Amoklauf in Winnenden : Erste Hinweise auf Tatmotiv - Ermittlungen gegen Vater

Einen Tag nach dem Amoklauf des 17-jährigen Tim K. an einer Realschule in Winnenden bei Stuttgart hat die Polizei offenbar erste Hinweise auf das Motiv des Schützen. Gegen den Vater des Täters wird wegen Verstoßes gegen das Waffenrecht ermittelt.

Katja Reimann

Winnenden Die Polizei hat erste Anhaltspunkte zu der Tat. Während der ganzen Nacht sei das Umfeld des Täters ausgeleuchtet worden, sagte der Waiblinger Polizeichef Ralf Michelfelder am Donnerstag im ZDF-"Morgenmagazin". Einzelheiten sollten noch am Donnerstag auf einer Pressekonferenz mitgeteilt werden. Die Uhrzeit stand zunächst noch nicht fest. Der Täter hatte am Mittwoch 15 Menschen erschossen, bevor er sich nach Polizeiangaben selber tötete.

Am Tatort wurden unterdessen die kriminaltechnischen Untersuchungen fortgesetzt. Dabei werde die örtliche Polizei von Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) unterstützt, sagte ein Polizeisprecher. Er erklärte zugleich, dass im Zimmer des 17-jährigen Täters zahlreiche "Ballerspiele" für Computer gefunden worden, darunter "Counter-Strike". Der Polizeisprecher schränkte allerdings ein, dass solche Spiele inzwischen zum Alltag von Jugendlichen gehörten.

Michelfelder zufolge hatte Tim K. während seines Amoklaufs mindestens 60 Schüsse in der Schule abgefeuert. Allein diese Anzahl zeige, wie massiv der Täter vorgegangen sei. Der 17-Jährige hatte 15 Menschen erschossen und sich nach einem Schusswechsel mit Polizisten offenbar selbst getötet. Die Obduktionsergebnisse lagen noch nicht vor.

Waffe war nicht weggeschlossen

Die Tatwaffe entwendete er den Ermittlungen zufolge aus dem Schlafzimmer seines Vaters. Alle anderen Waffen des Vaters lagen sicher in einem Tresor. Es deute alles darauf hin, dass der Vater die Waffe nachlässig aufbewahrt habe, sagte Michelfelder. Gegen ihn wird nun wegen Verstoßes gegen das Waffenrecht ermittelt.  "Es deutet alles darauf hin, dass der Vater hier nachlässig war, was das Verwahren dieser einen Waffe anbelangt", sagte Michelfelder. Die Staatsanwaltschaft werde nun prüfen, welche Maßnahmen gegen das Mitglied eines Schützenvereins eingeleitet werden müssten.

Zum Hergang der Tat lagen am Morgen zunächst keine neuen Erkenntnisse vor. Aufgrund des ausgedehnten Tatorts in der Schule stehen die Ermittler laut dem Polizeichef vor einer "massiven" Aufgabe. Die Schule war am Tag nach dem Amoklauf weiterhin abgesperrt. Am Morgen fand ein Treffen der Schüler mit Psychologen und Ermittlern statt.

Hochgefühl der Macht

Für den Kriminalpsychologen Uwe Füllgrabe ist es "ganz einfach" zu erklären, was in einem Amokläufer wie dem aus Winnenden vorgeht. Er spricht vom "Caligula-Effekt", einem rauschhaften Hochgefühl der Macht. "Amokschützen empfinden sich von anderen Menschen, selbst ihrer Familie isoliert. Sie fühlen sich machtlos", sagt Füllgrabe. Allerdings hätten die Täter den Eindruck oder schon die Erfahrung gemacht, dass man durch Gewalt aus der negativen Gefühlslage herauskommen und das Gefühl der Unterlegenheit in eines der Überlegenheit verwandeln könne. Wie der sadistische römische Kaiser Caligula erlebe ein Amokschütze im Moment seiner Tat grenzenlose Macht.

Dass ausgerechnet Schulmassaker in den letzten Jahren sowohl in den USA als auch in Europa öfter passiert seien, erklärt der Psychologe mit einer grundsätzlichen Tendenz: der Zunahme des Narzissmus, der Eigenliebe. "Man hält sich für den Größten und reagiert leicht auf geringste Frustrationen." Selbst Beleidigungen würden von narzisstischen Persönlichkeiten schon als echte Bedrohung empfunden, erklärt Füllgrabe. So könne leicht ein sehr negatives, paranoides Weltbild entstehen. Die Amokschützen suchten in Schulen Rache oder Vergeltung für tatsächliches oder vermeintliches Böses, was man ihnen dort mutmaßlich antat. Sie fühlten sich von anderen zurückgewiesen und sähen sich als Opfer - weswegen sie auch das Recht in Anspruch nähmen, sich zu rächen.

Allerdings, sagt Füllgrabe, sei Amok stets ein Prozess. Oft kämen Täter aus einem gewalttätigen Umfeld. Stünde dann noch - wie bei Tim K. - eine Waffe unmittelbar zur Verfügung, sinke die Hemmschwelle zur Tat weiter. (mit dpa/ddp)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben