Bhutan : Der Drachenkönig besteigt den Thron

In Bhutan regiert seit Donnerstag der jüngste Monarch der Welt – und wird bejubelt wie ein Popstar.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]
Bhutan
Die Rabenkrone gehört zu den traditionellen Insignien des Staatsoberhauptes von Bhutan. -Foto: dpa

Es ist der Stoff, aus dem Märchen gestrickt sind. Im kleinen, fernen Königtum Bhutan hat am Donnerstag ein neuer „Drachenkönig“ den Thron bestiegen. Bei einer feierlichen Zeremonie in der festlich herausgeputzten Hauptstadt Thimphu übernahm der erst 28-jährige Jigme Khesar Namgyel Wangchuck die historische Rabenkrone von seinem Vater. Er ist damit der jüngste Monarch der Welt. Und der letzte verbliebene in Südasien. Hunderte Würdenträger aus dem Ausland nehmen an den dreitägigen Krönungsfeiern teil. Gerade mal 673 000 Untertanen zählt das Volk des Monarchen offiziell. Aber was dem „Land des Donnerdrachen“ an Größe fehlt, macht der junge König, der in Oxford Politik studierte, durch sein liebenswürdiges Auftreten wett. Er wird deshalb auch „Prince Charming“ genannt – und gilt in Asien als wahrer Mädchenschwarm. Immerhin sieht er nicht nur gut aus, sondern ist auch noch zu haben. Bei einem Staatsbesuch in Thailand 2006 wurde er wie ein Popstar bejubelt. Junge Mädchen kreischten und schmachteten ihn ungeniert an.

Auch die erste Familie Indiens, der Gandhi-Clan, und zahlreiche Bollywood-Stars reisten an, um dem jungen König im weißen Palast die Aufwartung zu machen. Bereits am 14. Dezember 2006 hatte Jigme Khesar die Amtsgeschäfte von seinem Vater Jigme Singye Wangchuck übernommen, als dieser im Alter von nur 51 Jahren nach 34 Jahren abdankte. Doch zwei Jahre musste der Prinz warten, bis drei „erleuchtete Astrologen“ den 6. November als glücksverheißenden Termin bestimmten. Jigme Khesar ist der fünfte Drachenkönig. Sein Vater, der mit vier Frauen zehn Kinder hat, war im Volk überaus beliebt. Seit 101 Jahren wird der Himalaya-Staat, der an China und Indien grenzt, von der Wangchuk-Dynastie regiert. Während in Nepal das Volk den tyrannischen König Gyanendra aus dem Palast jagte, verordnete Khesars Vater dem Land behutsame Reformen, die sein Sohn fortführte. Erstmals durften die Bhutaner im März dieses Jahres wählen – die königsnahe Partei DPT siegte mit großer Mehrheit.

Bhutan erinnert noch heute an ein verwunschenes Märchenland – oder ein riesiges Freilandmuseum. Lange war das Königtum, das so groß wie die Schweiz ist, völlig von der Außenwelt abgeschnitten, die Globalisierung war ein fernes Fabel wesen. Um Tradition und Natur zu schützen, errichtete König Jigme eine Art Öko- und Kulturdiktatur. Erst 1999 wurde Fernsehen erlaubt, einige Jahre danach auch Internet und Handy. Seit 2004 ist das ganze Land rauchfreie Zone. Eine erste Tageszeitung, „Bhutan Today“, gibt es überhaupt erst seit einer Woche. Und tagsüber sind die Bhutaner verpflichtet, sich in traditioneller Landestracht zu kleiden. Jeans und Minirock sind verpönt.

Auch ökonomisch folgte der alte König nicht blind dem Westen, sondern ging eigene Wege. Naturschutz steht vor schnellem Profit, der Tourismus ist begrenzt. Seine Majestät erfand das „Bruttonationalglück“ als Maßstab des Wohlstandes, das neben der Wirtschaftskraft auch Umwelt und spirituelles Wohlbefinden einbezieht. Bhutan gilt als eines der ärmsten Länder dieser Welt, aber seine Menschen zählen laut einer Studie von 2006 tatsächlich mit zu den glücklichsten – lange vor den reichen Deutschen.

Der junge König wird als „Volkskönig“ gefeiert. Zwar wird Khesar das Land nicht mehr regieren, aber er bleibt die zentrale Führungsfigur und das Symbol der Einheit. Als Prinz adoptierte er einen behinderten Dorfjungen und schickte ihn zur Behandlung ins Ausland. Gern mischt er sich unters Volk und badet in der Menge. Das kommt an. Aber auch in Bhutan ist nicht alles eitel Sonnenschein. Es gibt Schattenseiten und Konflikte. Zwar leben 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen in dem Zwergstaat. Aber nur 673 000 gelten als „echte“ Bhutaner. Die anderen sind Mi granten aus Nepal oder Gastarbeiter aus Indien und werden wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Zehntausende Bürger nepalesischer Herkunft wurden in den frühen 90er Jahren nach Nepal vertrieben und sind seitdem heimatlos.

Auch der Weg Bhutans in die Moderne ist steinig. Vor allem die Jungen begehren gegen die alten Traditionen auf und suchen nach einer neuen Identität. Sie wollen Jeans tragen, westliche Musik hören und Partys feiern. Die Arbeitslosigkeit steigt rasant. Drogensucht und Kriminalität sind auf dem Vormarsch. Der neue König weiß um die Probleme und will Bhutan modernisieren. Stärker als sein Vater glaubt er, dass die Wirtschaft der Schlüssel ist. Jede Generation müsse das „Bruttonationalglück“ neu definieren, sagt er.

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