Welt : "Big Brother"-Generation: Wie die Politikin den Container kommt

Albrecht Meier

Der Politik läuft die Jugend weg, also muss die Politik heute da sein, wo die Jugend ist. Der nordrhein-westfälische FDP-Vorsitzende Jürgen Möllemann hat diese schwierige Aufgabe im vergangenen Frühjahr bekanntlich mit einem Auftritt bei der Reality-Show "Big Brother" gelöst. Während sich Deutschland für die am kommenden Wochenende beginnende nächste "Big Brother"-Staffel rüstet, will auch die britische Politik nicht mehr am Erfolg des angeblichen "Echte-Leute-Fernsehens" vorbeisehen. Statt sich in den britischen "Big Brother"-Container zu stellen, zog der Vorsitzende der britischen Liberaldemokraten, Charles Kennedy, am Mittwoch eine niederschmetternde Bilanz - ernüchternd vor allem für den Politikbetrieb: An den Abstimmungen über die Kandidaten der britischen Variante der Reality-Show beteiligten sich mehr Menschen als bei den letzten Europawahlen, sagte Kennedy.

Der Vergleich ist nicht ganz fair, denn Europawahlen haben gerade in Großbritannien ein schlechtes Image. Im Juni 1999 gaben nicht mehr als 23 Prozent der wahlberechtigten Briten ihre Stimme ab. Die Analyse des britischen Chef-Liberaldemokraten ändert aber nichts am ungewöhnlichen Erfolg der britischen "Big Brother"-Variante. Die allabendliche Sendung, die an diesem Freitag auf dem Sender "Channel 4" zu Ende geht, schlug auf der Insel zeitweilig über fünf Millionen Zuschauer in den Bann. Selbst die seriöse Tageszeitung "Independent" erblickte in der Serie einen "Mikrokosmos des englischen Klassensystems". Die Energie, die die überwiegend jugendlichen Briten in die Beeinflussung der regelmäßigen Abstimmungen über die Popularität der Container-Bewohner stecken, ist in der Tat beachtlich. So verbreiteten Anhänger der temporären "Big Brother"-Stars Telefonnummern für angebliche Cricket-Hotlines oder Seelsorge-Nummern für Examens-geplagte Studenten, die in Wahrheit zur turnusgemäßen "Big Brother"-Abstimmung führten.

Spaß muss sein - dieser Möllemann-Maxime will sich auch der Chef der britischen Liberaldemokraten, Charles Kennedy, nicht völlig verweigern. Aber in seinem Buch mit dem visionären Titel "Die Zukunft der Politik", das er am Mittwoch in London vorstellte, setzt sich auch mit dem Erscheinungsbild der Politik auseinander. Wer heute zugibt, sich für Politik zu interessieren, hat kaum einen besseren Ruf als Bierdeckel-Sammler oder "trainspotter" - jene auf der Insel heimische Spezies, die alle bekannten Zugtypen fotografisch festzuhalten sucht. "Spinner" eben, die nach den Worten von Kennedy aber nicht immer harmlos sind. Der typische Wähler des Jahres 2020 denkt nach der Einschätzung von Kennedy international, pflegt grünes Gedankengut, hat ein Herz für Zukunftstechnologien - und ist damit, surprise surprise, auch ein potenzieller Anhänger der von Charles Kennedy geführten Liberaldemokraten.

Bis dieses Fernziel erreicht ist, muss die "Big Brother"-Fangemeinde auf der Insel allerdings das vorläufige Ende der Serie am kommenden Freitag verarbeiten. Anhänger der Sendung, die nach dem Ende der Show mit ihrer neu gewonnenen Zeit nichts anzufangen wissen, können am Samstag einen telefonischen Kummerkasten anwählen - garantiert politikfrei.

sie sind lustig. Ich hab sofort was von, ach Sport alos, so richtig doll will ich da ja nicht mehr hin und ich dachte mit der Meinung sei alles klar gesagt. Aber er meinte es gäbe da ein Platzproblem und irgendjemand müsste ja auch zu Campus oder Medien... Ich hab dann versucht sehr traurig zu gucken.

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