Welt : Atom-U-Boot Kursk: Die Bergung läuft wie am Schnürchen

Lothar Deeg

Die Kursk hat ihre letzte Fahrt angetreten. In der Nacht auf Montag gelang ohne besondere Probleme die Hebung des gesunkenen russischen Atom-U-Bootes. Erhöhte Radioaktivität wurde nicht freigesetzt, meldete der Marine-Stab. Sofern das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, soll der Schleppzug mit dem unter Wasser transportierten Wrack heute oder morgen in der Kola-Bucht bei Murmansk eintreffen. Dort steht noch einmal eine komplizierte Operation bevor: Der Rumpf muss in ein Schwimmdock umgesetzt werden.

Nachdem am Sonntagmittag die letzten der insgesamt 26 Greifer in die dafür in den Rumpf geschnittenen Öffnungen eingesetzt waren, ging es bei der Hebeoperation Schlag auf Schlag. Von der langen Reihe der technischen Pannen und wetterbedingten Arbeitspausen, die die ursprünglich schon für Mitte September geplante Bergung immer wieder verzögerten, war nichts mehr zu spüren. Nun musste sich beweisen, ob es sich bei der innerhalb weniger Monaten eilig vorbereiteten Schiffshebung von bisher nicht dagewesenen Maßstäben wirklich um ein ingenieurtechnisches Meisterstück oder doch um eine Partie Russisches Roulett mit zwei Atomreaktoren handelte. Bis zum frühen Abend wurden die hydraulischen Hebeapparate an Bord der Barkasse "Giant-4" einer ersten Belastungsprobe unterzogen. Noch bewegte sich das Boot nicht, aber Taucher konnten auf diese Weise überprüfen, ob alle Greifer und Trossen in Ordnung sind. Zuletzt wurden am Reaktorsegment Messgeräte angebracht, die alle 15 Minuten die Höhe der Radioaktivität übermitteln.

Etwa vier Stunden lang wurde das Wrack in seinem schlammigen Bett am Meeresgrund geschaukelt, um den auf 3000 Tonnen zusätzliches Gewicht taxierten Ansaugeffekt des Bodensediments zu verringern. Dann war es soweit: Der Rumpf löste sich innerhalb einer Viertelstunde langsam vom Boden - die Kursk trat ihre letzte Reise an. Nur ihr von den Explosionen zerfetzter Bug blieb auf dem Meeresgrund zurück. Damit bestätigten sich auch die Befürchtungen nicht, dass das Torpedosegment doch nicht sauber abgetrennt sein könne.

Nach weiteren drei Stunden hing der Havarist schon 22 Meter über dem Meeresboden. Ein letztes Mal stiegen Taucher zum Wrack hinab, um die Trossen und die Neigung zu prüfen. Auch wurden Videokameras angebracht, die später beim Andockmanöver unter dem Bergungsponton helfen sollten. Dann ging es weiter aufwärts - mit 10 Metern pro Stunde. Gegen 11 Uhr hatte die Kursk etwas mehr als den halben Weg zur Meeresoberfläche zurückgelegt - und das Flottenkommando überraschte mit einer unerwarteten Nachricht: Die "Giant-4" hat bereits Anker gelichtet und bewegte sich im Schneckentempo bereits Richtung Küste. Grund der Eile: In der Barentssee wurde erneut schlechtes Wetter erwartet.

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