Welt : Am Rand der Panik

Einbrechende Börsen, leichenblasse Händler, übermächtige Computer, alarmistische Politiker – die Welt blickt in einen Abgrund

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Ein eigenartiges Flirren liegt in der Luft. Was machen die Börsen heute mit uns? Reißen sie uns in den Abgrund? Passiert vielleicht gar nichts? Niemand kann die Zukunft vorhersehen.

Außer vielleicht Oliver Stone. Er hat den Film der Stunde gedreht. Am Freitag wird in Cannes „Wall Street – Money never sleeps“ uraufgeführt. Es ist der zweite Teil der großen Saga von Gordon Gekko, dem skrupellosen Finanzakteur, meisterhaft gespielt von Michael Douglas. Regisseur Oliver Stone hat wahrlich ein Händchen für das richtige Thema zur richtigen Zeit. Bisher hat noch niemand den Film gesehen. Es könnte aber sein, dass er in seiner Dramatik von der Wirklichkeit eingeholt wird.

14 Uhr 40 am vergangenen Donnerstag. New Yorker Zeit. Wer zu diesem Zeitpunkt amerikanische Fernsehsender verfolgte, bekam einen Vorgeschmack davon, was der Welt noch blühen könnte. Gerade liefen noch Bilder aus Athen, randalierende Griechen protestieren gegen die Stabilitätsmaßnahmen der Regierung, kein ungewöhnliches Bild in diesen Tagen. Aber plötzlich passiert etwas, das bisher niemand erklären kann. An der Wall Street brechen die Kurse ein. Von einer Sekunde auf die andere. Wie eine unsichtbare Hand, die ein Schleusentor öffnet, stürzen die Kurse regelrecht ab. In den Handelsräumen der Wall Street werden die Gesichter leichenblass. Was um Himmels willen passiert da gerade? Kann niemand etwas tun?

Der Dow Jones bricht ein, 100 Punkte, 200 Punkte, dann der freie Fall. Innerhalb von Sekunden fällt der Kurs wie ein Stein. Er durchschlägt die Zehntausendermarke nach unten, ohne an dieser Marke auch nur einen Bruchteil einer Sekunde zu verweilen.

Mehr als 900 Punkte wird er am Ende abgestürzt sein. Die Gesichter der Händler wechseln ihre Farbe, knallrot werden manche, brüllende Stimmen gehen durcheinander, hektisch greifen Händler in das Geschehen ein, eine kopflose Menge tut Dinge, die niemand erklären kann.

Minuten später ist der Spuk vorbei, wie von Geisterhand schießen die Kurse wieder nach oben.

Es gibt viele Theorien, was in diesen Minuten passiert ist, keine wurde bisher belegt. Es gibt aber eine Tatsache, über die nachzudenken sich lohnen könnte, wenn man sein Geld für die Altersvorsorge anlegt. Immer wieder kommt es an den Börsen zu massiven, zuweilen katastrophischen Einbrüchen. Manche kann man im Nachhinein erklären, manche nicht. Es gibt viele Beispiele. Wie an jenem Montag im Oktober im Jahre 1987, als sich ohne erkennbaren Grund eine lähmende Angst an den Weltbörsen verbreitete. Sie weitete sich im Verlauf zu einer Panik aus, die manche Indizes um 30, 40 Prozent einbrechen ließen.

Es gibt eine Theorie, die besagt, dass es archaische Gefühle sind, die das Leben und die Börsen treiben und die Kursverläufe bestimmen: Hoffnung, Euphorie, Gier, Trotz, Fassungslosigkeit, Angst, Panik, Ohnmacht, Depression, Demut. In dieser Reihenfolge. Und dann geht es wieder von vorne los.

Es wäre schön, wenn die Welt sich im letzten dieser Stadien befinden würde, der Demut. Das würde ihr guttun und es käme wieder Hoffnung auf.

Aber danach sieht es im Moment eher nicht aus. Staatschefs äußerten sich am Wochenende alarmistisch. Sie inszenierten sich als Kämpfer gegen die Börsenmärkte, verbreiteten Aktionismus oder zumindest ein Gefühl von Aktionismus.

Viele Menschen bangten am Wochenende der Börseneröffnung am heutigen Montagmorgen entgegen. Einige nahmen sich vor, alle Aktien zu verkaufen, andere sagten sich das Gegenteil. Werden die Menschen dabei von rationalen Erwägungen getrieben? Oder von Angst? Es ist eine Ironie, dass sich der Kleinanleger bei seiner Altersvorsorge faktisch nicht anders verhält als ein Spekulant, dem er sonst gerne schon mal ethische Vorhaltungen macht. Dabei ist es rational, seine Altersvorsorge von griechischen, spanischen oder irischen Staatsanleihen zu befreien und schweizerische oder norwegische zu kaufen. Wer das tut, macht nichts anderes, als gegen den Euro zu spekulieren. Er verkauft Euro-Papiere, weil er auf fallende Kurse und einen fallenden Euro setzt – eine vernünftige Überlegung.

Es könnte auch rational sein, sich von Aktien zu trennen. Viele Privatanleger halten sich für clever, wenn die Kurse steigen, werden aber zu schuldzuweisenden Sozialisten, wenn die Aktien sinken. Das ist nur mit Gefühlen zu erklären. Regierungschefs sind nicht viel anders. Sie, auch die Bundeskanzlerin, die sich sonst immer an die Seite der Marktwirtschaft, der Unternehmen, der Banken gestellt haben und sich früher gesträubt haben, die Finanzmärkte vernünftig zu regulieren, erklären jetzt, wo ihnen das Wasser bis zum Hals steht, die Finanzmärkte zum Feind, den es zu bekämpfen gilt. Es könnte sich lohnen, in einem Jahr mal nachzufragen, ob die Regierungschefs inzwischen wirklich etwas unternommen haben, um die Banken zu regulieren und Staaten zu disziplinieren. Oder ob sie dann wieder in einem anderen Stadium der kollektiven Gefühle gefangen sind.

Im Moment scheint alles noch auf Angst gepolt zu sein. US-Finanzexperten veröffentlichen derzeit eine Flut von Büchern, in denen sie alarmistisch, ganz sicher zu Recht, auf die Zerbrechlichkeit unseres Finanzwesens und die Versäumnisse der Politik hinweisen.

Hier ist eine weitere Theorie. Sie besagt, dass die Hedgefonds, die mit computergestützten Handelssystemen Geld aus dem Markt holen, nichts anderes tun, als die Gefühle der Menschen auszunutzen. So was muss natürlich kritisiert werden. Aber wie funktioniert das überhaupt? Elektronische Handelssysteme werden so programmiert, dass sie auf ein ganz bestimmtes Marktverhalten reagieren, das Ausdruck kollektiver Befindlichkeiten ist. So reiten diese Finanzakteure auf großen Aufwärtswellen, die von Euphorie und Gier getrieben sind. Später setzen sie auf fallende Kurse, wenn sich Angst und Panik breit machen. Dabei entwickeln die Akteure mathematisch genaue Kriterien, die ihnen sagen, dass ein Aufwärtstrend begonnen hat oder beendet ist. Mit diesen Formeln programmieren sie ihre Computer. Das ethisch Interessante daran ist: Diese Spekulanten sind nicht schuld, dass die in ihren Gefühlen gefangene Masse in eine Richtung rennt. Sie sind auch nicht schuld daran, dass Griechenland jahrelang schlecht gewirtschaftet hat. Sie sind auch nicht schuld daran, dass Europa dabei zugeschaut hat, ohne etwas zu unternehmen. Sie sind auch nicht schuld daran, dass die Politik sich früher geweigert hat, die Banken zu regulieren, um Finanzkrisen zu verhindern.

Mit ihrer Spekulation gegen schlecht wirtschaftende Banken, Firmen und Staaten aber erzeugen sie einen Druck, der die Regierungen zwingt, das wilde Treiben in den Banken und in Griechenland zu beenden. Dass die Politik endlich tätig wird, daran sind sie schuld.

Kommt die Politik trotzdem zu spät, und danach sieht es ganz aus, dann lässt der Markt seine volle Macht spüren. Dann schaut die Welt in einen Abgrund.

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