Welt : Andere Saiten

Carla Bruni war einst ein gefragtes Model – jetzt verhilft sie dem französischen Chanson zu einer Renaissance

Andreas Grosse

Carla Bruni ist schön. Ihr Blick ist scheu und doch selbstgewiss, gar geheimnisvoll, die Nase fein geschwungen, der Mund voll und die Wangenknochen sind genau so hoch, wie es die Kameras besonders lieben. Mit solch einem Gesicht und dem entsprechend grazilen Körper dazu lässt sich Geld verdienen, und das tat Carla Bruni bald die Hälfte ihres mittlerweile 34 Jahre zählenden Lebens auch: Sie war Model, bis vor vier Jahren. In den 90er Jahren, in denen die Gattung der Supermodels medial geboren wurde (um später wieder seltener zu werden), war Carla Bruni eines von ihnen – auch wenn es nicht ganz bis nach oben reichte. Bis zu jenem Punkt nämlich, an dem sich der wahre Supermodel-Status offenbarte – wenn allein der Vorname der Mädchen schon zum Markenzeichen wurde. In die Riege von Cindy, Linda, Claudia, Naomi und Kate stieß Carla nie ganz vor. Sie blieb eines der schönsten Gesichter der Welt, eines mit Vor- und Nachnamen.

Ein zu schönes aber, um unter normalen Vorzeichen eine Chance zur Karriere nach der Karriere zu bekommen. Denn was die einstigen Supermodels auch in ihrer Freizeit oder nach dem Ende ihres Laufsteg-Daseins vor allem künstlerisch angefangen haben – so sie sich nicht mit einer Klatschspaltenexistenz als Begleiterinnen älterer Herren zufrieden geben – es ging meistens schief: Naomi Campbell etwa erwies sich als unfassbar schlechte Sängerin und Romanautorin. Ähnlich bestürzend sind die gelegentlich erprobten Schauspielkünste von Cindy Crawford und Claudia Schiffer. Und so hat das Missverhältnis von großer Bekanntheit und meist kleinem Talent noch jeden Versuch von Ex-Models beschwert, den altersbedingten Berufswechsel zu schaffen.

Klug und poetisch

Nicht so bei Carla Bruni. Im Gegenteil, es scheint so, als kehre sich die gewohnte Logik in ihrem Fall um – und ihre Schönheit gerate angesichts ihres Talents zum bloßen Surplus. Als nämlich die gebürtige Turinerin im vergangenen Jahr in ihrer Wahlheimat Frankreich ihr musikalisches Debüt als Chanson- Sängerin gab, da überschlugen sich die Kritiker angesichts ihres Albums „Quelqu’un m’a dit“ vor Lob, und die französischen Plattenkäufer machten es mit 800000 verkauften Exemplaren zu einem der erfolgreichsten Pop-Erstlingswerke der letzten Jahre. Nun, da „Quelqu’un m’a dit“ auch in Deutschland erhältlich ist, zogen die hiesigen Rezensenten nach. Sie rühmen unisono die klugen, poetischen Texte aus Brunis Feder, die dezente Instrumentierung und Melodik ihrer Lieder, die faszinierende Färbung ihres verrauchten Timbres. Manche Journalisten, die Bruni in ihrer Wohnung am Pariser Boulevard Saint-Germain zum Interview empfing, schwärmten hernach gar von „Songs wie Küssen“ oder dem „Geschmack von Honig am Abend“.

Tatsächlich sind die zwölf Lieder auf „Quelqu’un m’a dit“ gelungen, auch wenn die ersten nun angestellten Vergleiche mit einem Großmelancholiker wie Leonard Cohen verfrüht sind.

Brunis Debüt jedoch kommt zugute, dass es in eine Zeit fällt, da das französische Chanson in neuinterpretierter Form eine Renaissance erfährt. Während die Welt in den 90ern zu französischer House-Musik von Daft Punk oder Cassius ihre New-Economy- Nächte vertanzte, scheint sie sich nun mit den melancholischen Großstadtliedern von französischen Newcomern wie Benjamin Biolay oder eben Carla Bruni aufs heimische Sofa zu verziehen.

Angesichts der gegenwärtigen Stimmung in Deutschland kann also gar nichts anderes passieren, als dass man auch hier bald Carla Bruni vor allem wegen ihrer schönen Lieder kennen wird. Und ganz nebenbei noch wegen ihres schönen Gesichts.

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