Welt : Britannien bekommt ein schwimmendes Alcatraz

HOLGER WUCHOLD

Moderne Galeere soll Platznot in Gefängnissen abhelfen/ Immer härtere Strafen/ Jede Woche über 300 neue InsassenVON HOLGER WUCHOLD LONDON.Das Schiff trägt den Namen "Entschlossenheit" und sieht aus wie eine Festung.Es wird als britisches "Alcatraz" vor der englischen Südküste vor Anker gehen.Denn die Gefängnisse an Land sind hoffnungslos überfüllt.Der britische Innenminister hat sich seinen ungewöhnlichen Einfall durchaus etwas kosten lassen.Zu viel, meinen seine Kritiker.Denn der ehemaligen Eignerin, der Stadt New York, zahlte Michael Howard vier Millionen Pfund für den schwimmenden Knast - etwa sechsmal so viel wie die Amerikaner ursprünglich gezahlt hatten und zehnmal so viel wie sie sich erhofft hatten.Denn mehr als den Schrottwert hatten sie nicht erwartet.Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wollte niemand das Gefängnisschiff haben.Nachdem es in New York bereits vor Jahren aus "humanitären Gründen", wie es heißt, außer Dienst gestellt wurde, wird das Schiff nun vor Portland vor Anker gehen. Zwar haben die Bürger von Portland gegen das "Alcatraz" in ihrem Hafen protestiert, aber ohne Erfolg.Der örtliche konservative Abgeordnete bejubelte die Entscheidung seiner Londoner Parteifreunds als "wichtigen Impuls für die regionale Wirtschaft".Die Bürger trösten sich nun damit, daß die "Entschlossenheit" nur für drei Jahre vor ihrer Stadt liegen soll.Bis dahin hin will der Minister an Land neue Gefängnisse fertigstellen lassen, die die rund 500 Gefangenen aufnehmen können, die ihre Strafe auf dem Schiff verbüßen müssen. Vier neue Haftanstalten sind derzeit in Großbritannien in Bau.Wenn die Zahl der Insassen allerdings weiterhin so steigt wie in den letzten Jahren, werden auch die Neubauten schon bald hoffnungslos überfüllt sein.Zur Zeit sitzen 59 156 Gefangene in Britannien ein.Und jede Woche werden es bis zu 300 mehr.Der Grund sei nicht darin zu suchen, daß die Briten krimineller geworden sind.Juristen, Justizbeamte und die Labour-Opposition sehen den Anstieg vielmehr als Folge der Neigung der regierenden Konservativen, die Strafgesetze immer weiter zu verschärfen.Die Lage in den Gefängnissen, so warnte die Spitze der Justizverwaltung, hat sich durch die hohen Gefängnisstrafen dramatisch verschlechtert.Die Vorsitzende der weiblichen Vollzugsbeamten, Linda Jones, schlug vor, bei Gefangenen, die keine Gefahr für die Sicherheit darstellten, auf Haftstrafen zu verzichten und sie zu einem Arbeitseinsatz in Gemeinden zu verurteilen."Das ist billiger und häufig wirkungsvoller."

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