Welt : Baguettefreies Paris: Kein Angebrot

Sabine Heimgärtner

Ganz Paris schreit "Hunger". Wildfremde Menschen rufen sich auf den Straßen der französischen Hauptstadt fragend zu, wo es noch Baguette gibt. Immer auf der Suche nach Menschen, die eine Weißbrotstange in der Hand halten, üblicherweise wie einen Regenschirm, mit einem aus Papier gewickeltem "Griff" in der Brotmitte.

Die Tragödie rund ums Brot wiederholt sich jeden Sommer. Besonders dramatisch ist es Mitte August, in der Ferienzeit. "Jahresurlaub", prangt dann nämlich auch an der Eingangstür mindestens jedes zweiten Bäckers. Heimlich haben sie sich abgesetzt - denn die meisten dürfen das gar nicht. Das Bäckerhandwerk ist das einzige in Paris, das in Sachen Betriebsurlaub strengen Auflagen unterliegt. Die Prefecture des jeweiligen Arrondissements legt fest, wann welche Bäckerei Ferien machen darf - nur: "Kein Laden hält sich daran", klagt Bäckerin Catherine im Pariser 19. Arrondissement.

In einer der Hauptstraßen des Stadtviertels im Pariser Osten, der Avenue Simon Bolivar, ist sie zur Zeit die einzige von vier Bäckern, die ihren Laden offen hält. Täglich gehen bis zu 1 200 Baguettes über den Ladentisch, vier Mal am Tag wird frisch gebacken. Am Wochenende stehen die Kunden auch noch zwanzig Meter außerhalb des Ladens Schlange. Das Thema Baguette-Beschaffung ist in diesen Tagen Stadtgespräch. Hamstern geht auch nicht, weil das Weißbrot schon nach wenigen Stunden entweder schlaff und gummiartig oder hart und trocken wird. Catherine könnte ihre untätigen Bäckerkollegen bei der Bezirksbehörde anzeigen. Sie müssten dann bis zu 1000 Francs zahlen, umgerechnet rund 350 Mark, pro geschlossenem Tag. Aber weil Catherine geschäftig ist, macht sie lieber ihren "August"-Umsatz und gönnt sich sogar noch ein zusätzliches Schnäppchen. Sie verkauft in diesen Wochen auch Zeitungen - die Zeitungshändler im Umkreis haben nämlich auch alle zu. Paris im August: Ganz schön anstrengend!

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