Amanda Knox : Ein Urteil, aber keine Wahrheit

Italien wundert sich über über die radikale Wende im spektakulären Mordfall der Amanda Knox. Zurück bleibt vor allem eine Frage: Wenn Knox unschuldig ist, wer ist dann der wahre Täter?

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"Vor dem Gesetz sind alle gleich": Im Prozess um den Mordfall Meredith Kercher wurde am 30. Januar 2014 in Florence erneut ein Urteil gesprochen. Das wird aber nicht der letzte Richterspruch zu diesem Fall gewesen sein.Weitere Bilder anzeigen
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31.01.2014 13:53"Vor dem Gesetz sind alle gleich": Im Prozess um den Mordfall Meredith Kercher wurde am 30. Januar 2014 in Florence erneut ein...

RomDienstag, 4. Oktober, 11.52 Uhr. Fast pünktlich hebt die Boeing 767 der British Airways vom Flughafen Rom Fiumicino ab. An Bord die 24-jährige Amerikanerin Amanda Knox. Vierzehn Stunden zuvor ist die Studentin von einer gewaltigen Mordanklage freigesprochen worden; die 26 Jahre Haft, die ihr die erste Gerichtsinstanz aufgebrummt hat, bleiben ihr von einer Sekunde auf die andere erspart. Jetzt geht’s über London heim, heim, nur noch heim nach Seattle. Und am Boden bleiben eine Menge Fragen zurück.

Vor allem die: Wie konnten die Richter der ersten Instanz – im Dezember 2009 war das – über 427 Urteilsseiten hinweg belastendes Material auflisten gegen Amanda Knox und ihren Freund Raffaele Sollecito, wenn die zweite Instanz nun von der absoluten Unschuld der beiden überzeugt ist? Die Begründung für das zweite Urteil wird zwar erst in neunzig Tagen ergehen. Doch schon heute steht fest: Einer der beiden Urteilssprüche muss grundfalsch sein. Aber welcher?

Die zweite Frage: Wer war es dann? Wer, wenn nicht die beiden Freigesprochenen, hat in der Allerseelennacht 2007 die britische Studentin Meredith Kercher in so archaischer Weise mit abgeschlachtet? Der Mord, das war ja „eine gemeinschaftliche Tat orgiastischer Natur, in welcher verbrecherische Impulse der perversesten Natur zum Ausbruch kamen.“

So hat es das oberste Gericht Italiens festgehalten. Aber dieses hatte, im Dezember 2010, nur über einen der Täter zu urteilen. Rudy Guede war als Kind von der Elfenbeinküste nach Perugia gekommen; durchs Leben schlug er sich mit Kleinkriminalität. Er ist der Einzige, dessen gewalttätige Spuren am Tatort über alle Zweifel erhaben waren. Weil es also nicht viel zu debattieren gab, wählten Guedes Verteidiger das „abgekürzte Verfahren“ – das ist praktisch ein Deal mit dem Gericht, der dem Überführten ein Drittel der Strafe erspart.

Mit im Spiel war gewiss ein unterschwelliger Rassismus. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

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