Welt : Benetton: Schockwerbung vor Gericht

Im Prozess um die umstrittene Benetton-Schockwerbung haben einige Verfassungsrichter Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit des Verbots solcher Anzeigen erkennen lassen. In der mündlichen Verhandlung am Mittwoch in Karlsruhe konfrontierte Renate Jaeger vom Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts die Gegner der Werbekampagne mit der Frage, ob die Benetton-Reklame den Verbraucher stärker beeinträchtige als etwa eine Reifenwerbung mit sexuellen Motiven.

In dem Verfahren geht es um drei Zeitungsanzeigen von Anfang der 90er Jahre, die eine ölverschmutzte Ente, ein menschliches Gesäß mit dem Stempelaufdruck "H.I.V.-Positive" sowie schwer arbeitende Kinder in der Dritten Welt zeigten - verbunden mit dem Hinweis "United Colors of Benetton". Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte die Anzeigen 1995 als wettbewerbswidrig eingestuft und verboten. Begründung: Beim Verbraucher würden Gefühle von Mitleid und Ohnmacht zu kommerziellen Zwecken ausgenutzt und so eine Solidarisierung mit dem Bekleidungskonzern Benetton erreicht. Zudem werde die Menschenwürde Aids-Kranker verletzt.

Gegen das Urteil hat der Verlag Gruner+Jahr, in dessen Zeitschrift "Stern" die Kampagne gelaufen war, Verfassungsbeschwerde wegen Verletzung der Meinungs- und Pressefreiheit eingelegt. Benetton selbst war nicht gegen das BGH-Urteil vorgegangen. Eine Entscheidung wird frühestens in einigen Wochen erwartet. Hans-Jürgen Papier, Vizepräsident des Gerichts, warf die Frage auf, wie die gleichen Bilder zu beurteilen wären, wenn sie Teil der Kampagne eines gesellschafts-politisch engagierten Verbands - etwa der Aidshilfe - oder gar der Bundesregierung wären.

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