Welt : Baby-Entführung: Glückliches Ende eines Dramas

Eckhard Stengel

"Paul Moritz ist wieder da!" Die Meldung verbreitete sich am Donnerstag in Bremen wie ein Lauffeuer. Große Teile der Bevölkerung hatten sich um den Säugling gesorgt, der am Mittwoch, einen Tag nach seiner Geburt, aus der geschlossenen Neugeborenenstation des größten Bremer Klinikums entführt worden war.

Im Zuge einer Großfahndung mit bis zu 460 Polizisten führten Hinweise aus der Bevölkerung zum Erfolg: Einen Kilometer vom Zentralkrankenhaus St.-Jürgen-Straße entfernt überprüften Beamte einen Wohnblock. Dort trafen sie auf eine 36-jährige geschiedene Deutsche, die auf die Fahnder einen "verwirrten Eindruck" machte. In ihrer Wohnung, so berichtete die Einsatzleitung, fanden die Polizisten einen Säugling, der von der Frau zunächst als Kind einer Freundin ausgegeben wurde, sich dann aber als der Gesuchte entpuppte.

"Das Kind ist in einem sehr guten Zustand", berichtete kurz darauf Chefarzt Klaus Albrecht. Paul Moritz sei offenbar "gut versorgt" worden und werde deshalb wohl keine bleibenden Schäden davontragen. Die erschöpften, aber "überglücklichen" Eltern aus dem Bremer Umland präsentierten sich mit ihrem Säugling kurz der Presse und dankten Polizei wie Klinik für ihre Hilfe.

Über die Entführerin und ihre Motive konnten die Fahnder zunächst nur soviel mitteilen: Sie habe fünf Kinder, die derzeit beim Vater lebten, da ihr das Sorgerecht entzogen worden sei. Völlig rätselhaft blieb aber, wie es zu der Entführung kommen konnte. Die Wöchnerinnenstation in der Frauenklinik des St.-Jürgen-Krankenhauses ist zwar frei zugänglich, aber die Neugeborenenabteilung, auf der die Mütter ihre Säuglinge stundenweise abgeben können, ist ähnlich geschützt wie eine Geldautomatenhalle am Abend: Wer diesen Bereich betreten will, braucht eine elektronische Chipkarte, und die gibt es nur für Eltern und Personal. Solche Vorkehrungen seien bundesweit noch keineswegs üblich, heißt es in der Klinik.

Dennoch war es der Entführerin am Mittwoch gelungen, sich Paul Moritz aus dem geschützten Bereich zu schnappen. Seine Mutter hatte ihn für einige Minuten in der geschlossenen Abteilung "geparkt", um Besucher zum Ausgang zu begleiten.

Vorher war die Unbekannte schon mehrfach auf der Wöchnerinnenstation gesehen worden, aber dort hatte niemand so recht Verdacht geschöpft. Die Kliniksleitung sah am Donnerstag keinen Grund für noch schärfere Sicherheitsmaßnahmen. Verwaltungsdirektor Walter Bremermann: "Wir können das Krankenhaus nicht zu einem Hochsicherheitstrakt ausbauen."

Gleich nach dem Alarm waren Zivilfahnder ausgeschwärmt, um spazierengehende Mütter mit Säuglingen zu überprüfen. Auch Suchhunde und Hubschrauber kamen zum Einsatz.

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