reichen und neue Pflanzungen frühestens in sieben Jahren reif sind, mussten die Brennereien die Produktion je nach Tequila-Sorte um bis zu 50 Prozent herunterschrauben. Dass die Bauern die Gunst der Stunde nutzten und den Preis für die knappe Frucht verdreizehnfachten, brachte die Kammer der Tequila-Industrie dermaßen auf, dass sie den Agaveros im Juli mit einem Boykott drohte.

Um die Städtchen Arenal, Tequila, Arandas und Atotonilco schimmern die weiten Agaven-Felder blau in der Sonne. Nur Schnaps, der zu 51 Prozent aus dem Saft von blauen Tequilana-Weber-Agaven aus Jalisco und bestimmten Regionen umliegender Bundesstaaten gemacht ist, darf als Tequila vermarktet werden. Sieben bis acht Jahre dauert es, bis die Ableger, die "Hijuelos" (Triebe), zu reifen Pflanzen heranwachsen. Dann hauen die "Jimadores", auf die Agavenernte spezialisierte Landarbeiter, den Gewächsen mit einem scharfe Spaten, der "Coa", die Blätter ab und legen den Fruchtkern frei. Die Tequileros kochen die "Pinas" in riesigen Öfen und quetschen sie aus, um den Saft zu vergären und zwei Mal zu destilieren. Wegen der steigenden Nachfrage gingen nach 1995 immer mehr Firmen dazu über, "Tequila 100 Prozent Agave" zu brennen. Dieser wird ausschließlich aus dem Saft der Weber-Agave gewonnen - im Gegensatz zu "normalem" Tequila, der nach Reinheitsgebot zu 51 Prozent aus der Weber-Agave und zu 49 Prozent aus anderen Zuckern besteht und in Mexiko auch "Mixto" heißt. Als in den achtziger Jahren die Agavenpreise anzogen, setzten tausende Campesinos in Jalisco alles auf die Pflanze. Acht Jahre später trieben Überangebot und Preisverfall viele in den Ruin. Über das Verhalten der Tequileros in den mageren Jahren schimpfen Landwirte noch heute - und rechtfertigen ihre unversöhnliche Haltung mit den damaligen Dumping-Preisen.

"Ich finde die aktuellen Preise völlig in Ordnung, denn die Unternehmer haben mich mies behandelt", sagt Cristina de Alba, eine der der wenigen Frauen unter den Agaven-Produzenten. Nicht nur hätten sie Spottpreise gezahlt. Manche hätten sich auch äußerst arrogant aufgeführt und für Lieferungen erst ein Jahr später bezahlt. "Ohne Zinsen, versteht sich."

Die 31-Jährige hat inzwischen die Zahl ihrer Agaven von insgesamt 1,5 Millionen auf 500 000 reduziert. "Ich baue jetzt lieber weniger an und habe dafür Pflanzen in allen Wachstumsstadien auf dem Feld." Immer mehr Landwirte nehmen auch das Angebot von Brennereien an, Agavenfelder zu mieten. Dabei übernimmt die Destillerie alle Feldarbeiten und zahlt dem Bauern bei Ernte ein Drittel des Gesamtwertes der Kerne.

Dass sich Agaveros und Tequileros an einen Tisch setzen und ihre Zukunft gemeinsam und vernünftig planen, wie dies immer lauter gefordert wird, glaubt Felix Banuelos niemals. "Das hat doch schon in diesem Jahr nicht geklappt", sagt der Gründer der Destillerie Cazadores. "35 Millionen Triebe hätten nach der Prognose der Destillerien bis Juli gesetzt werden sollen, und jetzt stehen angeblich 100 Millionen auf den Feldern." Vor allem Neulinge glaubten, sie könnten die Agaven in sieben Jahren in Gold verwandeln. "Dieser Schuss wird dann wegen des erneuten Überangebots natürlich voll nach hinten los gehen". In sieben Jahren beginnen wieder fette Jahre. Die Frage ist nur, für wen.

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