Welt : Ansichtskarten: Macon schlürfen. Von Wiglaf Droste, Sänger

"Deutschland ist schön - wir zeigen es!" So steht es auf Millionen von Ansichtskarten. Wahr wird es, wenn man Deutschland durchquert und dabei Ansichtskarten schreibt. Im Speisewagen der Bahn.

Der Speisewagen zischt durch Land und Zeit und zerschneidet beide in übersichtliche Häppchen. Dabei kann man sogar noch ein Häppchen essen. Man muss kein Ziel mehr erreichen, man ist schon am Ziel. Das Ausflugslokal rollt.

Mulmig wird es, wenn der Zug anhält. In Parchim. In Minden. Was will man da finden? In Darmstadt. In Pirmasens. Stop making Pirmasens! Puuh, Glück gehabt. Der Zug rollt weiter, die Namen verlieren ihren drohenden Klang. Wenn man im Speisewagen hindurchfährt, ist Deutschland schön. Man darf bloß nicht den Fehler machen und aussteigen.

Einfach immer nur fahren, fahren, fahren, sich dem Rattern und Schlingern des Zuges überantworten, der Freundlichkeit des Speisewagenpersonals und dem Plappern der Passagiere an den Tischen. Genau zuzuhören kann allerdings tückisch sein: Mitleidlose Menschen gießen ihren Daseinszustand auf unschuldige Mitreisende aus. Dabei gilt doch speziell beim Essen die schöne Regel: Wer den Mund voll hat, muss nicht sprechen.

Mit etwas gutem Willen und dem trinkbaren Macon aber, der im Speisewagen ausgeschenkt wird, versinkt man im undefinierten, wabernden Geräusch. Wenn man die Augen schließt, ist es beinahe wie Brandung. Öffnet man sie, dann schimmern die Tischlämpchen warm und gelb. Im Speisewagen gibt die Frage der Fragen für eine Weile Ruhe: Was tue ich hier ...?

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