Welt : Angst vor den Hooligans: Wie sicher ist die Fußball-EM?

Thomas Roser

Die Furcht vor gewalttätigen Ausschreitungen prägte in den vergangenen beiden Jahren das Klima der EM-Vorbereitung. Nach den Erfahrungen bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich wird auch bei der EM mit Krawallen gerechnet.

Dem Turnierdirektor ist die Lust an der anhaltenden Sicherheitsdebatte längst vergangen. "Die Medien berichten immer nur über Sicherheitsprobleme", ärgert sich Alain Courtais, der belgische Präsident der Stiftung "Euro 2000": "Aber die EM wird vor allem ein fröhliches Fußballfest." Mehr Realitätssinn zeigt hingegen der niederländische Premier Wim Kok. Die Bereitschaft zur "sinnlosen Gewalt" sei leider Teil des gesellschaftlichen Alltags geworden: "Ich bin überzeugt, dass wir die Sicherheitsvorkehrungen für die EM gut geregelt haben. Aber es gibt einen Unsicherheitsfaktor: Wir wissen nicht, wie sich die Fans hier verhalten werden." Die Furcht vor ähnlichen Vorfällen wie bei der WM 1998 in Lens hat in den letzten beiden Jahren die Vorbereitungen auf die EM überschattet. Die stille Hoffnung der Sicherheitskräfte, dass sich mit der Qualifikation manches Sicherheitsproblem lösen könnte, erfüllte sich nicht. Alle großen Fußballnationen sind qualifiziert. Vor allem die englischen, deutschen und niederländischen Hooligans bereiten den Veranstaltern Sorgen. Nach den Ausschreitungen von Istanbul und Kopenhagen werden bei der EM zudem erneute Konfrontationen zwischen Briten und Türken befürchtet.

Zu allem Übel werden die Sicherheitsvorkehrungen gleich durch mehrere Faktoren erschwert. Obwohl sich die beiden EM-Gastgeber bemühten, ihre Sicherheitsstrategien aneinander anzugleichen, ist die Rechtslage in den beiden Staaten zum Teil noch immer verschieden. In Belgien ist die präventive Inhaftierung von Randalierern wesentlich leichter als in den Niederlanden. Brüssel verabschiedete ein gesetzliches Verbot des Schwarzhandels mit Eintrittskarten, Den Haag nicht. Während die Niederlande eher für ein unauffälliges Auftreten der Polizei plädieren, setzt Belgien - ähnlich wie Frankreich bei der WM 1998 - auf eine demonstrativ starke Präsenz der Ordnungskräfte. Doch die Abstände zwischen den Spielstädten sind gering. Die beiden Länder seien "zu klein" für ein derartiges Turnier, warnte bereits 1996 der belgische Polizei-Kommissar Steven de Smet: "Bei der WM 1994 in den USA lagen die Stadien soweit auseinander, dass sich die Fans nicht treffen konnten. England hatte 1996 als Insel den Vorteil, genau kontrollieren zu können, wer einreist: Hier ist das kaum möglich."

Zumindest die niederländischen EM-Spielstädte konnten in ihren hochmodernen Fußballstadien in den letzten Jahren mehrere Europacup-Endspiele beherbergen, dabei wertvolle Erfahrungen sammeln. Für Belgien ist die EM das erste sportliche Großereignis seit dem Heizel-Drama von 1985: Nachdem damals beim Finale zwischen Liverpool und Juventus 39 Fans zu Tode getrampelt wurden, wurde das Land bei der Vergabe von Endspielen von der Uefa jahrelang bewusst übergangen. Mit der Wiedereinführung von Grenzkontrollen und verstärkter Zusammenarbeit mit ausländischen Dienststellen hoffen die Gastgeber, Krawallmacher schon an der Grenze abzufangen. Die Innenminister beider Länder haben alle qualifizierten Staaten zur Unterzeichnung bilateraler Sicherheitsabkommen besucht. "Wir wollen hier keine Unruhestifter. Aber wenn sie kommen, sind wir auf sie vorbereitet," versichert Kok.

Mit Schüssen gewehrt

2000 Polizeibeamte werden allein im belgischen Charleroi eingesetzt, wo am 17. Juni England und Deutschland aufeinander treffen. Sorgen bereitet den Veranstaltern auch das Match zwischen Belgien und der Türkei in Brüssel, das genau zwischen den beiden Auftritten der Engländer im nahe gelegenen Charleroi stattfindet: Denn viele der englischen Fans werden in dieser Zeit ihr Quartier wahrscheinlich in Brüssel aufschlagen. Auch das Match zwischen Deutschland und Portugal in Rotterdam gilt als brisant, weil es bei deutschen Auftritten dort stets zu Ausschreitungen gekommen ist.

Nur mit Schüssen vermochte sich die Polizei im April 1999 gegen die randalierenden Hooligans von Feyenoord Rotterdam zu erwehren. Die Erfahrungen bei der außer Kontrolle geratenen "Meisterschaftsfeier" ist der Grund, warum die meisten EM-Spielstädte bewusst auf die Aufstellung von Großbildschirmen in den Innenstädten verzichten. "Wir wollen nicht zusätzliche Menschen ins Zentrum locken, haben auch kein Interesse an EM-Besuchern, die ohne Tickets anreisen", erläutert Wim Noordzijl, der EM-Beauftragte der Finalstadt Rotterdam. Ein Konzept, das auf "Angst" fuße, sei keine Voraussetzung für ein großes Fest, kritisiert Illya Jongeneel, der Sprecher niederländischer Fangruppierungen. Nach Ansicht von Michel Rompen, dem EM-Beauftragten der Gendamerie in Charleroi, lassen sich Ausschreitungen bei der EM jedoch ohnehin nicht vermeiden: "Ich bin sicher, dass es zu Zwischenfällen kommen wird. Aber ich hoffe, dass sie sich im Rahmen halten werden."

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