Welt : Angriff auf Amerika: Bei Terror hilft kein Notfallplan

Jörn Hasselmann

Gegen einen Terrorangriff auf Hochhäuser mit Flugzeugen oder Raketen helfen keine Notfallpläne, keine Katastrophenübungen und kein Brandschutz. Bei hunderten Toten und Tausenden in Panik umherirrenden Menschen entsteht ein derartiges Chaos, dass an Rettung der das Feuerlöschen zunächst nicht zu denken ist. Die ersten eintreffenden Helfer werden einige Zeit brauchen, um überhaupt einen Überblick zu gewinnen. Wenn das Ausmaß eines Hochhausbrandes erkannt ist, wird Katastrophenalarm ausgelöst. Ein abgestimmter Alarmplan läuft an; natürlich dauert das Herbeirufen der verschiedenen beteiligten Organisationen bei einer plötzlichen Katastrophe wesentlich länger als zum Beispiel bei einem Hochwasser, das sich vorher ankündigt. "Eine solche Katastrophe steht in keinem Notfallplan", sagte Frankfurts Feuerwehrchef Reinhard Ries am Abend gegenüber AP, als er die TV-Bilder sah. In Frankfurt (Main) steht das mit 300 Metern höchste Bürogebäude Europas, der "Commerzbank-Tower". Wie das 100 Meter höhere World Trade Center steht auch die Commerzbank-Zentrale im Geschäftsviertel.

Berlins Feuerwehrchef Albrecht Broemme sagte am Abend dem Tagesspiegel, dass die New Yorker Kollegen den schwersten Einsatz in der Geschichte der Feuerwehr leisten müssen. Möglicherweise habe es auch Dutzende Tote unter den Helfern gegeben. Broemme war nach dem ersten Bomben-Anschlag auf das World Trade Center im Jahr 1993 zu einem Kongress von Sicherheitsexperten nach New York gereist. Bei diesem Treffen hatte Broemme auch die Sicherheits- und Brandschutzeinrichtungen in dem Doppelhochhaus besichtigt. "Wir haben damals ausführlich über terroristische Anschläge diskutiert." Broemme sagte, dass die amerikanischen Feuerwehren auch auf Anschläge mit ABC-Waffen, also atomaren, biologischen oder chemischen Waffen, vorbereitet werden. Dies gebe es in Deutschland nicht, sagte Broemme, ohnehin habe der Katastrophenschutz nach dem Ende des Kalten Krieges an Bedeutung verloren.

Die New Yorker Feuerwehr habe etwa 2000 Einsatzkräfte, dafür aber keine Freiwilligen Feuerwehren. "Dort müssen zusätzliche Kräfte deshalb jetzt aus freien Tagen oder dem Urlaub geholt werden", sagte Berlins Feuerwehrchef. Zum Vergleich: In Berlin sind an normalen Tagen 600 Mann im Einsatz, die innerhalb einer Stunde durch weitere 600 Mann von freiwilligen Wehren verstärkt werden können.

Für die weniger großen Berliner Hochhäuser gibt es in einem Katastrophenfall wie in den USA spezielle Einsatzpläne der Feuerwehr. Sie informieren unter anderem über Anfahrtswege, den Standort von Rauchmeldern, besonders gefährdete Räume und das Umfeld des jeweiligen Gebäudes. Derartige Einsatzpläne lägen für jedes einzelne Bauwerk parat, zum Beispiel für den Fernsehturm, das Forum-Hotel am Alexanderplatz und die Bürogebäude am Potsdamer Platz. Mit den Unterlagen solle gesichert werden, dass die Einsatzkräfte ohne große Zeitverzögerung zum Unglücksort gelangen. So hatte es im Vorjahr im Forum-Hotel einen Großeinsatz der Rettungkräfte gegeben. Damals hatte in einem leer stehenden Zimmer ein Pappkarton gebrannt, Menschen waren nicht verletzt worden. Auch die Rauchentwicklung hatte sich in Grenzen gehalten.

Rauch, Qualm und Hitze sind in der Regel das größte Problem bei einem Feuer, nicht die Flammen an sich. Wem nicht in den "allerersten Minuten" die Flucht über Treppen, Feuerleitern oder auf Sicherheitsplattformen gelinge, der habe kaum Chancen zu überleben, sagte ein Beamter. Die Mitarbeiter der Frankfurter Großbanken zum Beispiel müssen regelmäßig an Rettungsübungen teilnehmen, wie er berichtet. Im Vergleich zu den Vorschriften in den Vereinigten Staaten gelten die deutschen Sicherheitsstandards als deutlich höher, betonten gestern mehrere Experten. So gebe es in jedem Gebäude ab 60 Meter Höhe zwei spezielle Sicherheits-Treppenhäuser. Zudem hielten die Treppenhäuser mindestens 90 Minuten einem Feuer stand - gegen ein Attentat in den bis gestern für unvorstellbar gehaltenen Dimensionen von New York jedoch sind alle diese Pläne und Vorschriften nutzlos.

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