Welt : An einem wird gespart

Nicht auf der Gästeliste einer Bank in Vorpommern: Egon Krenz

Matthias Meisner

Egon Krenz im Publikum – das wäre genau einer zu viel gewesen. Und so wird der Bund der Ruhestandsbeamten, Rentner und Hinterbliebenen bei seiner Versammlung an diesem Donnerstag in Ribnitz-Damgarten an der Ostsee unter sich bleiben: Die ursprünglich geplante Lesung mit Hermann Kant, dem früheren Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes, fällt aus. Und damit kommt auch Krenz nicht, der seit seiner Haftentlassung im Nachbarort Dierhaben wohnt und den Kant gern mitgebracht hätte. Für die Sparkasse Vorpommern, die den Ruheständlern regelmäßig ihre Räume zur Verfügung stellt, eine klare Sache: „Alles, was in irgendeiner Weise politisch gefärbt ist, findet in unseren Räumen nicht statt“, sagt Sparkassen-Sprecher Peter Sievers. Und überhaupt sei es unüblich, Vereinen oder anderen Nutzern Räume des Geldinstituts zu überlassen.

Ein Politikum bleibt der Fall freilich doch. Und dies wohl vor allem deshalb, weil sich ein Autohändler aus Rostock erst zu Jahresbeginn viel Ärger eingehandelt hat: Ulrich Peck nämlich, selbst ehemaliger SED-Funktionär, hatte Krenz zum Neujahrsempfang eingeladen – und bekam deshalb von der Honda-Konzernzentrale die Kündigung.

An den Fall, der ja quasi vor ihrer Haustür spielte, dachte Marianne Kutzer, die Ortsvorsitzende des Bundes der Ruhestandsbeamten, natürlich auch gleich, als Kant fragte, ob er denn den ehemaligen DDR-Staatschef mitbringen dürfe. Kutzer fragte dann lieber bei der Sparkasse nach. Und es wurde rasch klar: Ruheständler dürfen in den Räumen der Sparkasse Ribnitz Vorträge zur Gesundheitsreform oder zu Israel hören, sie dürfen Käsehappen kosten oder Hiddenseegeschichten lauschen. Mit Krenz im Publikum indes wird ein Tabu gebrochen. Marianne Kutzer sagt, es sei ihr „peinlich, dass es zur Ausladung gekommen ist“. Doch den Veranstaltungsort Sparkasse wollte sie – Kant hin, Krenz her – nicht aufs Spiel setzen. „Heilfroh“ sei sie, den Saal der Sparkasse nutzen zu können. Und schließlich habe doch auch Kant wissen müssen, dass er nur „im Rahmen einer Mitgliederversammlung“ auftreten soll. Da habe dann „Herr Krenz keinen Zutritt“.

Kant tun die Leute vom Bund der Ruhestandsbeamten ein bisschen Leid. „Ich will denen ja nichts Böses“, sagt er. Aber er legt doch Wert auf die Feststellung, dass er ausdrücklich zu einem öffentlichen Auftritt eingeladen worden sei. „Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, zu einer Vereinsveranstaltung zu kommen.“ Vor allem ärgert sich der Schriftsteller über „diese Art von erschrockener Haltung“, die es möglich mache, eine Lesung an der Teilnahme von Krenz als Gast scheitern zu lassen. „Es stört mich, dass die sich nicht trauen“, sagt Kant.

So wird es wohl auch nicht viel nutzen, dass Marianne Kutzer gerade einen größeren Saal sucht, um die Lesung mit Hermann Kant noch nachzuholen. Zumal überhaupt nicht klar ist, ob Kant beim nächsten Mal Egon Krenz mitbringen dürfte.

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