• Bildungsforscher im Interview: „Der Lehrer ist wichtiger als der Ruf der Schule“

Bildungsforscher im Interview : „Der Lehrer ist wichtiger als der Ruf der Schule“

Bildungsforscher Jörg Ramseger über die Qual der Wahl und die Lust am Lernen

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In den nächsten Tagen müssen sich Berlins Erstklässler-Eltern wieder für eine Grundschule entscheiden und haben Angst, Fehler zu machen. Kann man hier wirklich so viel falsch machen? Bei jeder Schulwahl erweist sich erst am Ende der Schulzeit, ob die einstige Entscheidung gut oder schlecht war. In ein und derselben Klasse fühlt sich das eine Kind wohl, während das andere leidet. Schulerfolg hat vielleicht mehr mit zwischenmenschlicher Chemie und Emotionen als mit dem Schulprogramm zu tun. Die meisten Grundschulen in Deutschland haben ein hohes Niveau, und die Mehrheit der Kinder ist dort auch glücklich. Der konkrete Klassenlehrer und die konkrete Klasse sind nach meiner Erfahrung bedeutsamer als die jeweilige Schule und ihr öffentlicher Ruf. Leider kennt zum Zeitpunkt der Schulanmeldung niemand Klasse und Lehrer des nächsten ersten Jahrgangs. Das kann man nicht ändern. Würden Sie Eltern raten, im Zweifelsfall einfach die Schule des Einzugsbereichs zu nehmen, um lange Wege zu vermeiden? Ich würde ihnen raten, sich nicht von Gerüchten auf dem Spielplatz oder beim Friseur beeinflussen zu lassen, sondern sich unbefangen selbst ein Bild von der wohnortnahen Schule zu machen und es zuerst mit dieser zu versuchen. Wenn das Kind nach einigen Wochen ständig Bauchweh bekommen sollte und nicht mehr hingehen will, würde ich zunächst den Klassenlehrer nach möglichen Gründen fragen. Wenn keine plausiblen Erklärungen und keine Abhilfe kommen, sollte man notfalls rasch die Schule wechseln. Manchmal liegen die Gründe aber auch bei den zu hohen Erwartungen der Eltern an ihr Kind. Viele Eltern flüchten vor Schulen, deren Kinder überwiegend schlecht Deutsch sprechen. Ab welchem Anteil wird es kritisch? Mir ist keine wissenschaftliche Studie bekannt, die hier einen präzisen Prozentsatz angeben könnte. Es gibt viele Grundschulen mit einem hohen Anteil von Kindern nichtdeutscher Familiensprache, in denen auch die Kinder deutscher Familiensprache hervorragend gefördert werden, weil die Lehrer verschiedene Formen der Differenzierung praktizieren und beherrschen. Andere beherrschen das nicht, da kann die Situation schwierig werden. Aber man sieht es den Schulen nicht von außen an. Der Migrantenanteil in den Schulen steigt rapide an. Überproportional viele von ihnen kommen aus Hartz-IV-Familien oder kommunizieren auf extrem einfachen Niveau. Gehen Mittelschichtkinder da nicht unter? Die Lehrer müssen immer Beides leisten: Wir brauchen in allen Schulen hoch differenzierte Unterrichtsangebote und auch variable Durchlaufzeiten für alle Schülerauf allen Schulstufen: für die Kinder mit Lernschwierigkeiten, für die durchschnittlich gut lernenden und für die sehr schnell lernenden Kinder. Also weg von der Jahrgangsklasse und hin zu mehr Individualisierung! Dann müssten nicht die einen unter- und die anderen überfordert werden. Wir hören von Kindern aus Kreuzberg, die nach einer Umschulung nach Pankow oder Brandenburg rapide in den Noten abrutschten, weil dort das Unterrichtsniveau höher ist als in Schulen mit hohem Migrantenanteil. r, weil es keinen so hohen Anteil mit Kindern ohne Deutschkenntnisse gibt. Verstehen Sie, dass Eltern unter diesen Umständen so schnell wie möglich umziehen oder sich zum Schein ummelden? Ich halte es nicht für belegbar, dass das Unterrichtsniveau in Pankow oder Brandenburg pauschal höher ist als in Kreuzberg. Es gibt auch in Kreuzberg hervorragende Grundschulen mit beachtlichem Förderpotenzial, und nicht jede Brandenburger Grundschule unterrichtet auf höchstem Niveau. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Aus diesem Grund halte ich auch die in der öffentlichen Diskussion übliche pauschale Gleichsetzung von „Kindern mit schlechten Deutschkenntnissen“ und niedrigem Unterrichtsniveau für falsch. Die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten sprechen doch wohl für sich. Die Vergleichsarbeiten werden schrecklich überschätzt. Sie machen punktuelle Aussagen von einem einzigen Tag in der Vergangenheitund testen nur ein ganz begrenztes Repertoire an Kompetenzen. Alle Schulen arbeiten aber hart daran, sich zu verbessern. Manche mit mehr, andere mit geringerem Erfolg.Die Wirkungsmöglichkeiten der Lehrer sind ohnedies begrenzt. Letztlich ist das kulturelle Kapital der Familie für den Schulerfolg meist bedeutsamer als die ganzen Bemühungen der Schulen. Für Kinder aus bildungsstarken Familien ist das Schulklima daher oft wichtiger als der Unterricht. Für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern ist neben dem Schulklima allerdings die Unterrichtsqualität erfolgsentscheidend. Sie haben einmal gesagt, dass Schulen in sozialen Brennpunkten eine "Unterschichtenpädagogik" brauchen, um bei ihrer Klientel erfolgreich zu sein. Aber was passiert dann mit den Leistungsstarken, gut geförderten Kindern, die in diese Klassen kommen? Die Rede von der noch zu entwickelnden "Unterschichtenpädagogik" zielte darauf ab, dass unserer Lehrerinnen und Lehrer, die selbst mehrheitlich aus der Mittelschicht kommen, für die Förderung bestimmter Schülergruppen weniger gut ausgebildet zu sein scheinen und die Fachdidaktiken offenbar auch ratlos sind, was mit diesen Kindern geschehen soll und wie man adäquate Bildungsangebote an sie herantragen soll. Für die Förderung hoch begabter Kinder haben wir viele gute Modelle, die ja auch angewendet werden. Verstehen Sie Eltern, die lieber Geld für eine Privatschule ausgeben, als ihr Kind in eine staatliche Grundschule zu schicken? Privatschulen bieten keine Glücks- und keine Schulerfolgsgarantie. Kinder können auch an Privatschulen leiden und unter- wie überfordert werden. Studien zeigen auch, dass das Leistungsniveau an Privatschulen im Durchschnitt keineswegs höher ist als an staatlichen Schulen.Trotzdem verstehe ich es, dass Eltern es mit einer Privatschule versuchen, wenn ihr Kind an der staatlichen Schule unglücklich ist und die Lust am Lernen verliert. Die Fragen stellte Susanne Vieth-Entus

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