• Brand auf Autofähre „Norman Atlantic“: Verbliebene Passagiere von Adria-Fähre gerettet
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Brand auf Autofähre „Norman Atlantic“ : Verbliebene Passagiere von Adria-Fähre gerettet

Von der Autofähre „Norman Atlantic“ sind nach einem Brand trotz stürmischer See 427 Menschen in Sicherheit gebracht worden. Zehn Menschen konnten nur tot geborgen werden.

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Retter bringen einen Passagier der verunglückten Autofähre "Norman Atlantic" in Sicherheit
Retter bringen einen Passagier der verunglückten Autofähre "Norman Atlantic" in Sicherheit

Es war ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit, gegen die Wetterunbilden, gegen das Feuer: Fast 500 Menschen waren in der Nacht zum Sonntag an Bord einer Fähre in der Adria von einem Brand überrascht worden. Schnell hatten die Flammen um sich gegriffen, Angst und Verzweiflung machten sich an Bord des Schiffes breit. Rettungshubschrauber versuchten nach Tagesanbruch, die Passagiere in Sicherheit zu bringen. Sämtliche Passagiere sind inzwischen geborgen. Am Ende der anderthalbtägigen Rettungsaktion ging Kapitän Argilio Giacomazzi am Montagnachmittag als letzter von Bord, wie die italienische Küstenwache mitteilte. Zehn Menschen konnten jedoch nur tot aus dem aufgepeitschten Mittelmeer geborgen werden, der Verbleib von Dutzenden weiteren war noch unklar.

427 Menschen seien gerettet worden, darunter 56 Besatzungsmitglieder, sagte der italienische Transportminister Maurizio Lupi am Montagabend. Die Identität der Toten war noch unklar. Die Suche nach möglichen Vermissten gehe weiter. Aber konkrete Zahlen zu Vermissten zu nennen, sei verfrüht. Offenbar gab es Ungereimtheiten mit der Passagierliste.

An Bord waren laut Passagierliste 478 Menschen, darunter 18 Deutsche. Medien hatten zuvor über rund 40 Vermisste spekuliert. Unter den Geretteten waren aber auch Menschen, die nicht auf der Liste standen, hieß es auf der Pressekonferenz. Möglicherweise handelt es sich um illegale Einwanderer.

Wie war die Situation an Bord?

Nach Berichten von Augenzeugen spielten sich an Bord der Autofähre dramatische Szenen ab: „Wir sind völlig hilflos“, berichtete ein Passagier per Handy im griechischen Radio. „Die Menschen schreien, alle sind verzweifelt“, schilderte ein anderer Reisender, „keiner weiß, wie lange wir noch aushalten.“ Die Hitze an Deck sei so stark, dass seine Schuhsohlen geschmolzen seien, berichtete ein Passagier. Rettungsflöße seien zwar zu Wasser gelassen worden, einige seien aber sofort abgetrieben worden, bevor Menschen sie erreichen konnten.

Fernsehbilder, die von Bord eines Rettungshubschraubers aufgenommen wurden, zeigten eine dichte schwarze Rauchwolke über dem Schiff, das in schwerem Seegang trieb. Flammen schlugen aus den Luken der Fahrzeugdecks. Passagiere berichteten, das Schiff werde immer wieder von Explosionen erschüttert.

Wie viele Menschen befanden sich an Bord?

Nach Angaben der griechischen Behörden befanden sich 473 Menschen auf dem Schiff, davon 417 Passagiere, überwiegend Lastwagenfahrer. Die griechische Reederei Anek Lines, die das unter italienischer Flagge fahrende Schiff gechartert hatte, sprach dagegen von 478 Passagieren und Besatzungsmitgliedern. Laut Passagierliste waren auch 14 Deutsche und vier Schweizer sowie vier Österreicher an Bord. Auf den Parkdecks der Fähre befanden sich rund 200 Fahrzeuge, überwiegend Lastzüge.

Wie liefen die Rettungsmaßnahmen?

Koordiniert wurden die Rettungsmaßnahmen von den italienischen Behörden. Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi stand in ständigem Kontakt mit seinem griechischen Amtskollegen Antonis Samaras. „Beide Regierungen arbeiten eng zusammen und werden alle Mittel mobilisieren, um die Menschen zu retten“, sagte die griechische Regierungssprecherin Sofia Voultepsi. Erheblich erschwert wurden die Rettungsversuche jedoch durch das widrige Wetter: In dem Seegebiet tobte ein Sturm mit Windstärken von bis zu neun Beaufort, Regen- und Hagelschauer nahmen den Rettern die Sicht. Der griechische Marineminister Miltiadis Varvitsiotis sprach von einer der „schwierigsten Rettungsaktionen, die wir je durchgeführt haben“.

Grafik: Tsp/Pieper-Meyer

Acht andere Schiffe eilten am Sonntagvormittag zur Unglücksstelle, darunter die unter italienischer Flagge fahrende Autofähre „Cruise Europa“. Ihre Besatzung setzte ein Rettungsboot aus, um Passagiere von der „Norman Atlantic“ zu übernehmen. Das Boot konnte sich aber wegen des schweren Seegangs nicht dem brennenden Schiff nähern. Die griechische Luftwaffe schickte zwei Hubschrauber und ein Hercules-Transportflug zur Unglücksstelle.

Am Sonntagnachmittag teilte der italienische Kapitän der „Norman Atlantic“ über Sprechfunk mit, nun seien auch die Maschinen und die Ruderanlage der Fähre ausgefallen. Das Schiff treibe führerlos in der stürmischen See in Richtung Albanien. Das Feuer sei noch nicht gelöscht, aber mittlerweile unter Kontrolle, meldete der Kapitän.

Der Ausfall der Maschine und der Stromversorgung machte die Rettungsaktion zu einem Wettlauf mit der Zeit: Die Rettungsmannschaften mussten versuchen, vor Einbruch der Dunkelheit möglichst viele Passagiere in Sicherheit zu bringen. Aus Italien trafen am Nachmittag drei Schlepper bei der brennenden Fähre ein. Versuche, den in der stürmischen See treibenden Havaristen in Schlepp zu nehmen, scheiterten aber zunächst wegen des starken Seegangs.

Den Besatzungen italienischer Rettungshubschrauber gelang es, etwa zehn Schiffbrüchige zu bergen, die mit Rettungswesten im Meer trieben. Sie wurden zu einem Flugplatz ins italienische Lecce geflogen. Nachdem sich am Sonntagnachmittag das Wetter ein wenig gebessert hatte, begannen drei Super-Puma-Hubschrauber der italienischen Küstenwache, Passagiere mit Seilwinden vom Deck der brennenden Fähre aufzunehmen und zur „Cruise Europa“ zu fliegen.

Bis Sonntagnachmittag konnten 56 Menschen, die sich in Rettungsflößen befanden, von den Besatzungen anderer Schiffe geborgen werden. Weitere 150 Passagiere befanden sich in einem Rettungsboot der „Norman Atlantic“. Der Besatzung eines zur Hilfe geeilten Containerschiffs gelang es bis zum späten Nachmittag, etwa 40 Schiffbrüchige über Strickleitern an Bord zu nehmen. Die restlichen harrten weiter in dem Rettungsboot aus. Bei bis zu Windstärke neun wurde auch nach Einbruch der Dunkelheit fieberhaft versucht, Passagiere und Besatzungsmitglieder von der in Flammen stehenden “Norman Atlantic“ zu holen. Sobald das Feuer gelöscht ist und die Passagiere in Sicherheit sind, soll die Fähre ins italienische Brindisi geschleppt werden.

Was ist über die Ursache des Feuers bekannt?

Das Feuer war am Sonntagmorgen gegen 4 Uhr offenbar auf einem Fahrzeugdeck der „Norman Atlantic“ ausgebrochen. Über die Ursache gab es zunächst keine Informationen. Am Abend berichteten das staatliche griechische Fernsehen NERIT und andere Medien, auf der Fähre sollen bei einer Inspektion Sicherheitsmängel festgestellt worden sein. So habe die Hafenbehörde von Patras am 19. Dezember bei einer Inspektion unzureichende Rettungsmittel, undichte Sicherheitstüren, den Zustand der Notbeleuchtung und das Fehlen von Evakuierungsplänen an den Wänden des Schiffes bemängelt. Der Reederei sei eine zweimonatige Frist zur Behebung dieser Mängel eingeräumt worden, berichtete NERIT. Ob das Schiff dennoch als seetüchtig gelten konnte, blieb unklar.

Das Unglück erinnert an eine Katastrophe vom 1. November 1999, als auf einem Fahrzeugdeck der griechischen Autofähre „Superfast III“ knapp 30 Kilometer vor der westgriechischen Küste ein Feuer ausgebrochen war. Blinde Passagiere hatten sich in einem Lkw versteckt und bei der Überfahrt nach Italien versucht, sich mit einem Gaskocher eine Mahlzeit zuzubereiten. Die Mannschaft konnte den Brand nach einigen Stunden löschen. 14 kurdische Migranten kamen bei dem Unglück ums Leben. (mit dpa, rtr)

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