Bedroht : Wildkatzen auf der Flucht

Nicht nur der Klimawandel, auch der Klimaschutz nimmt vielen Tierarten ihre Lebensräume. Deutschland kann sein beim Weltgipfel 2002 erklärtes Ziel, bis 2010 den Artenverlust zu stoppen, nicht erreichen.

Dagmar Dehmer
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Auf Wanderschaft. Wildkatzen müssen mobil sein können, um zu überleben. Oft werden sie daran gehindert. Foto: dpadpa

Nicht nur der Klimawandel, auch der Klimaschutz setzt vielen Tierarten in Deutschland zu. Das zeigt ein Blick in die Rote Liste der Wirbeltiere, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN) am Dienstag in Berlin vorstellte. Die Liste dokumentiert den Zustand der Säugetiere, Vögel, Kriechtiere, Lurche sowie Süßwasserfische und Neunaugen. Sie wird nur alle zehn Jahre aktualisiert. Von den 478 untersuchten Arten sind 207 gefährdet (43 Prozent). Fast 28 Prozent (132 Arten) sind in ihrem Bestand gefährdet, weitere 32 Arten sind in Deutschland bereits ausgestorben.

Damit gefährdete Arten wie beispielsweise die Wildkatze eine Überlebensperspektive haben, sei eine bessere Verbindung zwischen den schon existierenden Schutzgebieten nötig „um Arten zu erlauben, zu wandern“, sagt BfN-Chefin Beate Jessel. Mit Blick auf den Klimawandel sei das existenziell. Wildkatzen kommen überwiegend in Deutschland vor, „deshalb haben wir für sie eine besondere Schutzverantwortung“, sagt sie. Doch ihre Wanderwege werden von Autobahnen durchschnitten, die sie oft nicht lebend überwinden können. Für den „Genaustausch“ seien „Grünbrücken“ dort notwendig, „wo es sich auch lohnt“, sagt Jessel.

Dass die globale Erwärmung die Lebensräume vieler Arten so stark verändert, dass sie nicht überleben können, hat das BfN schon früher errechnet. Ein Temperaturanstieg um zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung gefährde zwischen fünf und 30 Prozent der Arten, sagt BfN-Chefin Beate Jessel. Doch die Arten, die die neue Rote Liste als stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht einstuft, leben überwiegend in der landwirtschaftlich genutzten Kulturlandschaft. Und die verändert sich gerade rasant. „Es findet eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft statt“, stellt Jessel fest. Der Grund: Es werden mehr Energiepflanzen angebaut, um das Klima zu schützen. Dafür werden auch Flächen wieder bewirtschaftet, die bis vor kurzem noch mit Hilfe der Europäischen Union stillgelegt worden waren. Außerdem haben die steigenden Lebensmittelpreise es für viele Bauern attraktiv gemacht, stillgelegte Flächen auch für die Lebensmitteproduktion wieder unter den Pflug zu nehmen. Und zumindest teilweise hat der Anstieg der Lebensmittelpreise ebenfalls mit dem Biospritboom und dem Klimawandel zu tun, der sich in Missernten oder Dürren zeigt. Das bedeutet für bodenbrütende Vogelarten, wie etwa den Kiebitz, die Bekassine oder die Großtrappe, dass es für sie immer schwieriger wird, ihren Nachwuchs durchzubringen. Beate Jessel sagt, die Bearbeitung der Äcker beginne immer früher, weil viele Flächen nun doppelt genutzt werden: für Energiepflanzen und für Lebensmittel. Gleichzeitig „wird die Landschaft oft komplett ausgeräumt“, bedauert Jessel. Das kostet vor allem Feldhasen und Feldhamster ihren Lebensraum. In der nationalen Biodiversitätsstrategie, die die Bundesregierung im Frühjahr 2008 beschlossen hat, wird zwar angestrebt, bis zum kommenden Jahr auf mindestens fünf Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen „Landschaftselemente“, wie Hecken, Raine oder Feldgehölze zu schaffen. Doch von diesem Ziel ist Deutschland offensichtlich derzeit weit entfernt.

Auch ein anderes Ziel der Biodiversitätsstrategie, dem Deutschland wie die Europäische Union schon beim Weltgipfel 2002 in Johannesburg zugestimmt hat, nämlich bis 2010 den Artenverlust zu stoppen, ist nach Jessels Einschätzung nicht mehr erreichbar. Dasselbe gilt für die Europäische Union, die vor kurzem in einem Zwischenbericht zum Thema feststellte, dass 50 Prozent der Arten und 80 Prozent der Lebensraumtypen in Europa in einem schlechten Erhaltungszustand sind. Dennoch hatte Jessel nicht nur schlechte Nachrichten. Bei einigen Arten habe intensiver Naturschutz die Entwicklung sogar umkehren können. Jessel nannte etwa den Biber, den Fischotter oder den Uhu. Letzterer gilt nicht mehr als gefährdet. Der Wolf dagegen ist noch nicht so weit. Er ist zwar wieder eingewandert, bleibt aber wegen illegaler Jagd und Verkehrsunfällen eine gefährdete Art.

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