Welt : Bande Böse

Sie nennen sich die schlauen Salvadorianer. Sie kommen aus den Slums von San Salvador. Sie begehen drei Morde am Tag – und das FBI sieht sie als Amerikas größte Bedrohung nach Al Qaida.

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Text: Sandro Benini Fotos: Luis Galdamez Mit 15 Jahren beendete Francisco Barrera in einem Elendsviertel an der Peripherie von San Salvador seine Kindheit. Er zog sein Hemd aus und stellte sich in einer Betonbaracke in die Mitte des einzigen Raumes, um ihn herum standen vier Jugendliche mit Baseballschlägern und Holzknüppeln. Auf ein Zeichen begannen sie auf ihn einzuprügeln, sie schlugen hart und treffsicher, in die Rippen, auf den Kopf, zwischen die Beine – 13 Sekunden lang. Am Schluss ging Francisco in die Knie, aus einer Platzwunde an der Stirn lief ihm Blut in die Augen, eine Rippe war gequetscht, ein Finger gebrochen. Doch Francisco war glücklich, denn er hatte die Aufnahmeprüfung bestanden. Von nun an war er ein Mitglied der größten, berüchtigsten, brutalsten Jugendgang Lateinamerikas. Von nun an gehörte Francisco zur Mara Salvatrucha.

San Salvador, Hauptstadt des kleinen zentralamerikanischen Landes El Salvador, hat knapp eine halbe Million Einwohner und touristisch wenig zu bieten. Das historische Zentrum ist verwahrlost, der Rest der Stadt besteht aus Elendsvierteln, Ausfallstraßen, Gewerbeflächen und Wohnvierteln für die Mittel und Oberschicht. Das Thema, das San Salvador seit Jahren beherrscht, ist die Gewalt der Jugendbanden. An einem gewöhnlichen Arbeitstag wie dem 12. April verüben die „Mareros“ in der Hauptstadt drei Morde: Ein Jugendlicher wird auf offener Straße mit einer Machete angegriffen und verblutet vor den Augen der Passanten. Auf einem Schulhof erschießen zwei Jugendliche einen 15-Jährigen und fliehen auf Fahrrädern. Ein 18-Jähriger stirbt mit sechs Schussverletzungen im Spital.

Die Mara sei sein Leben, für die Mara habe er getötet, und vielleicht werde er irgendwann für sie sterben, sagt Francisco Barrera heute. Jenseits des Pathos ihrer Mitglieder ist die Mara Salvatrucha der Albtraum von El Salvador, gemeinsam mit ihrer großen Rivalin, der Jugendgang Mara 18. Durch Emigration hat dieser Albtraum inzwischen auch Guatemala, Honduras, Panama und Mexiko heimgesucht, und besonderen Schrecken verbreitet er in einigen Großstädten und Regionen der USA, wo die Mara Salvatrucha in den 80er Jahren entstanden ist. Die Regierungen der zentralamerikanischen Länder sehen durch die Maras das politische und soziale Gleichgewicht der ganzen Region gefährdet. Keine organisierte Bande wächst schneller und ist gnadenloser als die Mara Salvatrucha, und für die innere Sicherheit der USA ist sie nach Einschätzung des FBI das zweitgrößte Risiko nach Al Qaida.

„Wir wollen, dass du in San Salvador glücklich bist. Die Mara Salvatrucha wird dich beschützen“, sagt Francisco, genannt Snoop, und hält mir die Hand hin, zum dritten Mal, seit ich ihn vor einer Stunde kennen gelernt habe. Der mittlerweile 25-Jährige trägt ein Baseballcap, er ist schmächtig, hat ein ironisches Lachen in den Augen und hässliche Metallverstärkungen zwischen den Vorderzähnen.

Um die Baracke, in der Francisco damals den Aufnahmeritus über sich ergehen ließ, herrscht das übliche staubige Elend Lateinamerikas: ungepflasterte Straßen, dunkelbraune, brachliegende Flächen mit Gestrüpp und Abfall, Kinder in schmutzigen Schuluniformen, Hunde, Autoreifen, zwischen einstöckigen Betonhäusern aufgespannte Wäsche. Erwachsene, die einfach nur in der Hitze sitzen, gelangweiltes Nichtstun. Auf der Hinfahrt der surreale Anblick eines Mädchens, das mit verkrüppelten, grotesk dünnen und abgewinkelten Beinchen kriechend die Straße überquert, zu uns hochschaut und grundlos zu lachen beginnt. Der halbdunkle Raum der Baracke ist eine Verkaufsstelle für Marihuana und Kokain, eine dicke junge Frau zählt Dollarnoten und packt sie in einen Plastiksack. Ein Marero mit dem Spitznamen Satan sitzt schweigend im Rollstuhl, vor zwei Jahren ist bei einem Konzert ein Boxenturm über ihm zusammengestürzt.

Im Hinterhof raucht Francisco alias Snoop einen Joint und erzählt mir, weshalb er der Mara Salvatrucha beigetreten ist. „Vor zehn Jahren brachten die Schweine von der Mara 18 meinen kleinen Cousin um. Wir saßen am Straßenrand und aßen Tortilla, als sie in einem Auto vorbeifuhren und zu schießen begannen. Alle rannten weg, nur mein Cousin blieb sitzen. Er war neun Jahre alt, er hatte so etwas noch nie erlebt. Sie warfen mit einem Molotow-Cocktail nach ihm. Als das Ding explodierte, riss es ihm die Hälfte des Gesichts weg. Nachdem ich in die Mara eingetreten bin, halfen mir die Jungs, herauszufinden, wer in dem Auto gesessen hatte. Eines Tages traf ich den Hurensohn mit dem Molotow-Cocktail auf der Straße. Ich sagte: Hallo, wie gehts? Und noch bevor er antworten konnte, erschoss ich ihn. Ein Schuss in die Brust, ein Schuss ins Gesicht.“

Snoop grinst und schaut mich an wie ein kleiner Junge, der stolz auf einen gelungenen Streich ist und im Gesicht des Gegenübers einen Anflug von Bewunderung zu erkennen hofft. Auf die Frage, wie viele Gegner er schon getötet habe, schwankt er mit dem Oberkörper hin und her, lächelt. „Zwanzig. Dreißig.“ Schulterzucken. „Ich will niemandem etwas Böses tun. Aber bevor sie mich töten, töte ich sie. Ich glaube an Gott. Was ich tue, richtet sich nicht gegen ihn, sondern gegen die Feinde der Mara Salvatrucha.“ Eine Zeit lang starrt Snoop ins Leere, dann fragt er mich: „Wie würde man in deinem Land jemanden nennen, der 20 Leute umgebracht hat?“

„Einen Mörder.“

„Die Mara ist der Teufel. Wir sind die Kinder des Teufels.“

El Salvador hat 6,5 Millionen Einwohner, die Hälfte lebt in Armut. Die Polizei schätzt die Anzahl der Mara-Mitglieder auf knapp 11000, die Soziologin María Santacruz Giralt von der Universidad Centroamericana glaubt, es seien drei- bis viermal so viele. „Mara“ bedeutet Gruppe oder Bande, „Salvatrucha“ ist eine Verbindung aus den Wörtern „Salvador“ und „trucho“, schlau. Also etwa: Bande schlauer Salvadorianer. Viele von ihnen haben die Buchstaben MS auf Brust, Arme, Rücken und manchmal sogar ins Gesicht tätowiert, dazu oft um den Hals laufende Sprüche wie „Mutter, vergib mir mein verrücktes Leben“ oder aus den Augenwinkeln rollende Tränen, für jeden getöteten Gegner eine.

Die Mara Salvatrucha entstand in den 80er Jahren in Kalifornien. Während des Bürgerkriegs zwischen 1980 und 1992 flüchteten Hunderttausende Salvadorianer in die USA, vor allem nach Los Angeles. Viele von ihnen konnten mit Waffen umgehen, hatten gekämpft und getötet. In Los Angeles standen die Salvadorianer bereits bestehenden Gangs gegenüber, zu ihrer größten Rivalin wurde die mexikanisch beherrschte Mara 18, die Jahre zuvor um die 18th Street herum entstanden war. Als 1992 der Bürgerkrieg zu Ende war, begannen die US-Behörden, Tausende von Salvadorianern zurückzuschaffen. Wer von den Rückkehrern der Mara Salvatrucha angehörte, galt bei den Jugendlichen der Elendsviertel von San Salvador als cool: englische Sprachbrocken, Baggypants, Begrüßungsrituale und Symbole, die Zusammenhalt signalisierten und Respekt einflößten. Kurz darauf gab es in El Salvador auch die Mara 18 und damit die ersten Opfer des Bandenkrieges.

„Das Gemetzel zwischen Mara 18 und Mara Salvatrucha ist vollkommen irrational“, sagt Santacruz Giralt, die für eine Studie der Universität rund 1000 Mareros befragt hat. „Anders als in Los Angeles kämpfen hier nicht Salvadorianer gegen Mexikaner, sondern Salvadorianer gegen Salvadorianer. Und sie gehören alle derselben sozialen Schicht an. Das ist der entfesselte Wahnsinn.“ Identisch sind selbst die kriminellen Aktivitäten, mit denen die beiden großen Maras zu Geld kommen: Drogen, Raubüberfälle, Autoklau, Waffenhandel, Schutzgelderpressung. Beide Jugendgangs sind hierarchisch aufgebaut und bestehen aus Cliquen, die jeweils einzelne Stadtviertel kontrollieren. Und bei beiden sind zehn bis 20 Prozent der Mitglieder weiblich.

Guadalupe Victoria Ramírez ist vor zwei Jahren der Mara Salvatrucha beigetreten, seit drei Monaten ist sie Snoops Freundin. Sie hat kurze Haare, Augen und Mund sind schwarz geschminkt. Während Snoop mit seinen Anflügen von Lausbubencharme etwas Liebenswertes hat, scheint es, als tobe in Guadalupe eine Wut, die sie nur mühsam zurückhalten kann, durch ineinander verhakte Finger, angespannte Gesichtszüge, einen steifen Oberkörper. Mehrmals betont sie, dass sie nur mit mir spricht, weil Snoop es ihr befohlen habe.

Frauen, die der Mara Salvatrucha beitreten wollen, können zwischen zwei Aufnahmeritualen wählen: Entweder sie lassen sich verprügeln wie die Männer. Oder sie müssen mit jedem anwesenden Bandenmitglied Sex haben. Die junge Frau macht eine wegwerfende Handbewegung. „Zwei Monate bevor ich eingetreten bin, hat eine Freundin bei der Aufnahme zwei Vorderzähne verloren. Deshalb entschied ich mich für Sex.“ Das Thema ist ihr unangenehm, sie schaut zu Boden und spricht wie jemand, der etwas Ekliges ausspuckt. Seit sie in der Mara sei, werde sie von den Bewohnern des Viertels geachtet. Und sie verdiene Geld, viel mehr als die 140 Dollar im Monat, die man für irgendeinen Scheißjob bekomme.

„Wie viele Frauen seid ihr?“

„In der Clique dieses Viertels zwei, aber die andere sitzt im Gefängnis. Drogenhandel.“

„Hast du schon einmal getötet?“

„Nein. Aber ich habe dabei zugesehen.“

Im Sommer 2003 wurde im Parque de la Libertad im Zentrum von San Salvador die geköpfte Leiche einer jungen Frau gefunden, deponiert in einem Koffer. Sie war ein Mitglied der Mara Salvatrucha gewesen und hatte ihre Exkollegen verpfiffen. Seit dem Ende des Bürgerkrieges war keine derartige Schockwelle öffentlichen Entsetzens mehr über die Stadt hereingebrochen, der damalige Staatspräsident Francisco Flores geriet unter Druck und griff zu drastischen Maßnahmen. Er schuf den „Plan Mano Dura“, die Politik der harten Hand.

Fortan reichte schon die Tätowierung der Buchstaben MS, um festgenommen zu werden, die Polizei errichtete Straßensperren und fiel in die Elendsviertel ein. Sie ließ junge Männer den Oberkörper entblößen und verhaftete sie zu Tausenden, auch ohne ihnen ein Verbrechen nachweisen zu können. Seither verzichten viele neue Gangmitglieder auf Tätowierungen, oder sie verstecken sie auf der Innenseite der Lippen. Genützt hat die Härte bisher wenig, im vergangenen Jahr ist die Mordrate in San Salvador um über 30 Prozent gestiegen.

Erschüttert haben die Maras auch andere zentralamerikanische Staaten, Teile von Mexiko und die USA. Ehemalige Angehörige der Mara aus Los Angeles drängen ebenso nach Norden wie neurekrutierte Bandenmitglieder aus den mittelamerikanischen Elendsvierteln – mit dem Resultat, dass die Mara Salvatrucha laut FBI die am schnellsten wachsende Jugendgang ist. Gegenwärtig zählt die „gefährlichste Gang Amerikas“ („Newsweek“) 10000 Mitglieder, breitet sich an der Ost- und Westküste aus, dringt in die Mittelstandsquartiere von New Jersey vor und hat selbst in Provinzstädten in Idaho oder Nebraska Metastasen gebildet.

Für den folgenden Tag bin ich mit Ernesto Miranda zu einer Grill- und Bierparty der Mara Salvatrucha eingeladen. Am Treffpunkt stehen gestikulierend vier Gangmitglieder. Vergangene Nacht habe die Polizei Dutzende von Häusern gestürmt und 15 Mareros verhaftet. „Sie haben nachts um drei die Türen eingeschlagen, rumgeschrien und mitgenommen, wen sie sich gerade greifen konnten“, erzählt einer, in einem Tonfall, als sei völlig unerwartet ein großes Unrecht über das Viertel hereingebrochen. Snoop habe es auch erwischt, und wo seine Geliebte stecke, wisse niemand. In eineinhalb Stunden würden die Verhafteten der Öffentlichkeit vorgeführt. Der Staat El Salvador stellt die Köpfe zur Schau, die er nachts der Hydra namens Mara Salvatrucha abgeschlagen hat.

Wir fahren zu einer Polizeistation in der Nähe des Zentrums. In einem Hinterhof, der zugleich als Parkplatz und Abfalldeponie dient, sitzen die Jugendlichen schweigend und aneinander gekettet auf einem Mäuerchen, Snoop ist nicht darunter. Mehrere Polizisten in Uniform und Zivil stehen herum, einige haben als Undercover-Marero gearbeitet und tragen aus Angst vor Vergeltung Gesichtsmasken. Nach und nach treffen Radioreporter, Fotografen und Journalisten der Tageszeitungen ein, es wird kaum gesprochen, alles wirkt wie Alltagsroutine. Der Leiter der nächtlichen Razzia steigt auf ein Holzpodestchen und beginnt im Stile eines Zahlen herunterleiernden Bilanzprüfers zu sprechen. 13 Festgenommene, alle Mitglieder einer Clique, die sich selber „Kriminelle verrückte Dämonen der Mara Salvatrucha“ nennt. Die Anklagen: Sechs Mal Mord. Einmal Vergewaltigung einer behinderten Minderjährigen. Drei Mal Autodiebstahl. Außerdem werde sämtlichen Verhafteten Zugehörigkeit zu einer illegalen Organisation vorgeworfen.

Dann brüllt einer der Polizisten: Los, präsentiert euch! Hemden und T-Shirts ausziehen! Die Gefangenen stellen sich aneinander gekettet auf und entblößen den Oberkörper, Kameraleute und Fotografen nähern sich und nehmen die Tätowierungen auf, ohne mit einem der Verhafteten ein Wort zu sprechen. Die meisten Jugendlichen scheinen die Aufmerksamkeit zu genießen, feixend formen sie mit den Fingern die Buchstaben M und S. Auf die Frage, ob er keine Angst vor dem Gefängnis habe, antwortet einer, er sei schon 30 Mal verhaftet worden, nachgewiesen habe man ihm bisher nichts. Von einem maskierten Polizisten will ich wissen, was denn dieser dickliche, pausbäckige Bub am Ende der Reihe verbrochen hat, der mit zusammengepresstem Kiefer vor sich hinstarrt wie ein getadelter Schulschwänzer. „Er hat einen gegnerischen Marero angeschossen. Und dann hat er ihm den Gnadenschuss gegeben.“

Nach mehreren Nachfragen erhalte ich die Erlaubnis, fünf Minuten mit dem ebenfalls verhafteten Snoop zu sprechen. Weshalb er nicht öffentlich vorgeführt wurde, ist unklar – vielleicht, weil er nicht zur Clique der kriminellen verrückten Dämonen gehört oder weil er nicht tätowiert ist. Ein Polizist führt mich in einen angrenzenden Innenhof, der von niedrigen weißen Gebäuden umgeben ist. Den Wänden entlang sind Käfige aufgestellt, die an Hundezwinger erinnern. Es stinkt nach Verfaultem und Urin, die Hitze lässt die Luft flimmern. „Francisco Barrera!“, brüllt der Polizist. In einem der Käfige erhebt sich eine Gestalt, tritt ans Gitter und versucht mit zusammengekniffenen Augen etwas zu erkennen. Snoop gibt sich von der Verhaftung unbeeindruckt, denn er sei nur wegen Angehörigkeit zu einer illegalen Organisation angeklagt. Kein Raub, kein Mord, keine Drogen. In drei Tagen sei er wahrscheinlich draußen. Als er mich um ein paar Dollar und Zigaretten bittet, tritt der Beamte hinzu und schüttelt den Kopf. Das Gespräch sei beendet. Das Letzte, was ich vom dutzendfachen Mörder Francisco Barrera sehe, ist sein Grinsen hinter den Gitterstäben, und die Finger der rechten Hand, die ein M und ein S formen.

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