Welt : Armes, reiches Mädchen

Allegra Versace, die Modeerbin, wird 18 Jahre alt

Grit Thönnissen

Zeichentalent qualifiziert einen Teenager normalerweise nicht zur Führung eines millionenschweren Konzerns. Im Falle von Allegra sieht das etwas anders aus: Morgen wird die Tochter von Donatella Versace 18 Jahre alt, und sie bekommt zu ihrer Volljährigkeit nicht etwa ihr erstes eigenes Auto, sondern 50 Prozent der Anteile am Modeunternehmen Versace – und damit die Macht über das Familienimperium. Ihre Mutter hält 20, ihr Onkel Santo 30 Prozent. Wenn dann Donatella Versace verlauten lässt, ihre Tochter könne wirklich gut zeichnen, klingt das eher nach dem Mut der Verzweiflung, denn nach echtem mütterlichen Stolz.

Der Wirbel um das zarte Mädchen, das aus Angst vor Entführungen abgeschirmt in Mailand aufwuchs, trägt Züge einer echten italienischen Familientragödie, die 1997 ihren Ausgang nahm. In diesem Jahr wurde der Designer Gianni Versace vor seiner Villa in Miami erschossen.

Weil sich der Designer mit seiner Schwester Donatella zerstritten hatte, machte er deren Tochter Allegra – damals gerade mal zehn Jahre alt – schon ein Jahr vor seiner Ermordung zur Haupterbin des Modehauses. Allegra war immer Giannis Liebling gewesen – ganz anders als seine Schwester, die er zwar als exaltierte Muse an seiner Seite akzeptierte, mit der er seine Macht aber nicht teilen wollte.

In den vergangenen Jahren nun hatte Donatella reichlich davon: Nicht nur als Chefdesignerin, auch als Vizepräsidentin und Geschäftsführerin zusammen mit Santo, ihrem älteren Bruder. Wie schon Gianni Versace machte sie alles extrem: Die Kleider sind exorbitant teuer und atemberaubend glamourös.

Wie Gianni pflegt sie die Freundschaft zu Prominenten, die sich nicht nur zu den halbjährlichen Mailänder Defilees um ihren Pool versammeln. In ihrem Wohnzimmer heiratete Jennifer Lopez zum ersten Mal, Madonna soll ab und an zum Tee vorbeischauen. So funktioniert Öffentlichkeitsarbeit im Hause Versace, und Donatella ist natürlich längst ein Popstar, der halt Mode entwirft.

Wenn die Geschäfte ebenso gut liefen, wie die Imagepflege, würde die Übergabe des Erbes bestimmt harmonischer ablaufen. Aber die Unternehmenszahlen sehen schon lange nicht mehr so gut aus, wie in den hedonistischen 80er und elitären 90er Jahren: Im vergangenen Jahr wurden nur noch etwas mehr als 400 Millionen Euro umgesetzt – 2001 waren es immerhin 510 Millionen Euro gewesen. Der Versace-Konzern schreibt seit zwei Jahren rote Zahlen, die Schulden steigen. Die Haute-Couture-Schauen in Paris werden im Juli ohne Versace stattfinden. Sogar das Familieneigentum blieb nicht verschont: Die Versaces verkauften 25 Picassos. Seit Santo Versace im Frühjahr öffentlich über seine Suche nach einem finanzstarken Partner sprach, wird über einen möglichen Verkauf gemunkelt. Allegra Versace ist zu wünschen, dass sie nicht nur mit einem Talent zum Zeichnen ausgestattet ist, sondern auch mit jeder Menge klassischen italienischen Familiensinn, um all den Stress auszuhalten, der jetzt bei Eigentümerversammlungen auf sie zukommen wird. Einen Vorteil hat die Firmenerbin gegenüber Gleichaltrigen: Sie müsste die Versace-Klientel bereits gut kennen – viele Rockstars und Pop-Prinzessinnen haben schon auf dem Weg zur Poolparty bei ihr im Kinderzimmer vorbeigeschaut.

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