Welt : Amanda Knox bleibt weg

Am Montag beginnt der neue Prozess gegen sie.

Florenz/Washington - Eines ist sicher: Bilder von Amanda Knox im Gerichtssaal wird es dieses Mal wohl nicht geben. Zwar ist die 26-jährige Amerikanerin gemeinsam mit ihrem Exfreund Raffaele Sollecito erneut wegen Mordes an der Britin Meredith Kercher angeklagt, doch will sie für den Prozess keinesfalls nach Italien zurückkehren. „Ich war bereits als unschuldige Person in Italien eingesperrt und ich kann diese Erfahrung nicht mit der Entscheidung vereinbaren, zurückzugehen“, sagte sie dem US-Fernsehsender NBC kurz vor Beginn des mit Spannung erwarteten Prozesses.

Ab Montag beschäftigt sich in Florenz zum vierten Mal ein italienisches Gericht mit dem Mord an der Studentin Meredith Kercher, nachdem das Kassationsgericht in Rom im März 2013 den Freispruch für Knox und Sollecito wegen „zahlreicher Mängel, Widersprüche und offensichtlicher Unlogik“ aufgehoben hatte. Es ist eine weitere Folge des spektakulären Krimis um Knox, die italienische Medien als „Engel mit den Eisaugen“ vorverurteilt hatten. Der Fall elektrisiert die Weltöffentlichkeit seit Jahren.

Sex, Drogen und ein Mord – die Voraussetzungen für größte mediale Aufmerksamkeit waren gegeben, als die 21-jährige Kercher im November 2007 in Perugia mit durchschnittener Kehle, halbnackt und von Messerstichen übersät in ihrem Zimmer gefunden wurde. Hatte ihre Mitbewohnerin Amanda sie gemeinsam mit ihrem Freund Raffaele und einem Bekannten umgebracht, womöglich im Drogenrausch? War Meredith das Opfer eines Sexspiels geworden, das außer Kontrolle geriet? Mehrere Prozesse konnten die Wahrheit nicht ans Licht bringen.

Bislang wurde nur der Ivorer Rudy Guede wegen Beihilfe zum Mord zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt. Knox und Sollecito beteuerten immer wieder ihre Unschuld, wurden aber 2009 in einem Indizienprozess zu Haftstrafen von 26 und 25 Jahren verurteilt. 2011 sprach ein Berufungsgericht die beiden aus Mangel an Beweisen frei.

Nach vier Jahren in italienischen Gefängnissen kehrte Knox in ihre Heimat zurück und baute sich in den USA ein neues Leben auf – auch das würde ihre Rückkehr zum Prozessauftakt schwierig machen, betonte sie: Es gebe finanzielle Gründe und die Tatsache, dass sie die Uni besuche. Zudem wolle sie während der Verhandlung nicht für Aufsehen sorgen. Verpflichtet, zu kommen, ist sie nicht: Das Gericht teilte auf Anfrage mit, dies sei allein ihre Entscheidung.

Die Weigerung, nach Europa zu reisen, bezeichnet Knox als ein „Eingeständnis“ ihrer Unschuld und nicht etwa des Gegenteils. Aber es mache sie „wahnsinnig“, dass die Staatsanwaltschaft in Italien ihre Abwesenheit ausnutzen könnte. Sie sei sich des Risikos bewusst.

Knox und Sollecito stehen weiter unter Verdacht – auch wegen wirrer Aussagen, die Knox kurz nach Kerchers Tod gemacht haben soll. Unter anderem beschuldigte sie fälschlicherweise einen Bekannten, etwas mit dem Tod zu tun zu haben. Später gab sie an, sie sei verwirrt gewesen und von der Polizei unter Druck gesetzt worden.

Knox hat inzwischen ein Buch veröffentlicht („Zeit, gehört zu werden“) und gibt Interviews, in denen sie ihre Unschuld beteuert. Was passieren würde, wenn sie nun doch wieder zu einer Haftstrafe verurteilt werden würde, mache ihr schreckliche Sorgen, sagte sie: „Ich denke die ganze Zeit darüber nach. Es ist so schrecklich. Alles steht auf dem Spiel“, erzählte die 26-Jährige im NBC-Interview.

Sie verlöre alles, was sie sich – zurück in der Heimat, in der Region Seattle – aufgebaut habe. Als sie im Gefängnis war, habe sie befürchtet, ihr ganzes Leben hinter Gittern verbringen zu müssen und niemals Mutter werden zu können. Sie habe sogar einen Brief an ein ungeborenes Kind geschrieben, sagte sie.

„Fast unerträglich“ seien derartige Äußerungen, sagte der Anwalt der Familie Kercher der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Er fordert, dass Knox vor Gericht erscheint: „Sie denkt immer nur an sich, dabei wäre auch Respekt vor dem Opfer angebracht.“ dpa

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