Welt : Amoklauf von Erfurt: Trost in der Umarmung

Silke Becker / Rico Czerwinski

Sie haben heute nur auf sich gehört. Es ist Montagvormittag in Erfurt, und sie sollten eigentlich nicht hier am Rathaus stehen. Es gibt kein Schulfrei für sie, das hat die Direktorenkonferenz so gesagt, aber es ist egal. Der Rathausplatz und die ganze Innenstadt sind voll von ihnen, von jungen Leuten, von Schülern aus allen Schulen Erfurts. Es sind vielleicht vier-, fünfhundert, sie tragen Rosen in ihren Händen und stehen im Nieselregen zusammen, die Anoraks und Hosen sind nass. Sie warten hier vorm Rathaus, um sich in Kondolenzbücher einzutragen, sie stehen um die Blumen und Gebinde vorm Eingang, sie haben Tränen in den Augen und sehen sich die Bilder an den Kränzen an, sie lesen die Botschaften: "Warum musstest du sterben? Mama ich liebe dich und habe es immer getan. Egal, wie hart die Zeiten waren. Ich liebe dich." Wie sollten sie jetzt in einer Schule sitzen?

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Die meisten Erfurter Schüler sind am Morgen zur ersten Stunde gegangen, haben kurz diskutiert und sind dann gleich weiter zum Rathausplatz. Einige Lehrer sind mitgekommen. Manche umarmen ihre Schüler und die Schüler umarmen sie. Katja, 16, sagt: "Das sollte immer so sein." Man sieht auch Kindergartengruppen mit ihren Erzieherinnen. Die Kinder sind vergnügt, sie begreifen das noch nicht. Das Rathaus ist am Montagvormittag der Mittelpunkt der Stadt. Seine hell erleuchteten Fenster strahlen hinaus in das grau-schwarze Licht, das auf der Stadt liegt. Nachher sollen Stoiber und Merkel kommen, und viele fragen sich, ob das sein muss. Drinnen im Rathaus sitzen die Schüler des Gutenberg-Gymnasiums, sitzen da in vielen kleinen Räumen, zusammen mit Psychologen aus Bayern und Thüringen und machen Gruppentherapie.

Warten auf die Blumenlieferung

Dieser Montag ist anders. Auch für die, die heute wieder zur Arbeit gehen, und für die es deshalb so sein müsste, als wäre es ein normaler Tag. Die Transportarbeiter von der Elster-Trans: sie entladen große Kisten auf einer Baustelle am Markt. "Ob mir die Arbeit hilft an diesem Morgen?", fragt der Vorarbeiter. "Darauf möchte ich lieber keine Antwort geben." Die verheulte Beraterin in einem Reisebüro: "Ob hier alles so weitergeht wie immer? Unser Chef hat uns jedenfalls noch nicht angerufen und irgend etwas gesagt." Und Herr Nolte von der Erfurter Tourist-Information: "Wenn hier Touristen reinkommen, wollen sie einen Stadtplan und einen Regenschirm. Das Unglück hat bis jetzt keiner erwähnt." Der Schreibwarenhändler sagt, dass sich Leute auch über normale Themen unterhalten, aber wenn über das Unglück, dann über dessen Ursachen.

Im Supermarkt hinter der Gutenberg-Schule warten sie jetzt auf Blumennachschub. Sonst werden hier Süßigkeiten gekauft, Würstchen und Brötchen und was man noch in den Schulpausen essen kann. Am Morgen waren die 200 Blumensträuße - in Zellophan gewickelt haben sie in Eimern gestanden - schnell ausverkauft. Und der Lkw-Fahrer, der Nachschub liefern könnte, kommt nicht durch, denn viele Straßen sind abgesperrt und die anderen verstopft.

Im Supermarkt erzählen alte Damen von Verwandten und Schwiegersöhnen, die heute nicht zur Arbeit mussten, weil deren Kinder das Gutenberg-Gymnasium besuchten. Der Alltag funktioniert noch nicht.

Später, 13 Uhr am Mittag, versammeln sich Schüler und Lehrer noch einmal. 500 sind auf den Domplatz gekommen, um nach der Wahnsinnstat miteinander ins Gespräch zu kommen. Junge Leute haben ein paar Bänke zusammengeschoben, eine kleine Bühne, sie haben ein Mikrophon besorgt und es darauf gestellt. Es werden Reden gehalten, es geht um Leistungsdruck und Waffen, und am Ende darf jeder, der will, vortreten und ins Mikrophon sprechen.

Und das ist der Punkt, an dem die Stimmung kippt. Jeder, der jetzt rauf auf die Bänke steigt, erzählt Geschichten vom Auftreten der Presse und des Fernsehens in den letzten Tagen. Die hätten sich "gehörig daneben benommen", sagt der 20-jährige Stefan Walluhn. Zum Beispiel seien bei der Feier im Dom Trauernde von Fotografen einfach weggestoßen wurden. Ständig hätten Reporter verstörte Schulkinder befragt, "ohne Rücksicht auf deren Gefühle". Ein anderer erzählt, ein Fernsehsender hätte am Samstag ein Foto verbreitet, auf dem der angebliche Attentäter zu sehen gewesen sein sollte. "Es war aber jemand anderes", sagt er, zufällig "ein Freund von mir." Um Entschuldigung gebeten habe niemand für die Falschmeldung. Andere Redner sind empört darüber, dass die Journalisten bei den Familien der Toten zu Hause angerufen haben, vor den Türen standen.

Ein paar Stunden vorher, am Vormittag, trotten Schulklassen auf den Platz vor dem Gymnasium, die Stadt stellt Toilettenhäuschen auf, die Bäckerei Rüger gegenüber hat geöffnet, und ein paar Schüler sondern sich ab. Sie sitzen in den ruhigen Nebenstraßen, sind genervt von den Tumulten, von der Betroffenheit, weil das ja doch nichts mehr ändere. Und zwei 16-Jährige, Eileen und Christoph, erzählen, dass das getötete Mädchen, Susann Hartung, ein sechs Monate altes Baby gehabt habe und der Kindsvater mit einem Nervenzusammenbruch in der Klinik liege. Aber Susann Hartung war erst 14, und vielleicht ist es nur wieder eines der vielen Gerüchte in der Stadt.

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