Welt : Außerehelicher Sex - wird eine Frau dafür gesteinigt?

Christoph Link

Auch nach afrikanischen Moralvorstellungen ist das Urteil gegen Safiya Husaini unglaublich und löst Fassungslosigkeit aus: Die 35-jährige Nigerianerin soll nach den Vorschriften des islamischen Strafrechtes in ein Baumwolltuch gehüllt, bis zur Brust in der Erde eingegraben werden und mit Steinen solange beworfen werden, bis sie tot ist. Heute entscheidet ein islamisches Berufungsgericht gegen das Urteil. Der Vorwurf: Sex vor der Ehe. In Nigeria, dem mit 120 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Land Afrikas, hat es ein solches Urteil bislang noch nicht gegeben. Aber in anderen muslimischen Ländern kommen Steinigungen von Frauen wegen Mordes oder Ehebruch vor: im Iran, in Saudi-Arabien, in Bangladesh. Auch in Afghanistan unter dem alten Taliban-Regime gab es sie.

Die Scharia hat es als Rechtsform im muslimischen Norden Nigerias schon immer gegeben, auch als die Briten vor vier Jahrzehnten den Bundesstaat Nigeria in die Unabhängigkeit entließen, behielten einige Nordstaaten das zivile Sittenrecht des Islam bei. Seit Januar 2000 aber trat der scharfe Strafrechtskataolg der Scharia im Norden Nigerias seinen Siegeszug an. Der Gouverneur des Bundesstaates Zamfara führte als erster die Sittenstrenge ein, er verbot den Alkoholausschank, drohte Dieben mit Amputationen und Ehebrechern mit der Peitsche. Begleitet von blutigen Unruhen zwischen Christen und Moslems setzte sich seitdem die Scharia in Nordnigeria durch, zwölf von 36 Bundesstaaten Nigerias haben sie mittlerweile eingeführt. Im christlichen und lebensfrohen Süden des Landes stösst diese Rechtsreform auf Kopfschütteln. Die Scharia ist ein politischer Zankapfel geworden, und die Krawalle um ihr Für und Wider haben Tausende von Toten gefordert.

Sufiya Husaini lebt in dem 3000-Einwohner-Dorf Tungar Tudu, weit im Norden, rund 30 Kilometer von Sokoto entfernt. Nach dem Todesurteil gegen sie im Oktober vergangenen Jahres war sie untergetaucht, aber von der Polizei aufgespürt und wieder in ihr Dorf gebracht worden. Hier wohnt sie mit ihrem erblindeten Vater und ihrer elf Monate alten Tochter Adama in einer Lehmhütte. Die kleine Adama wird noch gestillt, und auch für die Mutter ist dies eine Art Lebenselixier. Der islamische Richter Muhammad Bello Sanyinlawal hatte entschieden, dass die Steinigung erst vollstreckt werden könne, wenn das Kind ausgestillt sei.

Die geschiedene Safiya war während ihrer Schwangerschaft angezeigt worden - angeblich von ihrem Bruder. Das Baby genügte dem Richter als ein Beweis für unehelichen Sex und damit für eine Verurteilung. Zunächst hatte Safiya gesagt, ein 60-jähriger Dörfler habe ihr den Hof gemacht, trotz ihres "Neins" sei er ihr nachgestellt und habe sie "im Busch" vergewaltigt. Der Mann wurde von der Erstinstanz mangels Beweisen freigesprochen und hat sich aus dem Staub gemacht. Später änderte Safiya ihre Aussage und sagte, ihr geschiedener Mann sei der Vater des Kindes - in diesem Falle wäre das Kind legal und die Mutter ginge straflos aus.

Safiyas Verteidiger, der von der Frauengruppe Baobab und aus Mitteln der Ford- und McArthur-Stiftung bezahlt wird, muss gegenüber dem Gericht die Wende erklären.

Das Mittelalter lebt auf im Norden Nigerias, und auch weltweite Proteste ändern wenig daran. In Paris und Rom hatte es Demonstrationen gegen das Urteil gegeben. Aber es hat den Anschein, als ob Proteste nur zur Verstockung führen. Die deutsche Sektion von Amnesty International kritisierte jetzt eine Ketten-Email-Aktion anderer Menschenrechtler an Nigerias Botschaften als kontraproduktiv und nur das eigene Gewissen beruhigend. Als 77 Abgeordnete des Europaparlamentes an Nigerias Regierung schrieben und eine Freilassung Safiyas forderten, löste das Kritik aus. Nigerias Justizminister Elayo Abdullahi wies die Europäer darauf hin, dass die Regierung sich nicht in laufende Gerichtsverfahren einmische.

Sollte das Urteil heute bestätigt werden, stehen Safiya nur zwei Auswege offen: ein Gang zum Obersten Gerichtshof nach Abuja im christlichen Süden oder ein Gnadenakt des Gouverneurs von Sokoto, der das Todesurteil unterschreiben muss.

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