Berliner Muttertags-Protokolle : "Mein Mann ist Lehrer. Der macht alles"

Brotbox befüllen, zur Kita hetzen, Kreditausfallrisiko berechnen, beten, für neun Personen kochen, Mandanten beraten - Mütter schildern ihren Alltag

von und Pascale Müller
Wieviel Zeit verbringen Berlinerinnen mit ihren Kindern? Und was tut der Mann?
Wieviel Zeit verbringen Berlinerinnen mit ihren Kindern? Und was tut der Mann?Mike Wolff

DIE ZWEI-STUNDEN-MUTTER

Andrea Reichert-Clauß, 43, Partnerin in einer Wirtschaftskanzlei. Sie hat vier Kinder im Alter von 16, 13 und 10 Jahren und vier Wochen.

"Wir Wirtschaftsanwälte geben uns selbst den Nimbus, immer verfügbar zu sein. Ich berate unter anderem Private-Equity-Firmen bei Unternehmenskäufen. Meine Mandanten erwarten schnelle Rückmeldungen. Aber es ist egal, ob ich vom Büro oder von Zuhause aus telefoniere. Während einer Transaktion ufert meine Arbeitszeit aus, und meine Kinder wissen: Die ist nicht da. Sie sagen dann: ,Du bist ja nie da.'

In normalen Zeiten stehe ich um zwanzig nach sechs auf. Mein Mann und ich bereiten arbeitsteilig das Frühstück vor: Ich bestücke die Brotbüchsen der Kinder, er kümmert sich um den Obstteller, und so weiter. Um sieben ist Familienfrühstück. Oft geht mein Mann vorher, und ich sitze alleine mit den Kindern am Tisch. Er ist Lehrer.

In meiner Karriere habe ich mich häufig auf das Klischee berufen: „Mein Mann ist Lehrer. Der macht alles.“ Wer sich in meiner Branche als Mutter um einen Job bewirbt, macht die Erfahrung, dass man nicht unbedingt nach seinem Promotionsthema gefragt wird. Sondern: „Und wie soll das gehen mit Ihren Kindern?“ In diesen Fällen habe ich den Beruf meines Mannes ins Spiel gebracht. Hat immer wunderbar geklappt. Dabei ist mein Mann in Hochzeiten, etwa bei Abi-Prüfungen, ebenfalls rund um die Uhr beschäftigt. Auch an normalen Nachmittagen sitzt er viel am Schreibtisch. Doch es hilft, dass er zuhause ist.

In der Regel habe ich einmal die Woche einen Abendtermin und einmal gehe ich zum Sport. Auch sonst ist es für mich ambitioniert, um sieben zum Essen zuhause zu sein. Ich schaffe es zwei-, dreimal in der Woche. Im Job muss ich die Grenzen ziehen. Die zieht keiner für mich.

Nach dem Abendessen lege ich mich nicht aufs Sofa und schlafe, sondern ich bereite oft bis um zehn den nächsten Tag der Kinder vor. Um Zeit mit meinem Mann zu haben, müssen wir uns gezielt verabreden: oft freitagsabends, um etwas zusammen zu machen. Die Wochenenden gehören der Familie.

Wir sind mittlerweile ein etablierter Familienbetrieb. Deshalb sehe ich es gelassen, dass jetzt noch ein Baby dazugekommen ist. Zwei Monate will ich nichts hören von meinen Beruf. Diese geistige Auszeit tut mir sicher gut. Ab Juni fange ich langsam wieder an. Ab September übernimmt mein Mann und macht ein Jahr lang Elternzeit. Einen Tag die Woche will er weiter in die Schule gehen, seine Lieblingskurse unterrichten."

Andrea Reichert-Clauß geht nach zwei Monaten Mutterschutz zurück in die Kanzlei.
Andrea Reichert-Clauß geht nach zwei Monaten Mutterschutz zurück in die Kanzlei.Promo

Das sagt der Mann:

Christian Clauß, 46, Geschichts- und Englischlehrer

"Es ist schon ein Privileg, dass unsere Berufe uns die Möglichkeit bieten, unser Familienmodell frei zu wählen. Doch so einfach ist es für mich nicht, weil ich auch im Job weiterkommen wollte: beispielsweise in die Fachbereichsleitung gehen. Doch dann käme die Familie definitiv zu kurz. Zwischen Studium und Berufseinstieg habe ich einmal zwei Jahre für die Kinder pausiert. Im Rückblick eine schöne Sache, auch wenn ich damals nicht hundertprozentig davon überzeugt war. Nicht, weil ich mich auf dem Spielplatz gelangweilt hätte. Dem Umgang mit Kindern kann ich viel abgewinnen. Doch ich hatte im Hinterkopf, dass die schnell größer werden und ich nicht mehr wichtig für sie bin, und dann ist da ein Loch. Meine Frau und ich haben beide einen großen Drang zu arbeiten. Jetzt stehe ich wieder an dem Punkt, ein Jahr auszusetzen. Schon eine gewaltige Zeit."

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