Berg-Unglücke : Kann man sich in einer Lawine freischwimmen?

Was tun, wenn man von einer Lawine erfasst wird? Experten geben Verhaltenstipps. Am Mont Blanc steht unterdessen fest: Die getöteten Bergsteiger werden nicht geborgen.

Stefan Beutelsbacher

Ein leises Knistern, ein dumpfes Grollen. Was zunächst harmlos klingt, kündet in Wahrheit von einer oft tödlichen Gefahr: Lawinen. Wenn der Bergsteiger erst einmal Schneemassen stürzen hört, ist es meist schon zu spät. Ein Entkommen ist dann schwierig – aber nicht unmöglich. Der Kletterer braucht dazu Wissen, Erfahrung und das richtige Gerät. Aber vor allem: eine gehörige Portion Glück.

Das hatten die am Mont Blanc verunglückten Bergsteiger nicht. Die Rettungsdienste haben die Leichname zwar gefunden, aber beschlossen, sie nicht zu bergen, denn die Unglückszone an der Nordwestflanke des Mont Blanc ist wegen mehrerer Gletscherbrüche nach wie vor extrem gefährlich. So wie die Gruppe in den französischen Alpen werden immer wieder Menschen von Lawinen begraben. Was kann man tun, wenn einen die mächtigen Massen erfassen? „Man muss vor allem eines versuchen: oben bleiben!“ Das rät Thomas Griesbeck von der Bayerischen Bergwacht. Man solle probieren, durch Schwimmbewegungen an die Oberfläche zu gelangen. Und für Skifahrer gelte: unbedingt die Bindungen lösen.

Immer mehr Gipfelstürmer greifen auch zu raffinierten, aber oftmals teuren technischen Tricks. Einige schnallen sich „Lawinen-Airbags“ um. Das sind große Schwimmflügel, die vor dem Untergang im Schneestrudel schützen sollen. Das physikalische Prinzip: Beim Herabrollen der Lawine werden große Teile nach oben getrieben, kleine sacken nach unten. Damit das Gerät funktioniert, muss der Bergsteiger rechtzeitig die Reißleine ziehen – bevor ihn die Lawine erwischt. „Aber die meisten sind so perplex, dass sie zu kontrollierten Handlungen kaum noch fähig sind“, sagt Griesbeck. Dann begräbt sie der Schnee. Das ist der Albtraum der Alpenfreunde. Es ist bitterkalt, schnell wird die Luft knapp. Wenn der Verschüttete nach dem Sturz – meist ein Höllentrip über Felsen und Steine – nicht zu schwer verletzt ist und nicht zu tief unter dem Eis liegt, hat er Überlebenschancen. In der ersten halben Stunde sogar ganz gute: Laut Andrea Händel vom Deutschen Alpenverein liegen sie bei 60 bis 70 Prozent.

Der Verschüttete ist zum Ausharren verdammt. „Oft kann er nicht einmal mehr den kleinen Finger bewegen, so stark drückt von oben der Schnee“, sagt Händel. Er könne nur hoffen, rasch gefunden zu werden. Dafür gebe es Peilsender, sogenannte „Lawinenpiepser“. Empfangen die Kletterkameraden das Signal, können sie mithilfe von Lawinensonden – lange Stöcke zum Stochern im Schnee – versuchen, den Begrabenen genau zu orten, um ihn dann auszubuddeln. Am Mont Blanc war das unmöglich: Die Schneedecke ist 50 Meter dick.

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