Atlantis : Die Nazis und die Raumfähre

Die Entwicklung der Raumfähre geht zurück auf die Nazis. Sie wollten damit New York bombardieren – dann übernahmen die Amerikaner das Modell, erst jetzt ist Schluss.

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Nach deutschem Vorbild. „Dyna-Soar“, das US-Raumfähren-Projekt der 60er Jahre.
Nach deutschem Vorbild. „Dyna-Soar“, das US-Raumfähren-Projekt der 60er Jahre.Foto: Archiv Mahrholdt

Die Idee, Raumfahrzeuge nicht nur einmal, sondern nach Möglichkeit hundertmal verwenden zu können, ist jetzt schon fast acht Jahrzehnte alt. Wie bei vielen anderen weltraumtechnischen Entwicklungen standen auch hier zunächst militärische Überlegungen im Vordergrund. Es war 1933, als der deutsche Raumfahrtpionier Eugen Sänger in seinem Buch „Raketenflugtechnik“ erstmals ein konkretes Konzept für einen Raumtransporter entwarf. Er sollte wie ein Flugzeug starten und landen können und von Raketen angetrieben werden.

Elf Jahre später dann, 1944, beschrieb schon der Titel einer weiteren Veröffentlichung Sängers klar sein damaliges Forschungsprojekt und dessen Ziel: „Über einen Raketenantrieb für Fernbomber“. Inzwischen hatte die Raketentechnik in Deutschland mit Entwicklung und Einsatz der A-2 und A-4 (besser bekannt als V-1 und V-2) enorme Fortschritte gemacht und stand weltweit an der Spitze. Zwar arbeiteten auch auf Seiten der Alliierten Forscher mit Hochdruck an der Entwicklung von Raketen; Deutschland war aber zu diesem Zeitpunkt die einzige Macht, die derartige Systeme bereits zum Einsatz bringen konnte – England, insbesondere London waren die Ziele.

Den Strategen der Nazi-Diktatur genügte das nicht. Auch die USA sollten auf eigenem Territorium verwundet werden, doch dazu benötigte man besonders weitreichende, interkontinentale Flugkörper. Auch dafür gab es kurz vor Kriegsende konkrete Pläne. Sie sahen im Wesentlichen die Kombination einer kraftvollen Startrakete und eines ebenfalls raketengetriebenen, aus der V-2 entwickelten bemannten Fluggerätes vor, das seine Bombenlast beispielsweise über New York abwerfen sollte. Beide Teile dieser Kombination A9/A10 sollten wiederverwendet werden.

Sänger ging noch einen Schritt weiter. Zusammen mit Irene Bredt plante er den „antipodalen Raumbomber“. Auch diese Maschine wurde in den 40er Jahren nie gebaut. Ihre Grundidee ist aber noch heute wegweisend: Die sowjetischen und amerikanischen Raumfähren basierten auf ihr, und nicht umsonst hieß das noch in den 90er Jahren von deutscher Seite vorgeschlagene Raumflugzeug „Sänger“.

Der „antipodale Raumbomber“ sollte nach seinem Bombenabwurf über Amerika seine Weltumrundung fortsetzen, bis er auf deutsch besetztem oder japanischem Gebiet – antipodal – gelandet wäre. Eugen Sänger hatte damit zum ersten Mal ein schlüssiges Konzept eines wiederverwendbaren Raumgleiters formuliert, und die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs waren natürlich äußerst interessiert an der Weiterentwicklung solcher Gedanken.

Und so stand in den fünfziger und sechziger Jahren auch keineswegs zivile Forschung hinter dem amerikanisch-sowjetischen Wettlauf um die Erschließung des Weltraums, auch wenn dies offiziell behauptet wurde. Auf beiden Seiten waren es fast ausschließlich militärische Beweggründe. In den entscheidenden Jahren mussten die USA außerdem eine Schlappe nach der anderen einstecken. Es gelang 1957 den Sowjets als Ersten, einen Satelliten ins All zu transportieren: Sputnik 1. Und auch das Wettrennen um den ersten Menschen im Orbit verloren die Amerikaner. Am 12. April 1961 war es Jurij Gagarin, der in seiner Wostok-Kapsel nach einer Erdumrundung wieder landete.

Doch während an den Reißbrettern diesseits und jenseits des Atlantiks immer größere und stärkere Raketen entstanden, verloren weder die Amerikaner noch die Sowjets das langfristige Ziel aus den Augen, flugzeugähnliche, wiederverwendbare Raumschiffe zu bauen. Es war eine Zeit konkreter technischer Utopien. Militärs auf beiden Seiten sprachen vom Atomkrieg im Weltraum und träumten von bewaffneten Raumstationen. Die sollte man natürlich regelmäßig und zuverlässig erreichen können.

Von den Projekten jener Zeit verdient eines besondere Erwähnung: Dyna-Soar, entwickelt ab 1957. Phonetisch entspricht der Name nicht durch Zufall dem englischen Wort für „Dinosaurier“. In wesentlichen Teilen war dieses Raumfahrzeug eine direkte Weiterentwicklung des Sänger’schen Raumbombers. Das Projekt erwies sich als zu teuer und wurde eingestellt. Erst in den 70er Jahren wurde das Raumfährenkonzept wieder aufgegriffen. Es sollte bis zum 12. April 1981 dauern, bis die „Columbia“ von Cap Canaveral zu ihrem Jungfernflug abhob.

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