Welt : Bikini? Ah, toll

Heute wird er 60. Und warum ist er nach einem Atoll benannt? Und was hat das mit der Atombombe zu tun?

Grit Thönnissen

Was hat eine Streichholzschachtel mit einem Bikini zu tun? Sie eignet sich hervorragend, um die Größe dieses Kleidungsstückes zu demonstrieren. Das wusste auch der Louis Réard, als er die Revuetänzerin Micheline Bernardini am 5. Juli 1946 an den Rand eines Schwimmbeckens stellte und lächelnd eine Streichholzschachtel mit besagtem Inhalt in die Höhe halten ließ. Zur Verdeutlichung trug sie den aus vier Dreiecken und ein paar Schnüren bestehenden Bikini auch noch mal am Körper. Es muss eine beeindruckende Vorstellung gewesen sein: Seitdem wird Réard gern als Erfinder des Bikinis genannt – er war ein ziemlich gewiefter Marketingfachmann. Denn er gab dem zweiteiligen Badeanzug, der schon auf antiken Fußbodenmosaiken abgebildet wurde, einen eingängigen Markennamen und ließ diesen unter der Nr. 19431 beim französischen Patentamt registrieren. Noch Jahrzehnte später verklagte er jeden Bademodenhersteller, der es wagte die geschützte Bezeichnung zu verwenden.

Welchen Beruf hatte Réard? Er war Maschinenbauingenieur. Maschinenbauingenieure müssen wissen, wie man Material spart.

Wie klug er den Namen für seine Konstruktion gewählt hatte, kann man schon daran erkennen, wie oft die dazugehörige Geschichte seitdem erzählt wurde, fast so, als wäre sie eine Volkssage. Und die geht so: Am 1. Juli 1946 zündeten die Amerikaner auf einer kleinen Südseeinsel die erste Atombombe nach dem zweiten Weltkrieg. Und das Paradies, das da zerstört wurde, trägt den Namen Bikini- Atoll. Lange hat sich Réard also nicht Zeit gelassen, um dem wenigen Stoff eine möglichst bombastische Bezeichnung zu verleihen. Inspirierend könnte auf den Ingenieur der nur ein paar Wochen zuvor in Cannes vorgestellte „kleinste Badeanzug der Welt“ des Modemachers Jacques Heim gewirkt haben. Von dem Modell „Atome“ – so genannt, weil es halt klein war, finden sich heute keine Abbildungen mehr. „Atome“ setzte sich als Name nicht durch, dafür „Bikini“.

Schließlich war das, was soviel Empörung und Verbote in öffentlichen Bädern bis in die 70er Jahre hinein nach sich ziehen sollte, offiziell zu einem Kleidungsstück erklärt worden. Auch das war nur ein Trick: Der Bikini ist ja eigentlich nur ein hübscher Rahmen, um möglichst viel Körper zeigen zu können. Ein Spruch dazu geht so: „Sie in einem Bikini sind 99 Prozent Sie – und 1 Prozent Bikini.“ Dafür sollte man möglichst angstfrei sein – wohl auch deshalb war der Zweiteiler immer schon ein „Hoheitssymbol der Jungen und Schlanken“, wie es Beate Berger, Autorin des Buches „Bikini. Eine Enthüllungsgeschichte“ formuliert.

Und er ist eine Qual für alle die Frauen, die im Frühjahr noch eine „Bikinidiät“ vor sich und sich trotzdem schon mit ihm in eine Umkleidekabine getraut haben. Nicht umsonst gehört zu jeder ordentlichen Misswahl, ob nun im Bierzelt oder im Grand-Hotel, immer auch die Fleischbeschau im Bikini, kombiniert mit bestimmt nicht wasserfesten Highheels. Und auch die Covermädchen harmloserer Männermagazine und moderner Fernsehzeitschriften tragen meist nicht mehr als zwei Stoffdreiecke über den Brüsten.

Überhaupt ist das Verhältnis von Zwei- und Einteiler nicht wirklich geklärt. Die jedes Frühjahr von Modemagazinen gestellte Gretchenfrage, „Badeanzug oder Bikini, was trägt man in diesem Sommer?“, ist mehr als ungerecht. Denn der Badeanzug ist tatsächlich erfunden worden, um darin zu schwimmen. Populär wurde er 1912, als Frauen zum ersten Mal an Olympischen Spielen teilnehmen durften. Die US-Kraulstaffel gewann die Goldmedaille in ärmellosen kurzen Trikots. Der Bikini setzte sich nie im Sport durch.

Der Bikini hat seit seiner Patentierung vielen zu atemberaubenden Karriere verholfen. Da wäre zuallererst „The Girl in the Bikini“. So hieß der zweite Film, in dem die blutjunge französische Schauspielerin Birgitte Bardot – neben ihrer knappen Kleidung – die Hauptrolle spielte.

Und ohne den weißen Kampfbikini, in dem Ursula Andress, 1962 vor den Augen des Geheimagenten James Bond und vor den Augen von Millionen Kinobesuchern zum ersten Mal aus dem Meer stieg, wäre aus ihr wohl nur eines von vielen Bond-Girls, aber niemals die Ikone der unerschrockenen Sinnlichkeit geworden. Für fast 65 000 Euro wurde das Filmrequisit vor ein paar Jahren bei Christies in London versteigert.

Sogar eine Hymne auf den Bikini gibt es. Im Jahr 1960 sangen zuerst Brian Hyland und dann Caterina Valente vom „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini“ und auch vom Selbstbewusstsein, mit dem man ihn tragen sollte.

Auch Badeanzüge sind schon lange nicht mehr die stoffliche Antithese zum Bikini. In diesem Sommer versuchen sich viele Modehäuser in der Reduzierung des Badeanzugs auf das Format eines Bikinis. Da wird hinten, an den Seiten und am Bauch soviel Stoff wie möglich von dem Badeanzug weggelassen, dass man aus manchen Perspektiven nicht mehr weiß, ob man nicht doch einen Bikini vor sich hat. In diesem Sommer passen eben auch viele Einteiler in eine Streichholzschachtel.

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