Biografie-Wettbewerb : Die Suche nach dem Superleben

Ein bundesweiter Biografie-Wettbewerb ist gerade zu Ende gegangen, eine Jury wählte aus 221 Bewerbungen drei erste Plätze aus. Aber wie geht denn das überhaupt? Von der anmaßenden Idee, Lebensläufe auf Hitlisten zu platzieren.

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The Winner is ... Susanne Huber gewann in der Kategorie „Persönlichkeit“, weil sie, so die Jury, bisher ihr Leben auf inspirierende Weise gemeistert habe.
The Winner is ... Susanne Huber gewann in der Kategorie „Persönlichkeit“, weil sie, so die Jury, bisher ihr Leben auf...Foto: Steffen Düvel

Das Leben des Jahres begann in einer Märznacht 1942, mit Steißlage. Mit einer komplikationsreichen, langwierigen Geburt also, was es mit sich brachte, dass niemand der damals Anwesenden im entscheidenden Moment einen Blick auf die Uhr werfen konnte, so dass wiederum bis heute Unklarheit über das Datum herrscht. Vor Mitternacht oder danach? Der 30. März oder der 31.?

Es ist das Leben von Susanne Huber. Diesjährige Siegerin in der Kategorie Persönlichkeit des bundesweit ausgetragenen Biografie-Wettbewerbs „Was für ein Leben!“. Ausgewählt aus fast 100 Bewerbungen, ausgezeichnet mit einem Blumenstrauß und der Hauptrolle in einem 35 Minuten langen Dokumentarfilm, der dieses Leben auf einen Nenner zu bringen versucht.

Sie steht da, vor der Leinwand des Kinos im Deutschen Historischen Museum in Berlin, mit den Blumen in der Hand, es ist der vergangene Sonntag. Der Film ist aus, sie hat ihn in seiner endgültigen Fassung gerade zum ersten Mal gesehen. Sie sagt „Ich war eine Zumutung für meine Mitbürger“ in ein Mikrofon, und es gibt Applaus.

Ein Wettbewerb, der das beste Leben sucht. Der Menschen aus dem ganzen Land dazu einlädt und die Anmaßung besitzt, tatsächlich eine Auswahl zu treffen, der eine Rangliste und schließlich eine Siegerbiografie benennt. Ein Leben, das alle anderen überragt, ein Superleben, das die anderen zwangsläufig und zumindest ein wenig entwertet, von dem jedoch die, die es lebt, sagt, es bestehe aus einer Zumutung für ihre Umgebung. Was ist da denn bloß passiert?

Die Suche nach dem Superleben begann vor vier Jahren im Büro einer Berliner Filmproduktionsfirma. Zwei Frauen, die beiden Fernsehjournalistinnen Angelika Brötzmann und Evelyn Filipp, hatten sie ein paar Jahre zuvor gegründet. Sie hatten sich auf Filmbiografien spezialisiert. Jeder, der will, kann einen Dokumentarfilm über sich bei ihnen in Auftrag geben, Mindestkosten 3000 Euro. Ärzte kamen, Anwälte, das Großbürgertum. Die Ärzte und Anwälte hörten den Satz, dass mit 3000 Euro in der Tat ein Film zu machen sei, dass damit aber niemand glücklich würde. Filme, mit denen man glücklich würde, kosteten ein Mehrfaches. Manche der Ärzte und Anwälte erschraken dann, manche nicht, die Firma lief jedenfalls, und Brötzmann und Filipp wissen nicht mehr genau, ab wann sich so eine Art Überdruss bei ihnen einstellte, immer im selben Milieu zu arbeiten. Irgendwann kamen sie auf die Idee mit dem Wettbewerb.

„Wir haben nach einem Akquisemittel gesucht“, sagt Brötzmann, „kann man ganz ehrlich sagen.“ Sie sagt das im November 2010 in ihrem Büro, die damalige Wettbewerbssaison war gerade zu Ende gegangen, die Arbeit an der diesjährigen lag noch vor ihr. Sie spricht über ihre Zeit beim Fernsehen, über die Traurigkeit darüber, die sich am Ende bei ihr einstellte. Brötzmann, Jahrgang 1961, hat vor allem Magazinbeiträge gemacht. „Am Anfang, da hat man noch einen Erkenntnisgewinn und ein Sendungsbewusstsein“ sagt sie. „Das lässt aber nach. Man merkt, man kann in fünf Minuten wenig erzählen. Man erfährt wenig.“

Ganz am Schluss ihrer Fernsehzeit machte sie Prominentenberichte. Rote Teppiche. Ihr Ehrgeiz damals habe vor allem darin bestanden, an etwas heranzukommen, was man beim Fernsehen O-Töne nennt. O-Töne, die sonst keiner hat. Sie hat es einmal geschafft, Brad Pitt nach einer Pressekonferenz im Alten Museum zu stellen, weil sie nicht wie die anderen Kollegen am Haupteingang, auf der Freitreppe, auf ihn wartete, sondern sich auf Verdacht an eine Hintertür stellte. Und, was hat er gesagt? „Das weiß ich nicht mehr“, sagt Brötzmann, „darum geht es da ja nicht. Das ist es ja.“ Mit der Filmbiografiefirma ist sie jetzt deutlich näher an ihrer Vorstellung von einem erfüllten Berufsleben. Sie sagt: „Meine Lieblingsvorstellung wäre, man würde bezahlt kriegen, dass man unendlich viele Lebensgeschichten verfilmen kann.“

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