Welt : Berliner Gammelfleisch als Döner im Handel?

Experten schließen Gesundheitsgefährdung aus

Sabine Beikler

Experten schließen Gesundheitsgefährdung aus

Berlin - Lebensmittelkontrolleure haben bei einer Routinekontrolle bereits am 21. September dieses Jahres auf dem Berliner Großmarkt Beusselstraße 95 Tonnen Putenfleisch beschlagnahmt, das aus Italien stammte. Ende Oktober lag das Ergebnis hervor: Von den 25 entnommenen Proben wurden 19 beanstandet. „Zwölf davon waren mit Salmonellenkeimen infiziert“, sagte am Freitag Roswitha Steinbrenner, Sprecherin der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz. Bereits vor der Kontrolle sei aber „ein Teil der Ware“ in den Handel in acht Berliner Bezirken sowie in Brandenburg und Schweden ausgeliefert worden. Wie viel genau konnte gestern nicht ermittelt werden. Ob dieses Fleisch, das zur Dönerproduktion verwendet wurde, auch salmonellenverseucht war, ist nicht mehr festzustellen.

Nach Aussage der Sprecherin wurden Anfang November die zuständigen Veterinär- und Lebensmittelämter auf Bundes- und EU-Ebene eingeschaltet, die die Lieferadressen überprüften. Das Putenfleisch war mit einem Haltbarkeitsdatum bis 2008 deklariert; als Verpackungsdatum war Juli/August 2006 angegeben. In Berlin konnte man noch Warenbestände bei einem Dönerproduzenten sicherstellen, die „ungeprüft“ vernichtet wurden. Sollte tatsächlich mit Keimen behaftetes Putendönerfleisch verkauft worden sein, schließen Experten eine Gesundheitsgefährdung für Konsumenten aus. „Bei sachgemäßer Zubereitung werden Salmonellen bei Temperaturen von etwa 80 Grad Celsius abgetötet“, sagte Mikrobiologe Jochen Jentschke vom Berliner Institut für Lebensmittel, Arzneimittel und Tierseuchen dem Tagesspiegel.

Warum die Öffentlichkeit erst am gestrigen Freitag darüber informiert worden ist, liegt offenbar an einer Panne in der Verwaltung. Die zuständige Fachabteilung Verbraucherschutz, Arzneimittelwesen und Gentechnik in der Senatsgesundheitsverwaltung hat diese Informationen offenbar nicht an die verantwortliche Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei/PDS) weitergeleitet. „Das ist ein ernster Fehler, der untersucht werden muss. Wir hätten unmittelbar nach Bekanntwerden der Testergebnisse informiert werden müssen“, sagte Lompscher dem Tagesspiegel. Die Verwaltungsspitze wurde aber erst gestern – gut einen Monat später – durch eine Mitteilung der Staatsanwalt von dem Vorgang in Kenntnis gesetzt.

Die Ermittlungsbehörde teilte mit, dass seit dem 23. Oktober gegen eine Handelsfirma auf dem Beusselmarkt ermittelt wird. Am Mittwoch, den 6. Dezember 2006 wurden die Geschäftsräume der Firma durchsucht und Unterlagen sichergestellt. Auch die Privaträume des Geschäftsführers Joachim M. sind durchsucht worden. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den 59-Jährigen offiziell des Vergehens nach dem Lebensmittel-Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch. Im Klartext: Ihm wird vorgeworfen, verdorbenes Fleisch in den Handelsverkehr gebracht zu haben.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Geschäftsführer. Wie es hieß, sei der Ausgang des Verfahrens „offen“. Die Firma ist nach Angaben von Michael Grunwald, Sprecher der Staatsanwaltschaft, bisher mit Unregelmäßigkeiten nicht aufgefallen. Allerdings ist die Firma auch erst seit Mitte dieses Jahres im Handelsgeschäft tätig. Die Auswertung der Beweismittel und die Ermittlungen durch das Landeskriminalamt dauern an. Der Fleischgroßmarkt in Moabit ist eine Drehscheibe für ganz Europa, hieß es im Bezirksamt Mitte. Vor einem Jahr waren auf dem Großmarkt acht Tonnen Putenfleisch beschlagnahmt worden, das mit Wasser versetzt war, um das Gewicht zu erhöhen.

Nach dem Gammelfleisch-Fund fordern die Berliner Oppositionsfraktionen CDU, Grüne und FDP jetzt eine Sondersitzung des Gesundheitsausschusses. Der Senat habe zu erklären, warum die Öffentlichkeit erst jetzt über den Gammelfleischfund informiert worden sei, und wie solche Pannen künftig verhindert werden können, hieß es. „Darüber werde ich umfassend berichten“, versprach die Berliner Gesundheitssenatorin Lompscher.

Die 95 Tonnen Putenfleisch sind im Übrigen inzwischen in einer Tierkörperbeseitigungsanstalt vernichtet worden.

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