Alkohol : Mehr Mädchen als Jungen trinken sich ins Koma

Vorglühen bis zum Umfallen: Immer mehr Kinder und Jugendliche landen nach Alkoholexzessen im Krankenhaus. Erstmals wurden in Deutschland mehr Mädchen als Jungen wegen Alkoholvergiftungen behandelt.

Adelheid Müller-Lissner
Party
Mädchen und Frauen vertragen weniger, betrinken sich aber bei Partys immer öfter mit starken Mixgetränken. -Foto: mauritius images

„Ladylike“ ist es nicht gerade, schwankend und unverständlich lallend durch die Nacht zu laufen, die Wodkaflasche in der Hand. Oder, schlimmer noch, so stark betrunken zu sein, dass man auf einer Parkbank zusammenbricht und zur Behandlung notfallmäßig ins nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden muss. Vielleicht sind die neuen Zahlen zum Komatrinken bei Jugendlichen, die die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) gestern vorstellte, auch deshalb so besonders erschreckend: Im Jahr 2007 waren es erstmals mehr Mädchen als Jungen, die so stark betrunken waren, dass sie eine Behandlung in einer Klinik brauchten.

Fast 2000 Mädchen und 1800 Jungen zwischen 10 und 15 Jahren wurden mit der Diagnose „Akute Alkoholintoxikation“ in ein Krankenhaus eingeliefert. Und das, obwohl an diese Altersgruppe nach dem Jugendschutzgesetz überhaupt keine alkoholischen Getränke verkauft werden dürfen. Im Jahr 2006 war mit 1696 Jungen und 1620 Mädchen schon nahezu ein Gleichstand erreicht. Seit dem Jahr 2000 habe sich die Zahl der eingelieferten Mädchen verdoppelt, sagte Bätzing.

Raphael Gassmann, Hauptgeschäftsführer der Hauptstelle für Suchtfragen, hält den „Sündenfall Alkopops“ für eine der Ursachen. „Mit ihnen sollte vor allem die Zielgruppe der ganz Jungen und der Frauen erreicht werden.“ Auch wenn dem politisch inzwischen begegnet wurde, bleibe der – negative – „erzieherische Effekt“ der Gewöhnung an den Konsum von alkoholischen Drinks. „Das ist ähnlich wie beim Rauchen, wo die Industrie ebenfalls mit Light-Zigaretten ganz aggressiv um die Zielgruppe Frauen geworben hat.“

Unterschiede im Stoffwechsel, aber auch in Größe und Körpergewicht sorgen dafür, dass Mädchen von der gleichen Menge Alkohol schneller betrunken werden als Jungen – und auch dafür, dass sie schneller von einer lebensgefährlichen Alkoholvergiftung bedroht sind. Die biologischen Grundlagen sind gleich geblieben, aber am Konsummuster muss sich in den letzten Jahren etwas verändert haben.

„Viele Jugendliche versuchen heute, die Wirkung von Cannabis durch legale Drogen wie Alkohol zu verstärken, um möglichst schnell in einen Rauschzustand zu kommen“, sagt Oliver Bilke, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie an den Vivantes-Kliniken Humboldt und Hellersdorf. „Wenn dann innerhalb einer Stunde eine Flasche Wodka getrunken wird, wirkt sich das für die Mädchen noch katastrophaler aus als für die Jungen.“

Für Michael Schulte Markwort, Direktor der Klinik für Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters am Hamburger Uniklinikum Eppendorf, ist das Komatrinken nur die Spitze des Eisbergs. Denn auch unterhalb dieser lebensgefährlichen Schwelle trinken Mädchen inzwischen mehr. „Der Gruppendruck ist immens, Mädchen ziehen auch in diesem Bereich gleich, sie halten sich beim Trinken nicht mehr zurück“, beobachtet Markwort.

„Mädchen lassen sich nicht mehr so leicht Rollenvorschriften machen, in diesem Bereich sind sie aber dummerweise aus biologischen Gründen im Nachteil“, sagt auch sein Kollege Bilke. Vom „Vorglühen“ mit Hilfe alkoholischer Getränke verspricht man sich zum Beispiel mehr Lockerheit bei Partys. Vielleicht ist es einfach nur ein Trend, dass Mädchen Spaß haben wollen und sich dafür gemeinsam in einem gefährlichen Exzess vollaufen lassen. Nach Ansicht Schulte-Markworts könnte aber auch eine Persönlichkeitsstörung dahinterstecken. „Risikoverhalten dieser Art ist oft eine Form der Autoaggression.“ Gerade auf selbstverletzendes Verhalten müsse man aber bei Mädchen besonders achten. Überhaupt hält der Kinder- und Jugendpsychiater es nicht für gerechtfertigt, wenn viele heute glauben, dass es Mädchen leichter haben, erwachsen zu werden. „Sie sind zum Beispiel deutlich häufiger von Depressionen und Essstörungen betroffen.“

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