Welt : Ball mit Köpfchen

Ein Chip soll Schiedsrichtern bei Entscheidungen helfen – aber was wäre Fußball ohne Ungerechtigkeit?

Philipp Wittrock

Es ist die 89. Minute im Spiel Manchester United gegen Tottenham Hotspurs, Spielstand 0:0: Tottenham-Verteidiger Pedro Mendes schlägt den Ball aus 45 Metern auf das Tor von ManU, eigentlich eine sichere Beute für Torwart Roy Carroll. Doch der Keeper lässt den Ball durch die Hände gleiten und schafft es erst, ihn einen Meter hinter der Torline aus dem Kasten zu schlagen. 70000 Zuschauer im Stadion und Millionen vor dem Fernseher glauben den ersten Premier-League-Sieg der Spurs in Manchester seit 16 Jahren besiegelt. Nur einer nicht: Kein Tor, entscheidet der Schiedsrichter.

„Betrug! Schande!“, schimpften die englischen Medien am Mittwoch in großen Lettern über „eine der größten Fehlentscheidungen der Fußball-Geschichte“. Und stießen erneut eine Diskussion über Sinn und Unsinn technischer Hilfsmittel im Fußballsport an. Denn schon ein kleiner Chip im Ball hätte dem Schiedsrichter und seinen Assistenten die wütenden Proteste der Fans und Presse ersparen können. Selbst ohne Fernsehbilder wäre klar gewesen: Der Ball war drin.

Das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen arbeitet im Auftrag der Karlsbader Cairos AG seit fünf Jahren an der Entwicklung eines drahtlosen Ball- und Spielerortungssystems, das den Fußball revolutionieren könnte. Der Schiedsrichter bekommt ein kleines Gerät, das ihm signalisiert, ob der Ball im Tor war, oder im Aus, oder ob eine Abseitsposition vorliegt. Schiedsrichter-Irrtümer, das ist die Vorstellung, würden der Vergangenheit angehören. Trainern, Medien und Zuschauern würden riesige Datenmengen zur Spielanalyse zur Verfügung stehen.

Das Prinzip ist einfach, die Technik hoch kompliziert: In den Schienbeinschonern der Spieler und im Ball stecken 15 Gramm schwere Mikrochips von der Größe eines Zehn-Cent-Stücks. Diese senden bis zu 2000 Mal in der Sekunde ein Signal an zehn Empfänger, die um das Spielfeld herum platziert sind. Die Empfangszeit des Signals wird verglichen und dadurch die Position des Balls und der Spieler bestimmt. In Sekundenbruchteilen werden die Daten an einen Zentralrechner übermittelt.

Wie schnell sprintet Roy Makaay, wie hart war der Schuss von Marcelinho und wie viele Zentimeter ging er am linken Torpfosten vorbei? Auf alle diese Fragen gäbe das System eine Antwort. In Echtzeit. Auch dem Fernsehzuschauer. Der Schiedsrichter wüsste über ein akustisches oder optisches Signal oder einen Vibrationsalarm sofort, ob die Freistoß-Mauer weit genug vom Ball weg steht oder der Ball die Torlinie überschritten hat – sogar, wenn er den Ball gar nicht gesehen hat.

Am Anfang der Entwicklung nahmen die Wissenschaftler das umstrittenste Tor der Fußballgeschichte unter die Lupe, das so genannte Wembley-Tor im Finale der Weltmeisterschaft 1966 zwischen England und Deutschland. Damals schoss Geoff Hurst für England das spielvorentscheidende 5. Tor zum 3:2. Der deutsche Torhüter Hans Tilkowski fälschte den Ball ab, der sprang nach oben gegen die Latte und anschließend nach unten – vor, hinter oder auf die Torlinie? Der Schiedsrichter folgte dem russischen Linienrichter, der den Ball hinter der Linie gesehen haben wollte. Generationen von Fußballfans haben über dieses Tor gestritten.

„Wir haben anhand der Fernsehbilder die Algorithmen berechnet“, erklärt René Dünkler vom Fraunhofer-Institut heute. Sein Urteil: Es war kein Tor.

Nach einem ersten Test des Prototypen im Nürnberger Frankenstadion geben die Forscher den Chips nun auf dem Institutsgelände den letzten Schliff. Auf einem eigens angelegten Spielfeld kicken Forscher und Studenten für die Zukunft des Fußballs.

Ist Perfektion beim Fußball wünschenswert? Lebt das Spiel nicht auch davon, dass es immer wieder Aufregung um angeblich oder tatsächlich ungerechte Entscheidungen gibt? Dass die Erfindung Emotionen aus dem Spiel nehmen könnte, glaubt Dünkler nicht: „Es kommen sogar noch mehr Emotionen hinzu, weil man mehr Daten hat, um darüber zu diskutieren.“ Mikrochips hin oder her, ein Streitthema bleibt den Fans ohnehin erhalten – noch. Die Abseitsregel mit passiver und aktiver Abseitsstellung sei selbst für die moderne Technik noch zu kompliziert. Oliver Braun vom Auftraggeber und Vertreiber Cairos aber erklärt: „Wir wollen den Schiedsrichter nicht abschaffen, sondern ihm nur Hilfestellung leisten.“

In den Medien meldeten sich unterschiedliche Stimmen zur Digitalisierung des Fußballs zu Wort. Dieter Hoeneß, der Manager von Hertha BSC, zeigte sich aufgeschlossen: „Wenn das ohne größeren technischen Aufwand möglich ist, bin ich dafür.“ Es sei schließlich elementar zu erkennen, ob der Ball drin ist oder nicht. Oliver Kahn ist skeptisch. „Der Fußball lebt auch von Fehlentscheidungen. Das gibt dem Sport seinen Mythos“, sagte der Nationaltorwart und erinnerte an das Wembley-Tor. „Kein Chip im Ball“, forderte jüngst auch Rudi Assauer, Manager von Schalke 04. Es müsse nach dem Spiel Geheimnisse geben über die man reden könne. Die Schiedsrichter der Bundesliga sehen das offenbar anders. „Wir werden uns keiner Neuerung verschließen, die uns in der Spielleitung weiterhilft“, sagte Fifa-Referee und Aktiven-Sprecher Herbert Fandel. Nur einen Video-Beweis lehne man ab. Damit liegt er auf einer Linie mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). Pressechef Harald Stenger erklärte: „Die entscheidende Frage ist: Ist das System zuverlässig?“

Damit soll es nach Angaben der Entwickler keine Probleme geben. Die Ausfallquote werde „bei weit unter 0,1 Prozent“ liegen, heißt es. Dafür müssen die Minisender einiges aushalten. Hitze, Kälte, Nässe und Erschütterungen dürfen keine Messungenauigkeiten produzieren. Forscher Dünkler versichert, dass die Chips auch einen Schuss überleben, der mit 150 km/h gegen den Pfosten knallt.

Ob das System jemals eingeführt wird, entscheidet der „International Board“ des Weltfußballverbands Fifa. Auf seiner Sitzung am 26. Februar wird die Innovation vorgestellt. Dass schon bei der Weltmeisterschft 2006 in Deutschland mit der Neuerung gespielt wird, hält man bei der Fifa aber für unwahrscheinlich.

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