Welt : Blindflug in den Tod

Dichter Nebel verursacht Absturz in der Türkei – 75 Menschen überleben die Landung in Diyarbakir nicht

Susanne Güsten[Istanbul]

Der Flug 634 aus Istanbul setzte zur Landung im südostanatolischen Diyarbakir an, doch selbst von ihrem Fensterplatz auf der rechten Seite der Maschine konnte Aliye Il nicht viel sehen; über dem Flugplatz lag dichter Nebel. Zweimal steuerte der Pilot die Landebahn an, zweimal zog er die Maschine wieder hoch. Wegen schlechter Sicht habe er abdrehen müssen, entschuldigte sich Kapitän Alaattin Yunak über den Bordlautsprecher bei seinen Passagieren. Beim dritten Anlauf sollte es endlich klappen. „Wir landen“, teilte Yunak knapp mit – dann schlug die Maschine auf, zerbarst in drei Teile und brannte lichterloh. 80 Menschen waren an Bord, nur fünf überlebten das Flammeninferno.

In der Ankunftshalle machten sich die wartenden Angehörigen zu diesem Zeitpunkt noch keine Sorgen. Der Flug 634 wurde planmäßig erst eine Viertelstunde später erwartet, und von den verzweifelten Anflugversuchen der Maschine hatten die Wartenden wegen des dichten Nebels nichts mitbekommen. Selbst als der Widerschein der hochlodernden Flammen den Nebel jenseits der Piste orangerot färbte, dachten sich viele Angehörige noch nichts Böses. „Da muss einem Jagdflieger etwas zugestoßen sein“, dachte sich Bilal Ersöz, denn der Flughafen Diyarbakir wird überwiegend militärisch genutzt; die täglichen drei bis vier Verkehrsmaschinen der staatlichen Fluggesellschaft Turkish Airlines aus Ankara und Istanbul landen auf dem Militärflugplatz quasi nebenher.

Im Tower wusste man schon während der Anflugphase nur zu gut, wie brenzlig die Lage war. Eben weil der Flughafen Diyarbakir in erster Linie als Luftwaffenstützpunkt dient, ist er nicht mit einem Instrumenten-Lande-System (ILS) ausgerüstet, das Verkehrsflugzeuge auch bei schlechter Sicht sicher herunterleiten kann; der dafür notwendige Sendemast neben der Piste würde die Jagdflieger bei ihren eigenen Landemanövern gefährden. Über Diyarbakir lag schon seit einer Woche dichter Nebel; seit Tagen waren immer wieder Flüge gestrichen worden, nachdem eine Verkehrsmaschine aus Ankara einen Landeanflug im letzten Moment abbrechen und durchstarten musste. Als Flug 634 in Istanbul startete, herrschte in Diyarbakir zwar relativ klare Sicht; während der knapp zweistündigem Flugzeit legten sich die Schwaden aber wieder dicht über den Flugplatz.

„Haben Sie denn freie Sicht?“, fragte der Lotse die Besatzung, als diese zum letzten Landeversuch ansetzte. „Können Sie die Landebahn sehen?“ Verzweifelt kam die Antwort des Piloten über den Äther: „Ich sehe sie nicht. Und die 1,5-Meilen-Warnung ist schon da.“ Es war die letzte Meldung von Flug 634. „Sie kommen zu steil herunter“, warnte der Lotse, doch am anderen Ende war nur noch Stille. Ob die Besatzung das Flugzeug bis zuletzt noch hoch über dem Boden glaubte oder ob sie es in einer Panikreaktion übersteuerte und zu tief absenkte, war am Donnerstag noch offen, doch gingen die Experten davon aus, dass zur schlechten Sicht ein Pilotenfehler kam. Die vierstrahligen Maschinen vom Typ RJ-100, wie sie auch für Flug 634 eingesetzt war, werden von der Fluggesellschaft meist ihren weniger erfahrenen Piloten zugeteilt. Kapitän Yunak war erst 35 Jahre, sein Kopilot war 34 Jahre alt.

Endgültigen Aufschluss über den Unfallhergang soll die Auswertung der beiden Flugschreiber geben, die nach Angaben des Verkehrsministeriums in den Trümmern der Maschine gefunden wurden. Der Flughafen von Diyarbakir blieb wegen andauernden Nebels auch am Donnerstag zunächst geschlossen. Erst mit mehrstündiger Verspätung konnten deshalb Flugzeuge mit Technikexperten und Angehörigen aus Istanbul und Ankara starten.

Noch auf ihrem Sitzplatz 14-F angeschnallt, fand Aliye Il sich nach dem Aufprall auf einem Strohhaufen wieder. Die zerborstene Maschine brannte lichterloh, um sie herum stolperten brennende Menschen über das Feld und schrien nach ihren Kindern. „Dann gab es eine Explosion, und plötzlich brannte auch der Strohhaufen unter mir“, erinnerte sich die Frau unter Tränen im Krankenhausbett. „Ich habe meinen Gurt geöffnet und mich auf das Gras gerollt, um die Flammen zu löschen.“ Aliye Il stand auf ihren eigenen zwei Beinen, als die ersten Helfer angerannt kamen; um sie herum war es aber still geworden. Nur fünf der 80 Menschen an Bord überlebten die Bruchlandung; alle anderen verbrannten.

In der Ankunftshalle schlug die Vorfreude auf die ankommenden Passagiere in ungläubigen Schrecken, Entsetzen und schließlich Verzweiflung um. Statt ihre Angehörigen in die Arme schließen zu können, mussten die wartenden Familien sie aus den Reihen verkohlter Leichen heraussuchen, die zur Identifizierung in einer nahe gelegenen Sporthalle ausgelegt wurden.

Die Rettungssanitäter, die den Absturzopfern nicht mehr helfen konnten, mussten Mütter und Väter versorgen, die vor Schmerzen ohnmächtig wurden. Auf dem Flughafen Istanbul wählte ein Mann inzwischen unter Tränen die Handynummer eines Verwandten, den er zum Flieger nach Diyarbakir gebracht hatte. „Ich rufe immer wieder an ", schluchzte er. „Aber er hebt nicht ab.“

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