Welt : Banges Warten auf Isabel

Heute erreicht der große Hurrikan die Küste der USA – Zehntausende sind auf der Flucht, aber Katastrophenschützer fehlen: Die sind im Irak

Malte Lehming[Washington]

Es gibt drei Listen – eine für die, die bleiben, eine andere für die, die fliehen, eine dritte für die, die zurückkehren. Jeder soll vorbereitet sein, wenn Hurrikan Isabel an diesem Donnerstag die Ostküste der Vereinigten Staaten erreicht. Ganz oben auf der ersten Liste stehen die Regeln für einen Familienkatastrophenplan. Die Verbindung zur Außenwelt muss jederzeit gewährleistet sein! Also: Mindestens ein batteriebetriebenes Radio oder TV-Gerät anschaffen und für ausreichend Batterien sorgen.

Das Mobiltelefon aufladen und nur im Notfall benutzen. Elektrogeräte ausschalten. Außerdem sollten sich alle Familienmitglieder, für den Fall einer Trennung, auf einen Treffpunkt oder eine telefonisch erreichbare Adresse außerhalb der voraussichtlich betroffenen Regionen verständigt haben. Die wichtigsten Daten – Telefonnummern, Blutgruppe, mögliche Allergien – sollten in einer wasserdichten Plastikhülle ununterbrochen am Körper getragen werden. Das klingt schon recht dramatisch.

Die zweite Liste, die die US-Heimatschutzbehörde verfasst und an die Haushalte versandt hat, ist nicht minder umfangreich. Auf ihr steht alles, was eine Familie beachten muss, die den Evakuierungsbefehl befolgt. Fenster und Türen verriegeln, Strom und Gas abschalten, sämtliche Möbel in das oberste Stockwerk und alles Gartengerät ins Haus bringen, Antennen und Satellitenschüsseln abmontieren, die wichtigsten Dokumente in einem wasserdichten Behälter verstauen, sich um die Haustiere kümmern. Knapp 100000 Bewohner der Ostküste sind bereits aufgefordert worden, ihre Häuser zu verlassen. Entlang der „Hurricane Evacuation Route" staut sich der Verkehr seit Tagen.

Die dritte Liste ist für die Heimkehrer gedacht. Achten Sie auf beschädigte Stromleitungen! Falls Sie eine sehen, halten Sie sich fern und verständigen sofort die Polizei oder Feuerwehr. Betreten Sie eine überflutete Wohnung erst, wenn Sie sich davon überzeugt haben, dass alle Stromleitungen intakt sind. Bei Gasgeruch oder einem undefinierbaren Zischlaut müssen Sie das Gelände weiträumig meiden. Das Leitungswasser nur trinken, wenn die Wasserleitungen unversehrt geblieben sind. Und am Wichtigsten: Fotografieren Sie alle Schäden in der Wohnung für die Versicherung! Sonst könnte Sie der Sturm teuer zu stehen kommen.

Das „Wall Street Journal" hat am Mittwoch an die Kosten des letzten Hurrikans dieser Stärke erinnert. Der nannte sich Floyd und verursachte im September 1999 Schäden in Höhe von sechs Milliarden Dollar. Allein in North Carolina wurden damals 52 Menschen getötet, ein Drittel des Bundesstaates stand unter Wasser, 8000 Häuser waren komplett zerstört, weitere 65000 schwer beschädigt.

Von den Folgen haben sich viele Gegenden bis heute nicht erholt. Isabel ist bereits der 28. Hurrikan, der North Carolina seit dem Jahre 1900 heimsucht, und der fünfte in den vergangenen acht Jahren.

Bis zum Mittwoch deutete äußerlich kaum etwas auf die kommende Katastrophe hin. Entlang der gesamten Ostküste schien die Sonne an einem strahlend blauen Himmel. Vierzig Kriegsschiffe, darunter der hypermoderne Flugzeugträger „Ronald Reagan", verließen vorsorglich den Hafen in Norfolk und brachten sich auf hoher See in Sicherheit. Mehr als hundert Kampfflugzeuge starteten aus Norfolk gen Florida, Ohio und Louisiana. Dann stiegen, als Vorboten des Unheils, stündlich die Atlantikwellen an. Viele Surfer taten alles, um sich die „Monsterwellen" nicht entgehen zu lassen. Sie sagten Termine ab, schwänzten die Schule oder nahmen sich Urlaub. Eines dieser dramatischen Bilder zeigte die „New York Times" am Mittwoch auf ihrer Titelseite. Darunter stand: „The Fun Before the Storm" – der Spaß vor dem Sturm. Am Mittwochabend wurden die Winde immer heftiger, starker Regen setzte ein.

In den Bundesstaaten North Carolina, Virginia und Maryland wurde der Notstand ausgerufen. Die Nationalgarde und Tausende von Reservisten stehen bereit. Allerdings fehlt es, bedingt durch Afghanistan- und Irak-Krieg, überall an Personal. Allein in North Carolina sind 6500 der nun dringend benötigten Kräfte entweder im Nahen Osten stationiert oder auf dem Weg dorthin. Die Polizei wiederum muss sich vorrangig um die Logistik der Massenevakuierung kümmern.

Entlang der Ostküste von South Carolina bis Maryland meldeten die Geschäfte bereits Engpässe bei Grundnahrungsmitteln, Sperrholzplatten, Generatoren und Batterien.

Voraussichtlich wird Isabel heute Abend in North Carolina aufs Festland treffen und dann quer durch Virginia in Richtung Maryland und Washington ziehen. Entsprechend emsig werden daher auch in der amerikanischen Hauptstadt die Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Der Kongress erwägt, seine Arbeit vorzeitig am Mittwoch zu beenden. Die Abgeordneten sollen rechtzeitig in ihre Heimatstaaten reisen können, bevor das Chaos auf den Flughäfen beginnt. Zwar wird sich der Hurrikan bis Washington auf eine normale Sturmstärke abgeschwächt haben, aber mit Stromausfällen infolge entwurzelter Bäume wird dennoch gerechnet. Das städtische Elekrizitäts-Unternehmen Pepco, das 700000 Kunden mit Strom beliefert, hat alle Kräfte mobilisiert. Mehrere Dutzend Einsatzwagen fahren seit Mittwoch rund um die Uhr Patrouille, die Mitarbeiter haben für fünf Tage Gepäck und Proviant dabei. Ein neues Notrufsystem wurde installiert. Mit knapp tausend Kunden, die aus medizinischen Gründen von einer kontinuierlichen Stromversorgung abhängig sind, steht die Firma in ständigem Kontakt. Am stärksten werden die „Outer Banks" betroffen sein. Das ist eine schmale, langgezogene, durch mehrere Brücken verbundene Inselkette vor North Carolina, deren 75000 Bewohner fast auschließlich vom Tourismus leben. In der kleinen Stadt Kitty Hawk hatten im Dezember 1903 die Brüder Wilbur und Orville Wright den ersten bemannten Flug unternommen. Zwölf Sekunden lang dauerte das historische Unterfangen. Für das Jahrhundert-Jubiläum liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Am Montag wurden die Arbeiten abgebrochen. Die meisten Einwohner verließen die Stadt. Einige wenige verbarrikadierten sich in ihren Häusern. Er habe sich ein paar Videos ausgeliehen und werde Isabel aussitzen, sagt Joe Hansen. Seine Pläne freilich kann der 26-Jährige jederzeit ändern. Vor seinem Haus steht ein vollgetankter Jeep.

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